Maarten Slendebroek: „Inflation wird nur mäßig steigen“

Dem Brexit kann Maarten Slendebroek von Jupiter AM auch Positives für Anleger abgewinnen, zugleich moniert er den sinkenden Wettbewerb in der europäischen Fondsbranche.

Maarten Slendebroek; „Längerfristig könnten die Folgen des Brexit für England gravierender sein.“
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Maarten Slendebroek; „Längerfristig könnten die Folgen des Brexit für England gravierender sein.“
Maarten Slendebroek; „Längerfristig könnten die Folgen des Brexit für England gravierender sein.“ – (c) Michele Pauty (Michele Pauty)

Die Presse: Herr Slendebroek, als CEO einer UK-Fondsgesellschaft haben Sie den Brexit hautnah verfolgt. Werden die Auswirkungen auf den Finanzplatz London wirklich so dramatisch?

Maarten Slendebroek: Kurzfristig dürften sich die Auswirkungen in Grenzen halten. Jenes Geschäft, das einer EU-Regulierung unterliegt, wird aber in die EU übersiedeln müssen. Auch wir werden eine Managementgesellschaft in einem EU-Land gründen. Dort werden Mitarbeiter etwa aus der Rechtsabteilung sitzen, und sich um regulatorische Agenden kümmern. Das Fondsmanagement bleibt aber, wie bei anderen Mitwerbern auch, in London. Längerfristig könnten die Folgen des Brexit für England allerdings gravierender sein.

Inwiefern?

Bei Finanzprodukten ist es einerlei, wo der Sitz der Gesellschaft ist, solange Auflagen erfüllt werden. Vieles kann mittels Computer abgewickelt werden. Anders ist die Lage im produzierenden Gewerbe. Wenn es künftig wieder Grenzkontrollen gibt, werden es sich internationale Konzerne vermutlich überlegen, ob sie in England oder gleich in der EU ein neues Werk errichten wollen.

Wird der Brexit auch irgendetwas Positives bringen?

In den vergangenen Jahren wurden britische Anleihen und Aktien zunehmend ein Teil paneuropäischer Indizes. Nach dem Brexit sind diese Anlageklassen aber wieder Teil einer eigenständigen Investmentregion, obendrein mit einer eigenen Währung und Regulierung. Diese zusätzliche Industrienation bietet dann Chancen, diversifizierter zu investieren.

Mit Mifid II tritt 2018 zudem eine weitere Regulierung zum Anlegerschutz in Kraft. Werden EU-Anleger dann tatsächlich besser geschützt sein?

Die neuen Regularien wurden in guter Absicht ins Leben gerufen. Allerdings wird dadurch das Fondsgeschäft komplexer, und der Wettbewerb nimmt ab. Schließlich wird es zunehmend schwierig, eine neue Fondsgesellschaft zu gründen. Die Mindestanforderung an Personal und Kapital sind aufgrund der zahlreichen Regularien inzwischen sehr hoch geworden.

Und wie beurteilen Sie das steigende Volumen in börsengehandelten Indexfonds, sprich ETFs? Kritiker monieren, dass damit undifferenziert in ganze Indizes investiert wird, ohne auf die Qualität einzelner Titel zu achten.

Tatsächlich werden ausgerechnet jene Wertpapierkurse dann noch stärker angetrieben, die ohnedies schon besonders zugelegt haben. Denn in vielen Indizes gilt: Je höher der Kurs bereits ist, desto höher wird das Wertpapier gewichtet. In Korrekturphasen werden deshalb dann automatisch auch die größten Positionen umso stärker verkauft. Obendrein können Börsenmakler eine derartige Situation zu ihren Gunsten ausnutzen, da sie wissen, dass dann ganze Indexbestände verkauft werden müssen.

Ein Grund zur Sorge?

Der Trend macht uns deshalb natürlich ein wenig Sorgen. Ein aktiver Fondsmanager, wie wir es etwa sind, kann seine Positionen hingegen gut steuern, und obendrein ein Limit bei Zuflüssen neuer Anlegergelder setzen.

Seit einigen Jahren steht auch Österreich auf Ihrem Radar. Anleger sind hierzulande bekanntlich sehr konservativ. Wie passt das in Ihre Strategie?

Auch wir setzen uns mit dem Tiefzinsdilemma auseinander und bieten deshalb sogenannte Absolute-Return-Produkte oder flexible Anleihefonds wie den Jupiter Dynamic Bond an. Dieser Fonds kann auf unterschiedliche Rentensegmente, vor allem aber auf fallende Anleihekurse setzen. Letzteres wird insbesondere in Zeiten steigender Zinsen ein wichtiges Thema. Dann werden bestehende Anleihen verkauft, da sie ja schlechter verzinst sind. Damit sinken folglich deren Kurse.

Wie reagieren die Produkte auf Ausreißer? Die Ankündigung der US-Notenbank, einen Teil der Anleihen auslaufen zu lassen und das Geld nicht zu reinvestieren, brachte die Devisenmärkte kurzzeitig ins Schwanken.

Freilich sind auch diese Fonds Risken ausgesetzt. Allerdings macht sich das Fondsmanagement ja Gedanken zu den Marktentwicklungen. Und mein Eindruck ist, dass die Portfolios für steigende Zinsen gewappnet sind. Das wird in Europa vermutlich nicht so rasch passieren. Die Arbeitslosenrate ist noch nicht so weit gesunken wie in den USA, auch gibt es Spielraum bei der Kapazitätsauslastung. Und deshalb wird auch die Inflation in Europa nur mäßig steigen.

ZUR PERSON

Maarten Slendebroek begann seine Karriere bei Jupiter Asset Management 2012 und avancierte zwei Jahre später zum CEO. Davor war der Fan vom britischen Arsenal Football Club 18 Jahre bei BlackRock bzw. den Vorgängergesellschaften tätig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2017)

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