Leitl zum schwachen Euro: "Wir waren vorher zu teuer"

Österreich profitiere von einem schwachen Euro, sagt Wirtschaftskammer-Chef Leitl. Auslöser der Wirtschaftskrise seien "nicht ein paar gierige Finanzhaie". Schuld sei die "Unfähigkeit der Politik".

WKO head Leitl reacts during a news conference in Vienna
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WKO head Leitl reacts during a news conference in Vienna
(c) Reuters (Herwig Prammer)

Der derzeit im Verhältnis zum US-Dollar geschwächte Euro kann Europa nach Ansicht von Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl in seinen Bemühungen um internationale Wettbewerbsfähigkeit und Budgetkonsolidierung helfen. Der derzeitige Euro-Kurs sei "vernünftig und fair", sagte Leitl am Montagabend vor Journalisten in Brüssel. Sorgen um die Schwäche der europäischen Gemeinschaftswährung hat er nicht. "Man kann sich auch selbst herunterschreien", betonte er. "Wir waren vorher zu teuer."

Leitl erinnerte daran, dass der Euro zu seiner Einführung gegenüber dem US-Dollar einen Kurswert von 1,18 gehabt habe und danach sogar auf 0,83 gefallen sei, bevor er zu seinem Höhenflug in den vergangenen Jahren ansetzte. Nach Schätzungen der Wirtschaftskammer könnte die Euro-Abwertung den Euro-Ländern eine 0,4 bis 0,7 Prozentpunkte höhere Wirtschaftsleistung im ersten Jahr bringen, und um 0,6 bis 1,3 Prozentpunkte mehr im zweiten Jahr. In Südeuropa könnte der schwächere Euro demnach bis zur Hälfte des Wachstums ausgleichen, das durch den Sparkurs verloren gehe. In Spanien könnten die Auswirkungen der Konsolidierung fast völlig aufgehoben werden, schätzt die WKÖ.

Österreich ist Profiteur eines schwachen Euro

Österreich zählt nach Einschätzung der Wirtschaftskammer jedenfalls zu den Profiteuren des schwächeren Euro, da es einen hohen Anteil von Exporten (43 Prozent) von Waren und Dienstleistungen außerhalb der Eurozone habe. Nachdem Deutschland für Österreich größter Handelspartner ist, profitiert Österreich demnach auch indirekt von der Stärkung der deutschen Exportindustrie.

Leitl übte dennoch scharfe Kritik am europäischen Krisenmanagement. Es fehle in Europa an "Leadership", bemängelte er. "Wenn (Frankreichs Präsident Nicolas) Sarkozy mit (Deutschlands Bundeskanzlerin Angela) Merkel ein Dream-Team wäre, stünde Europa besser da." Die EU-Kommission forderte er auf, ihr Initiativrecht wahrzunehmen. Auslöser der gegenwärtigen Wirtschafts- und Finanzkrise seien "nicht ein paar gierige Finanzhaie" gewesen, sondern die "Unfähigkeit der Politik", gegenüber Einzelnen Grenzen zu setzen. "Jeder Monat, den wir versäumen geht zulasten der nächsten Generation." Leitl kritisierte, dass auch in Österreich über eine Verlängerung der Hacklerregelung diskutiert werde, anstatt eine neue Pensionsreform anzupacken.

Leitl will europäische Ratingagentur

An den Eurozonen-Chef Jean-Claude Juncker richtete Leitl die Aufforderung, in Sachen Finanztransaktionssteuer mit der Eurozone voranzugehen. So könnten in der Eurozone anfangs Derivate und besonders risikobehaftete Geschäfte besteuert werden, andere Länder würden dann wahrscheinlich nachziehen, meint der WKÖ-Chef. Von der von der EU-Kommission vorgeschlagenen Bankenabgabe hält Leitl nichts, diese wäre nur "eine Bankkundenabgabe", sagte er.

Zur besseren Koordinierung der europäischen Wirtschaftspolitik schlägt Leitl vor, dass die EU-Staaten zu gleichen Bedingungen ihre Netzwerke und Zugänge zu ihren wichtigsten Außenhandelsmärkten besser teilen. Leitl wiederholte seine Forderung nach Schaffung einer europäischen Ratingagentur. Da dies aber mindestens zwei bis drei Jahre dauern würde, appellierte er an die Europäische Zentralbank (EZB), diese sollte bereits jetzt die Anleihen der Euro-Länder selbst bewerten. Die Unabhängigkeit der EZB stehe in keinem Widerspruch zu einem objektiven Rating, meinte Leitl.

(APA)

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