Leerverkäufe: Sündenbock oder Wurzel allen Übels?

02.06.2010 | 16:20 |   (DiePresse.com)

Seit Mitte Mai sind bestimmte riskante Börsengeschäfte mit Aktien und Euro-Anleihen auch in Deutschland verboten. Für Kritiker sind Leerverkäufe "Massenvernichtungswaffen", Börsenprofis sehen sie als Sündenböcke.

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Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) will noch mehr Deals mit ungedeckten Leerverkäufen kippen. Der drastische Schritt hat ein geteiltes Echo ausgelöst. Was spricht dafür und was dagegen:

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Pro: Brandbeschleuniger in heißer Luft

Für Kritiker sind sie schlicht "Massenvernichtungswaffen" oder "Brandbeschleuniger". Grundsätzlich sei es ja okay, auf fallende Kurse zu wetten. Bei ungedeckten Leerverkäufen aber handelten Investoren mit Papieren, die sie sich noch nicht einmal geliehen haben. Das geht, weil eine Lieferpflicht für Aktien meist erst nach Tagen besteht. So könnten die Zocker ohne viel eigenes Geld Kurse in den Keller schicken.

Schäuble findet, das sei ein bisschen so wie beim Fußball-Wettskandal - wenn Akteure versuchten, den Ausgang des Matches zu manipulieren, müssten die Spielregeln eben verschärft werden. Solche Auswüchse hätten das Vertrauen in die Finanzmärkte erschüttert. Spekulanten hätten gegen Euro-Länder gewettet - und die Turbulenzen der Währung deshalb "noch einmal eine neue Dimension erreicht".

Ifo-Chef Hans-Werner Sinn findet es gut, dass Investoren ausgebremst werden, die gezielt und ohne großen Kapitaleinsatz ihre Marktmacht nutzen, um Kurse nach unten zu drücken. "Wann immer Gewinne aus Marktmacht resultieren, sind sie ein Zeichen für Marktfehler. Ein Verbot ist ein Vorteil für die Volkswirtschaft."

Kontra: Sündenböcke für die Politik

Börsenprofis werfen der deutschen Regierung vor, die Bürger hinters Licht zu führen. Die Politiker wollten vom eigenen Versagen und der dramatischen Verschuldung einiger Euro-Länder ablenken. Die Schuld solle ominösen Spekulanten in die Schuhe geschoben werden.

Die Regierung selbst räumt ein, dass die Schieflage an den Märkten und der Kursrutsch des Euro nur möglich war, weil Griechenland, Spanien oder Portugal jahrelang auf Pump lebten und so für Spekulationen erst anfällig wurden.

Experten schütteln den Kopf, dass Schäuble in Europa allein vorgeprescht ist und auch nur einen kleinen Teil dieser riskanten Geschäfte verbietet.

Der Großteil von Spekulationsgeschäften mit Währungsprodukten finde gar nicht an den deutschen Börsen statt, sondern direkt zwischen Banken und Investoren. Die Finanzaufsicht BaFin könne das alles unmöglich prüfen.


Clevere Investoren würden jetzt einfach einen Bogen um deutsche Marktplätze machen und noch mehr Leerverkäufe in London, New York oder Schanghai einfädeln.


(Ag. )

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12 Kommentare

Re: ".. die gezielt und ohne großen Kapitaleinsatz ihre Marktmacht nutzen, um Kurse nach unten zu drücken."


All diese dummen Ausführungen (Argumente sind es nicht) verkennen immer und immer wieder die zweite und zwingend nötige Seite eines Handels.

Ohne Käufer keine Verkäufer, ohne eine gegenteile Einschätzung bzw. gegenläufige Präferenz wird kein einziger Cent bewegt. Leerverkäufer bedienen damit schlichweg diejenigen, die andernfalls nicht kaufen könnten.

Ergänzend: Seit JAHRHUNDERTEN werden Produkte ~nackt~ verkauft, indem man heute Lieferverträge eingeht, die morgen erfüllt werden, wie etwa die Ernte vom Feld, das noch nichtmal beackert wurde. Nun so zu tun, als wäre naked shotselling (a) neu und (b) ein Spezifikum der Finanzwirtschaft, ist schlichtweg falsch und dumm.

Re: Re:

Sehr geehrter Herr Müller!

Dumme Ausführungen sind für dumme Menschen. Und Politiker müssen sich daher dumm stellen (manche sind es auch) um gewählt zu werden. Sie kennen ja dies Logik…
Aber um ihrer Logik zu folgen: Ohne Dummen keine Gescheiten.

Leerverkaufen ist viel schwieriger als gemeinhin gedacht.

Ich würde wirklich gerne irgendeinen Beweis oder eine Untersuchung sehen, welche diese besagten negativen Auswirkungen von ungedeckten Leerverkäufen bestätigt.

Fakt ist, dass mit ungedeckten Leerverkäufen die Kurse auch wieder ordentlich nach oben gedrückt werden, sobald ein Trader das Gefühl hat, er müsse sich langsam eindecken, es aber keine Verkäufer am Markt mehr gibt.


Re: Leerverkaufen ist viel schwieriger als gemeinhin gedacht.

So eine Untersuchung kann es ja gar nicht geben. Aber einfache und dumme "Argumente" ziehen halt bei unseren PISA-Spezialisten…

Re: Re: Leerverkaufen ist viel schwieriger als gemeinhin gedacht.

wieso soll es eine solche Studie nicht geben können? Ein Markt lässt sich sicher per Computer simulieren. Ich glaube sogar, schon von solchen Studien gehört zu haben, kann sie jetzt nur nicht nennen.

"Dumm" wird ein wissenschaftlicher Ansatz gemeinhin genannt, wenn er der eigenen Ideologie und Voreingenommenheit der typisch österreichischen Berufsjammerer widerspricht.

Re: Re: Re: Leerverkaufen ist viel schwieriger als gemeinhin gedacht.

Wie wollen sie denn (rein prinzipiell) untersuchen, dass eine Intervention Auswirkungen hat wenn es diese Auswirkungen ohne die Intervention gar nicht gibt?

Gast: exe
03.06.2010 01:58
2

Sie sollens nur verbieten, hilft zwar nichts, ist aber eh wurscht

Leerverkäufe von Investmentbanken hat man während der subprime Krise verboten.
Der (nicht) Erfolg war: Bankaktien stürzten noch schneller ab.
Eine Citigroup z.B:von 50 auf 20 und dann mit Leerverkaufsverbot senkrecht bis auf 1 Dollar.

Das Volk ist wütend und will jemand hängen sehen. Die Politik serviert ihnen einen Schuldigen und alle sind glücklich und zufrieden.

Durch das Verbot sinkt zwar die Liquidität und die Volatilität steigt, aber der Schaden ist dann auch wieder nicht so groß, dass man sich aufregen müßte. Machen halt andere das Geschäft.

Re: Sie sollens nur verbieten, hilft zwar nichts, ist aber eh wurscht

Gegen Leerverkäufe ist nichts einzuwenden. Sie sind der Gegenspieler zu Käufen.

Aber die *ungedeckten* Leerverkäufe sind hoch spekulative Instrumente, die auch Gefahren des Missbrauches beinhalten.
Diese könnten wirklich abgeschafft werden.

Re: Re: Sie sollens nur verbieten, hilft zwar nichts, ist aber eh wurscht


Gefahren des Missbrauchs?! Erstens ist niemand an der Börse, der sich erzwungen einem Missbrauchsrisiko aussetzen müsste und zweitens ist das gegenteilige Risiko, ein Papier viel zu teuer zu kaufen, bloss weil Geldmengenausweitung eine Blase bedingte oder das saisonale Window-Dressing die Kurse in absurde Höhen trieb ebenso präsent.

Nakes shotselling ist eine wichtige Korrekturmöglichkeit in überhitzten Märkten, es nimmt den Druck aus dem Topf, bevor es noch größere Verwerfungen gibt. Insbesondere werden daher durch ein Verbot Krisen sogar noch verstärkt, weil überbewertete Assets in den Bilanzen später korrigiert werden.

Nicht nur also, dass das Verbot nichts von dem bewirkt was intendiert ist (die Preise sinken auch so extrem rasch) - es ruft eben jene Art von Entwicklungen sogar vermehrt hervor, woran wir aktuell noch leiden -> Überbewertungen und Fehlanreize, in überteuerte Märkte noch einzusteigen!

Re: Re: Re: Sie sollens nur verbieten, hilft zwar nichts, ist aber eh wurscht

Überbwertungen werden an den Börsen in der Regel durch normalen Kauf/Verkauf korrigiert, indem es einfach irgendwann zu wenige Käufer gibt.
Zusätzlich kann man Aktien ausleihen und leer verkaufen. Das genügt nicht, um die Kurse zu korrigieren?
Bei Bankaktien wurde sogar das in EU verboten. Das ist wirklich ein Skandal!

NAKED (ungedeckte!) Shorts werden bei Micro-Caps oft verwendet, um die Aktien in einer normalen laufenden Korrekturphase extrem nach unten zu prügeln und dann dieses Unternehmen billigst zu übernehmen. Man muss also gar keinen Aktienbesitzer suchen/finden, der einem Aktien leiht. Man kann einfach so fiktiv verkaufen.
Das ist z.B. in USA illegal, wird aber nicht wirklich streng geahndet.


Leerverkäufe sind

weder Sündenbock, noch Wurzel. Naked shorts treiben eine latente Krise auf die Spitze, sie "verursachen" sie nicht. Von Nutzen sind sie nur für die "shorters" und sonst niemanden, insoweit ist ein Verbot gerechtfertigt. Dass Politiker alles und jedes als Ausrede nutzen, ist ein Faktum, das keinen Beweises bedarf.

Gast: Gast2
02.06.2010 17:58
0

"Die Politiker wollten vom eigenen Versagen und der dramatischen Verschuldung einiger Euro-Länder ablenken."

Das ist wahr, aber kein Argument.

Dass diese Geschäfte nur einen kleinen Teil ausmachen ist auch kein Argument.

Dass es sonst wo anders passiert mag sein, aber das macht die ungedeckten Leerverkäufe auch nicht besser.

Und dass jemand schwach ist (Defizite) heißt das noch lange nicht, dass sich andere dann alles erlauben können. Ein Einbrecher wird auch bestraft - egal ob die Wohnung ein Sicherheitsschloss hatte oder nicht.

Alle "Kontra" "Argumente" sind vollkommen schwachsinnig und rein Ablenkung - kein einziges Argument warum ungedeckte Leerverkäufe wichtig und gut für die Bevölkerung sind.

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