DUBAI(ag.).Wenn man bisher Reichtum illustrieren wollte, dann endete man meist mit einem Bild von einem Scheich, umrahmt von einem Rolls-Royce und einem Gulfstream-Privatflugzeug. Zumindest in Dubai wird der Rolls-Royce wohl bald einem Skoda und die Gulfstream einer gewöhnlichen Linienmaschine weichen. Denn das kleine Emirat steht vor der Pleite. In der Nacht auf Freitag ersuchte die Regierung ihre Gläubiger um Zahlungsaufschub – und erschütterte damit die Börsen.
„Es ist ja nicht vollständig unerwartet“, erklärte ein Händler für Kreditversicherungen der Nachrichtenagentur Reuters. „Aber bislang lag das Schweinwerferlicht eher auf der Ukraine.“ Doch das osteuropäische Land strauchelt nur – allerdings seit Monaten –, es fällt aber nicht. Unter anderem dank Milliardenkrediten des Internationalen Währungsfonds.
Baustellen stehen still
In Dubai aber scheint die Party, die man seit den Ölfunden der 1960er-Jahre feiert, vorbei zu sein. Das Emirat hat sich mit Prestigeobjekten völlig übernommen. Das weltgrößte und teuerste Hotel, das Burj al Arab, konnte man sich noch leisten (angeblich kostete es 1,5Mrd. Dollar). Gescheitert ist man an den 250 Milliarden Dollar, die das Emirat für die nachfolgenden Bauvorhaben veranschlagt hat – unter anderem für eine künstliche Insel für 1,3 Millionen Menschen.
„Alle Baustellen wurden vorübergehend eingestellt. Viele Projekte werden nicht mehr weiter verfolgt“, hieß es schon vor einigen Wochen in einem Bericht des Außenhandelsdelegierten der Wirtschaftskammer. Doch jetzt scheint man die Kredite nicht mehr bedienen zu können: Die Regierung ersuchte für ihre Holdingfirma Dubai World um einen Zahlungsaufschub bis Mai 2010.
Die Zweifel an der Zahlungsfähigkeit Dubais sorgten für massive Einbrüche an den deutschen Börsen (die Wall Street war gestern wegen des Thanksgiving-Feiertags geschlossen). Der DAX sank zeitweise um mehr als zwei Prozent. Besonders Aktien von Unternehmen, an denen Dubai oder andere arabische Staaten beteiligt sind, gerieten unter Druck: Daimler gab kurzfristig um 3,4Prozent nach, VW um zwei Prozent, Porsche büßte (wohl auch wegen des schlechten Geschäftsjahres) kurzzeitig zehn Prozent ein. Bankaktien gingen im Mittagshandel um mehr als drei Prozent nach unten.
Minus auch für OMV
„Alles, was in arabischer Hand ist, wird im Moment verkauft“, erklärte ein Händler. Die Aktien der OMV, an der Abu Dhabi beteiligt ist, haben an der Wiener Börse teils bis 2,2 Prozent nachgegeben.
Der Hintergrund des drohenden Staatsbankrotts ist ein einfacher: In Dubai hat sich im Kleinen – das Emirat ist kleiner als das Burgenland – wiederholt, was Auslöser der Weltwirtschaftskrise war. Man baute und nahm Milliardenkredite auf. Doch das zunehmende Überangebot an Wohnungen und Büros und das Ausbleiben von Investoren ließen die Immobilienpreise fallen. Im Vergleich zum Frühjahr 2008 in manchen Gegenden um mehr als 50 Prozent.
Das Ergebnis: Dubai World, eine der drei großen Holdingfirmen des Staates, hat Schulden in Höhe von 59Milliarden Dollar angehäuft. Das sind drei Viertel der gesamten Staatsschulden. Dubai World errichtet mit ihrer Baufirma Nakheel die gigantomanische Palmeninsel im Meer, das das Vorzeigeobjekt für den enormen Reichtum des Emirats sein soll.
Seit 2001 arbeitet man an drei Inselgruppen, die in Palmenform im Meer aufgeschüttet und bescheiden als „achtes Weltwunder“ bezeichnet werden. Mit faszinierenden 100 Millionen Kubikmeter Fels will man 50 Quadratkilometer Land schaffen, auf denen irgendwann 1,3 Millionen Menschen leben sollen. Das ist nicht viel weniger, als Dubai Einwohner hat (1,7Mio.), und fast ein Drittel der Einwohner der Vereinigten Arabischen Emirate.
Neue Staatsanleihe
Um wieder an Geld zu kommen, gibt Dubai Staatsanleihen aus – wie schon im Februar dieses Jahres. Damals sprang das Emirat Abu Dhabi in die Bresche. Auch diesmal griff der reichere Nachbar (Nationalbank plus die Al-Hilal-Bank) wieder bei der Fünf-Milliarden-Dollar-Staatsanleihe zu, die Dubai auflegte.
Einen Staatsbankrott des Emirats halten Experten daher für unwahrscheinlich. „Dieses Risiko sehe ich zurzeit nicht“, sagte Commerzbank-Experte Luis Costa. „Partnerstaaten Dubais in den Vereinigten Arabischen Emiraten werden dem Emirat finanziell zur Seite stehen.“
Eines hat der tiefe Fall des früheren Boom-Emirats aber klargemacht: „Es ist noch nicht alles vorbei“, meinte Matthias Jasper, Chefhändler der WGZ-Bank.