EZB steuert sanften „Entzug“ an

Die Zentralbank dürfte erst im Oktober ihren Zeitplan zur Reduktion der Anleihenkäufe verkünden. Die Reinvestition der Gelder in den Markt würde die Börsen kalmieren.

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EZB zur blauen Stunde – APA/dpa/Christoph Schmidt

Frankfurt/Brüssel/Wien. Die Wirtschaft brummt, aber die Inflation ist niedrig, bei 1,5 Prozent lag sie im August. Zu niedrig für die Europäische Zentralbank (EZB): Sie hat sich die Marke von zwei Prozent gesetzt, bevor sie einen Zinsschritt macht. Inzwischen ist sogar unsicher, ob EZB-Chef Mario Draghi wie ursprünglich erwartet schon bei der nächsten Sitzung am Donnerstag eine Eindämmung der lockeren Geldpolitik verkündet.

46 der 66 von Reuters befragten Volkswirte rechnen erst im Oktober mit dem Schritt der EZB. Die meisten Experten gehen davon aus, dass die Euro-Wächter ab Jänner 2018 nur Wertpapiere im Volumen von 40 Mrd. Euro je Monat statt bisher 60 Mrd. erwerben.

Seit März 2015 kaufen die EZB und nationale Euro-Notenbanken im großen Stil Staatsanleihen und andere Wertpapiere, um die Konjunktur anzufeuern und für mehr Inflation im Euroraum zu sorgen. Das Programm hat ein Gesamtvolumen von 2,28 Billionen Euro.

Eine Anhebung der Zinsen steht vorerst ohnedies nicht zur Debatte, wie auch Österreichs Notenbank-Gouverneur Ewald Nowotny betont: „Solange wir niedrige Inflationsraten haben, und dafür mag es verschiedene Gründe geben, sehe ich keine Perspektive für höhere Zinssätze“, sagte er am Freitag in Alpbach.

 

„Wutanfall“ verhindern

Dass die Börsen das Reduzieren der Ankäufe (Tapering) wohl nicht so leicht verdauen werden, musste Draghi im Juni schmerzlich erfahren. Als er andeutete, die EZB könne wegen der Wirtschaftserholung künftig womöglich einen weniger expansiven Kurs fahren, reagierten die Finanzmärkte, die sich an die Geldflut gewöhnt hatten, heftig. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen stieg auf ein 18-Wochenhoch, der Kurs des Euro schoss nach oben. Dort ist der Euro noch immer, wenngleich auch aus anderen Gründen. Dies weckte Erinnerungen an die Marktverwerfungen vor vier Jahren, die als Wortspiel „Taper Tantrum“ („Entzugs-Wutanfall“) in die Finanzgeschichte einging.

Damals hatte der seinerzeitige US-Notenbankchef Ben Bernanke gewagt, erstmals ein Zurückfahren der Anleihenkäufe der Fed zu signalisieren. Ähnliche Börsenreaktionen will Draghi nun tunlichst vermeiden.

Helfen könnte ihm bei der heiklen Mission des Tapering die Reinvestition ausgelaufener Anleihen. Laut Berechnungen von ABN Amro könnte sich das Volumen derartiger Transaktionen in den nächsten drei Jahren auf 640 Mrd. Euro summieren. Die ersten Rückzahlungen aus fällig gewordenen Anleihen gab es im März. Banken gehen davon aus, dass solche Reinvestitionen ab kommendem Jahr stetig zunehmen werden.

Die Zentralbank selbst hält sich allerdings bedeckt, wie sie die Gelder aus fällig gewordenen Papieren reinvestiert. Sie hat lediglich angekündigt, dies flexibel und so lange wie erforderlich zu machen. Die meisten Gelder aus fällig gewordenen Papieren werden Experten zufolge in Bundesanleihen fließen. Auch italienische und französische Staatspapiere dürften besonders betroffen sein. Dies ist eine Folge des sogenannten Kapitalschlüssels. Er bestimmt, in welchem Ausmaß Schuldtitel eines bestimmten Euro-Landes erworben werden. Zentrale Kriterien dafür sind die Wirtschaftskraft der Staaten sowie deren Anteil an der Finanzierung der EZB. (eid/ag)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2017)

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