Von der Kontrollorin zur Käuferin

Aufsichtsratschefin Antonella Mei-Pochtler legt ihre Funktion nieder, weil sie beim Wäschekonzern einsteigen und drohende Interessenkonflikte vermeiden will.

Bei Wolford bleibt derzeit kein Stein auf dem anderen.
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Bei Wolford bleibt derzeit kein Stein auf dem anderen.
Bei Wolford bleibt derzeit kein Stein auf dem anderen. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Bregenz/Wien. „Mitten im Strom soll man die Pferde nicht wechseln“, sagte US-Präsident Abraham Lincoln. Dem finanziell angeschlagenen Strumpf- und Wäschekonzern Wolford bleibt nichts anderes übrig: Nach dem Wechsel in der Vorstandsspitze – am 1. August übernahm Finanzvorstand Axel Dreher die Führung – braucht der Konzern nun auch einen neuen Aufsichtsratschef. Antonella Mei-Pochtler, seit 2014 in der Funktion, trat am Mittwoch zurück.

Die Managerin, die seit Langem die Österreich-Niederlassung von Boston Consulting leitet, führt für ihr Ausscheiden einen handfesten Grund an: Sie möchte Wolford kaufen. Als Aufsichtsratsvorsitzende und Kaufinteressentin droht sie in einen Interessenkonflikt zu geraten. Details dazu, ob sie allein oder in einem Konsortium antritt, und wenn, mit wem, hält sie vorerst geheim. „Sie ist in den USA und für eine Stellungnahme nicht erreichbar“, wurde der „Presse“ bei Boston Consulting mitgeteilt.

Per Aussendung ließ Mei-Pochtler wissen: „Mit der gemeinsamen Konzeption und dem unmittelbaren Start der Restrukturierungsmaßnahmen, der Absicherung der Finanzierung und der Einleitung eines professionellen M&A-Prozesses sind wichtige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zukunft von Wolford geschaffen worden.“ Beim Aufschwung, der von einem neuen Finanzier gewährleistet werden soll, will Mei-Pochtler offenbar dabei sein.

 

Etliche Interessenten

Das im Luxussegment tätige Unternehmen, das infolge des Nachfragerückgangs und teurer Marketing- und Expansionskosten in die Verlustzone geschlittert ist, sucht seit Juni einen Käufer. Die Familien Palmers und Wilhelm, die über Stiftungen die Mehrheit halten, wollen aussteigen. Das Unternehmen ist nach einem massiven Kursverfall ab Oktober 2016 an der Börse jetzt 87,3 Mio. Euro wert. Am Mittwoch fiel die Aktie um mehr als ein Prozent.

Es gebe bereits eine zweistellige Zahl von Interessenten, die mit der Käufersuche beauftragte Deloitte Financial Advisory GmbH führe bereits Gespräche, wurde der „Presse“ bei Wolford signalisiert. Der Eigentümerwechsel solle so bald wie möglich über die Bühne gehen. In der Tat drängt die Zeit, Wolford braucht dringend frisches Kapital. Die Liquiditätskrise haben die Hausbanken kürzlich mit der Verlängerung der Kreditlinien und einem Brückenkredit über zehn Mio. Euro entschärft.

Mit ihrem Rücktritt kommt Mei-Pochtler einer Diskussion um Verstöße gegen den Corporate Governance Kodex und Compliance-Regeln zuvor. Im Kodex heißt es unter anderem: „Aufsichtsratsmitglieder dürfen bei ihren Entscheidungen keine eigenen Interessen oder die ihnen nahestehender Personen oder nahestehender Unternehmen verfolgen, die im Widerspruch zu den Interessen des Unternehmens stehen, oder Geschäftschancen, die dem Unternehmen zustehen, an sich ziehen.“

Laut Aktiengesetz muss der Vorstand dem Aufsichtsrat auch regelmäßig über wichtige Vorhaben – wie einen Großaktionärswechsel – berichten. Die Aufsichtsratsfunktion würde Mei-Pochtler allenfalls einen Informationsvorsprung verschaffen. Auch jetzt verfügt sie schon über einen umfangreichen Einblick in das Unternehmen.

Ein Problem? „Die Presse“ fragte Rechtsanwalt Paul Schörghofer. Grundsätzlich spreche nichts dagegen, dass ein Aufsichtsrat Kaufinteressent wird, sagt er – und durch das Niederlegen der Aufsichtsratsfunktion werde der Interessenkonflikt gut gelöst. Nun komme es aber darauf an, wie der weitere Verkaufsprozess gestaltet werde. Gibt es mehrere Bieter, müssen grundsätzlich alle den gleichen Zugang zu Informationen haben. (eid/cka)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2017)

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