Der Verdächtige im französischen Bankenskandal, Jérôme Kerviel, ist auf den ersten Blick ein Pechvogel. Er dürfte versucht haben, seine Verluste zu verstecken und durch risikoreiche Spekulationen auszugleichen. Er wurde ein Opfer der Kursrutsche dieser Woche: Sein Finanzkonstrukt brach zusammen.
Das deutsche Magazin "Spiegel" beschreibt die Entstehung des Skandals so: Am vergangenen Freitagabend entdeckt einer seiner Kollegen, dass Kerviel seine Risiko-Obergrenzen überschritten hat. Am Samstag wird er zum Investmentbanking-Chef der Société Géneralé zitiert und bis in die Nacht befragt. Am folgenden Montag fallen die Kurse an den internationalen Börsen rasant. Kerviels Aufgabe bei der Bank war es ursprünglich, genau für solche Fälle durch Futures das Verlustrisiko der Bank zu begrenzen. In der Börsensprache nennt man das "Hedging": Sich wie ein Igel zusammenrollen und in alle Seiten absichern.
Auch gegen steigende Kurse kann man sich absichern: Man kauft beispielsweise einen Future, um in zwei Wochen eine Aktie um 100 zu kaufen. Ist die Aktie dann über 100 wert, hat man sich gegen steigende Kurse abgesichert.
Nach Angaben des Analysten Kinner Lakhani von ABN Abro soll Kerviel das ganze letzte Jahr über seine Bank gegen fallende Kurse abgesichert haben. Das war auch völlig korrekt: Letztes Jahr stiegen die weltweiten Aktienkurse, also muss man gegen die Gefahr von fallenden absichern. Aus bisher unerfindlichen Gründen setzte Kerviel aber ab Anfang 2008 auf steigende Märkte.
Das Börsenbeben, dass am "Schwarzen Montag", 21.Jänner, einsetzte war sein Verhängnis. Die Bank löste Kerviels Positionen auf - und "entdeckte" die fast fünf Milliarden Euro Verlust, die er angehäuft hatte.
Wie es zu 4,9 Milliarden kam
Auf den zweiten Blick ist Kerviel kein Pechvogel mehr. Er hinterging seine Arbeitgeber, indem er die Verluste in einem verborgenen Winkel der Bank versteckte. Wahrscheinlich in der Hoffnung, sie durch sehr risikoreiche Investments wieder auszugleichen. Vermutlich hätte er nur die Notbremse ziehen müssen. Die riskanten Positionen aufgeben, geringe Verluste akzeptieren und vor allem seine Vorgesetzten informieren.
Der Mensch - ein Fehler im System
Vielmehr zeigt der Fall, wie Kontrollmechanismen einer Bank versagen können. Kerviel hatte schon letztes Jahr Verluste verursacht. Das ist soweit auch nicht ungewöhnlich, denn Spekulationen mit Finanzderivaten bergen ein relativ hohes Risiko. Man wettet praktisch auf steigende oder fallende Kurse.
Wie genau Jérôme Kerviel das Kontrollsystem der Bank umgangen hat, ist weiterhin unklar. Der Börsen- und Banken-Professor Wolfgang Gerke von der Universität Erlangen meint, dass der Faktor Mensch die Schwachstelle im System ist. Denn einzelne Händler und deren Vorgesetzte entscheiden, wann welche Position verkauft wird.
Dabei orientieren sie sich nicht nur an Fakten. Auch die Konkurrenz in der eigenen Abteilung spiele eine wichtige Rolle. Ebenso der Blick auf die Gewinnbeteiligung am Ende des Jahres. Diese braucht normalerweise einen Gewinn - auch wenn es wie im Fall der Société Géneralé besser gewesen wäre, einen möglicherweise moderaten Verlust rechtzeitig zu akzeptieren. Gerke meint, dass aber zumindest hochrangige Vorgesetzte informiert werden hätten müssen. (red)

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