Rad an Rad stehen hunderte Luxuskarossen funkelnd, aber verlassen am Dubaier Flughafen. Viele Schlüssel stecken noch, hinter manchem Scheibenwischer findet sich ein Abschiedsbrief. Von den Besitzern fehlt hingegen jede Spur. Die einsame Flotte ist die letzte Erinnerung an den Exodus der Glücksritter aus den Emiraten. Schuld am Rückzug der ausländischen Unternehmer und Angestellten: die Krise und die Gesetze der Scheichs.
Vor einem Jahr stand noch jeder dritte Kran der Welt in Dubai. Eine überhitzte Finanzwirtschaft pumpte immer mehr Kapital für waghalsige Projekte und Prunkbauten mitten in der Wüste. Die Aussicht auf ein Stück von diesem Kuchen – ohne lästige Steuerpflichten, versteht sich – lockte Tausende an den Persischen Golf. Doch mit Beginn der Weltwirtschaftskrise floss auch das Geld nicht mehr. Die Immobilienpreise rasselten in den Keller. Die eingereisten Unternehmer und Arbeiter verloren Aufträge und Jobs. Für sie hieß es rasch handeln:
Denn wer in den Emiraten Schulden macht, begeht mehr als ein Kavaliersdelikt. Statt einem Konkurs drohen dem säumigen Schuldner ein paar Jahre Gefängnis. Wer seinen Arbeitsvertrag verliert, hat einen Monat Zeit, sich einen Job zu suchen. Danach müssen Ausländer ausreisen. Kein Kündigungsschutz, kein Arbeitslosengeld, keine Gnade. So ließen Tausende ihr Hab und Gut kurzerhand zurück und flohen in Richtung Heimat. Im Vorjahr stammten neun von zehn Bewohnern Dubais aus dem Ausland. Alleine heuer könnte die 1,5 Millionen starke Bevölkerung um ein Fünftel schrumpfen, schätzt die Investmentbank EFG-Hermes. Wer konnte, hat das sinkende Schiff längst verlassen.
Autos statt Visionen. Einer von ihnen ist Karl Weissenbäck. Anfang des Jahres musste auch er Koffer packen und den geordneten Rückzug antreten. Dabei ist der gebürtige Simmeringer schon zu Beginn seines Abenteuers gegen den Strom der Glücksritter geschwommen und ist bewusst nicht ins „überlaufene“ Dubai gegangen. Zu viele Unternehmer rauften sich hier zuletzt um immer weniger attraktive Geschäfte. Weissenbäck suchte sein großes Glück lieber im kleineren Nachbaremirat Ras Al Khaimah (R.A.K.), gut eine Autostunde von Dubais Glitzerwelt entfernt. Wirtschaftlich kann R.A.K. mit dem großen Bruder nicht Schritt halten. Im Vorjahr erwirtschaftete das ehemalige Fischer- und Piratendorf mit 3,5 Mrd. Euro nur ein Elftel des Bruttoinlandsprodukts von Dubai.
Und dennoch, als Weissenbäck vor vier Jahren im Auftrag einer Securityfirma zum ersten Mal in die Wüstensonne blinzelte, war sein Interesse rasch geweckt. R.A.K. war zwar klein, die Vision des Österreichers dafür umso größer. Er sah im 214.000-Einwohner-Land vor allem eines: 1684 Quadratkilometer Rennstrecke. Sein Plan: Das gesamte Emirat hätte zum „Racing Adventure Kingdom“ werden sollen. An 300 Sonnentagen hätten Biker in sengender Hitze über künstlich angelegte Schotter- und Eispisten hetzen sollen. Wenige Kilometer entfernt hätten tausende Besucher erste Bootsrennen bejubeln sollen. Doch letztlich scheiterte der Mann, der in seinem Leben „schon alles verkauft hat“. Dem Erfinder des „Race Adventure Kingdoms“ fehlte es an Überzeugungskraft – und an Geld.
„Es war ein leicht kalkulierbares Projekt“, ist der Mittvierziger heute noch überzeugt. Für 2,5 Mrd. Euro hätte er seinen Traum vom Disneyland für Rennbegeisterte realisieren wollen. Das nötige Kleingeld dafür hat sich Weissenbäck von den Machthabern des Emirats erwartet – vergebens.
Hier, in der sterilen Atmosphäre einer Autobahnraststätte bei Wien, könnte der Heimkehrer von seiner Vision nicht weiter entfernt sein. Nur seine von der Wüstensonne gegerbte Haut erinnert an die vergangenen vier Jahre in Ras Al Khaimah. Heute steht statt 40 Grad im Schatten wieder Salzburger Schnürlregen auf dem Programm. Statt Visionen verkauft Weissenbäck Autos.
Energydrinks und Alternativenergie. Dabei hatte alles so gut angefangen. Auf seiner ersten Marktsondierungsreise durch R.A.K. knüpfte der hünenhafte Mann rasch die vermeintlich richtigen Kontakte für die ganz großen Geschäfte. Niemand geringerer als der Vizepolizeichef des Landes wurde Partner des umtriebigen Unternehmers. Damit sollten nicht nur rasche Behördenwege, sondern auch der nötige Zugang zu den Mächtigen des Landes gesichert sein. Im Rückblick kann Weissenbäck seine Euphorie über diesen Coup nicht nachvollziehen: „Jeder ist sofort dein Freund, und jeder ist ein Verwandter vom Scheich.“ Auch er ging bei Saqr bin Mohammad al-Qassimi ein und aus. Außer freundlichen Worten hatte der Scheich aber nichts für ihn übrig. Das Projekt sei interessant, Land gäbe es reichlich. Nur bezahlen müsse der Österreicher seinen Traum schon selbst.
Aber ein Mann wie Weissenbäck lässt sich auch von der Abfuhr eines Scheichs nicht so leicht entmutigen. Da die große Vision mangels Kapital vorerst nicht realisierbar war, wollte es der unbeirrbare Optimist eine Nummer kleiner geben. Eine Plattform für österreichische Unternehmen in R.A.K. sollte errichtet werden, nebenbei wollte er ein wenig Handel treiben. Golfschuhe, Feuerlöscher und Alternativenergie: Weissenbäck bot alles, was dem Emirat aus seiner Sicht fehlte – und scheiterte dennoch. Auch das zweite Herzstück seines Traums, die Markteinführung von Energydrinks in R.A.K., wuchs sich zu einem mittelschweren Fiasko aus.
Warten auf den Jackpot. Zur standesgemäßen Einweihungsfeier seines Getränkehandels ließ der Österreicher den belebenden Saft containerweise in die Wüste einfliegen. Die Gäste warteten jedoch vergeblich auf das kühle Nass. Denn die Getränkedosen waren im Zoll hängen geblieben. Die nötigen Genehmigungen fehlten, die erhoffte Schützenhilfe vom Vizepolizeichef blieb aus. „Auf dem Balkan hat das immer geholfen. Hier ist es egal“, wundert sich Weissenbäck heute noch. Als der nötige Papierkram für die Energydrinks Wochen später erledigt war, wusste der Unternehmer plötzlich nicht wohin mit der Ware. Mit 95.000 Dosen räumte er letztlich händisch seine eigene Wohnung bis unter die Decke voll. Ein paar Monate später hatte er zumindest die Hälfte davon an den Mann bringen können. Es sollte das einzige Geschäft bleiben, für das der Österreicher in den vier Jahren Geld gesehen hat. Kurz darauf war sein Traum endgültig geplatzt, Weissenbäck zog die Notbremse und kehrte zurück in die Heimat.
Bleibt die Frage, warum sich der Simmeringer damit so lange Zeit gelassen hat. Schließlich waren Jahre in den Emiraten nicht gerade billig. „Es ist wie bei einer Slotmachine“, sagt er. Mit jedem investierten Euro steigt die Suchtgefahr. „Meine Vision war und wäre noch richtig. Die Grenze zum Aufhören verschiebt sich, weil man an sich selbst und das Projekt glaubt.“ Heute handelt der Unternehmer wieder in heimatlichen Gefilden. Der Name seiner Firma „Cars & Contacts“ ist Programm. Dass ihm im verregneten Salzburg ab und an der Reiz des Neuen fehlt, gibt er ungern zu. „Letztlich war es doch besser loszulassen.“ Und sei es nur, um genug Kraft für einen neuen Anlauf zu sammeln. Seinen Glauben an den großen Jackpot hat der Abenteurer nicht verloren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2009)
In Zahlen Die Erfolgsstory des sozialen Netzwerks
Top 10 Die meistverkauften Autos der Welt
Kreativ Die verrückte Welt der Werbung
Bis 2015 Die aussichtsreichsten Aktien