Lallemand: "Banken werden zur Manipulation angestiftet"

Banken manipulieren Preise, Zinssätze, Benchmarks - und Politiker. Strafen dafür sind zu niedrig, sagt Benoît Lallemand von Finance-Watch im Gespräch mit der "Presse".

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Lallemand Banken werden Manipulation – (c) REUTERS (BRENDAN MCDERMID)

Die Presse: Derzeit vergeht kaum eine Woche, in der kein neuer Skandal bekannt wird, wie Banken die Finanzmärkte manipulieren. Ist das Zufall oder warum passiert das gerade jetzt?

Benoît Lallemand: Das Grundproblem ist, dass fünf Jahre nach der größten Finanzkrise seit 1929 nichts von der fundamentalen Reform, die uns versprochen wurde, zu sehen ist. Was wir erleben, ist einerseits das Resultat von 30 Jahren Deregulierung. Und andererseits suchen die Banken jetzt, da die Märkte schwächer sind, eben andere Wege, um profitabel zu bleiben. Die Manipulation von Benchmarks und Rohstoffpreisen ist einer.

War das früher anders? Gab es früher weniger Manipulation?

Manipulation hat es immer gegeben. Aber bis in die 1970er waren die Hauptaufgaben des Finanzsystems von staatlichen Akteuren kontrolliert. Es geht mir nicht um Banken-Bashing. Die Finanzwirtschaft ist wichtig, wenn sie der Gesellschaft dient. Aber nach drei Jahrzehnten Deregulierung ist die Lücke zwischen dem öffentlichen Interesse und dem Interesse der privaten Akteure am Finanzmarkt enorm. Letztlich geht es für sie immer darum, ihre eigenen Profite zu maximieren.

 

Was die Banken genau manipulieren – von Libor bis Isdafix – versteht der durchschnittliche Bürger kaum noch. Welchen Einfluss haben die Manipulationen auf den Einzelnen?

Bei Gas, Strom und Rohstoffen liegen die Folgen höherer Preise für die Menschen auf der Hand. Jeder muss heizen und essen. Aber auch in allen anderen Fällen bezahlt am Ende jedes Mal der Konsument. Sei es beim Libor über höhere Kreditzinsen oder beim Isdafix, weil seine Pensionskassa höhere Preise bezahlen muss. In den letzten 30 Jahren hat sich die Finanzindustrie verdreifacht. Die Zwischenhändler sind wichtiger geworden als die eigentlichen Nutzer des Finanzsystems. Und sie haben Eigeninteressen, für die andere zahlen müssen.

Nach dem Libor-Skandal haben Politiker und Regulatoren große Reformen versprochen. Sie blieben letztlich aus. Warum versucht die Politik nicht, die Kontrolle zurückzugewinnen?

Die Finanzinstitute sind enorm gewachsen in Größe und in Bedeutung. Sie kontrollieren den Regulierungsprozess auf allen Ebenen. Von den G20 bis zu den nationalen Regulatoren hängen alle Politiker von der Expertise der Banken ab, weil zu wenig Geld in den Aufbau einer starken Regulierung gesteckt wurde. Der Reformprozess muss sich kaum demokratisch rechtfertigen.

 

Die Banken manipulieren also nicht nur die Märkte, sondern auch die Politiker?

Manipulieren ist ein hartes Wort, aber die Branche ist sehr dominant und hat großen Einfluss darauf, welche Regulierung kommt. In den letzten Jahren haben wir gesehen, dass die Regeln immer komplexer wurden, statt einfacher. Wenn Politiker 2008 große Reformen versprochen haben, dann auch, weil der Druck der Bürger da war. Ohne diesen Druck wird nichts passieren. Die Finanzbranche war nach der Krise sehr fragil, mittlerweile hat sich das Blatt gewendet. Staaten mussten Banken retten und heute zeigen die Institute mit dem Finger auf die Länder und sagen: Ihr seid schuld, dass es kein Wachstum gibt.

Mit welchen „einfachen Regeln“ ließe sich das Problem denn beheben?

Die Idee der Selbstregulierung in der Finanzwelt ist ein Oxymoron. Daher muss jede Finanzaktivität, die einen Einfluss auf die ganze Gesellschaft hat, unter behördliche Aufsicht gestellt werden. Die Regulatoren müssen in der Lage sein, Interessenkonflikte zu erkennen und zu verhindern.

Kritiker meinen, das Grundproblem sei die Aufgabe des Trennbankensystems nach dem Glass-Steagall-Act.

Das ist sicher ein wichtiger Punkt. Aber es gibt auch andere große Schritte. Etwa bei den Rohstoffen. Bis zum Jahr 2000 wäre es Goldman Sachs etwa nicht erlaubt gewesen, physische Rohstoffe zu kaufen und selbst Lager zu halten. Das machte Manipulationen viel schwieriger. Wir müssen die Banken vor sich selbst beschützen, damit sie wieder eine Schlüsselfunktion in der Gesellschaft spielen können. Dazu gehört auch eine Abkehr von reinen Scherzstrafen.

Drohen Marktmanipulatoren heute nur Scherzstrafen?

Einige Betrüger in der jüngeren Zeit mussten schon viel Geld dafür bezahlen. Aber es ist immer noch so, dass der Profit, den man aus betrügerischem Verhalten schlagen kann, viel höher ist, als die Strafe, die man zu befürchten hat. Banken werden zur Manipulation angestiftet. Und das Vertrauen der Öffentlichkeit wird so sicher nicht zurückgewonnen.

 

Kann es überhaupt einen Markt ohne Manipulation geben? Die größten Manipulatoren sind ja die staatlichen Notenbanken selbst.

Manipulation wird es immer geben. Aber wenn es stärkere Kontrolle gibt, wird es schwieriger werden, Profit daraus zu schlagen. Aber solange Banken an Benchmarks, die sie selbst manipulieren, gut verdienen können, ist der Interessenkonflikt programmiert.

Auf einen Blick

Benoît Lallemand (38) ist Senior Policy Analyst bei Finance-Watch, einer Lobbyorganisation, die sich als Gegengewicht zu 700 Banklobbyisten in Brüssel sieht. Bis zur Gründung von Finance-Watch im Jahr 2010 arbeitete der belgische Ökonom selbst noch auf der anderen Seite der Finanzwirtschaft. [FinanceWatch]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.08.2013)

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