George Soros: Ein Spekulant und Menschenfreund

Soros ist der erfolgreichste Finanzjongleur aller Zeiten. Mit seinen Spekulationen hat er Milliarden verdient und sogar die Bank von England in die Knie gezwungen. Doch er will auch noch die Welt retten.

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George Soros – (c) AP (Jose Luis Magana)

Er hätte sich einsam fühlen können, aber wahrscheinlich fühlte er sich ganz wohl. Allein gegen alle – das ist ein Gefühl, das ein Spekulant mögen muss. Nur wer gegen die Masse antritt, verdient richtig viel Geld. George Soros, ungarisch-amerikanischer Großinvestor, war beim Treffen des Internationalen Bankenverbandes in Wien und widersprach den großen Bossen der Branche auf der ganzen Linie. Die Finanzmärkte bräuchten mehr Regulierung, sagte Soros inmitten von Bankdirektoren, die das einstimmig ablehnen. Vor allem bei den großen Systembanken müsse hart durchgegriffen werden, verlangte Soros. „Banken mit Quasi-Monopolen müssen zerschlagen werden.“

George Soros ist ein schmächtiger Mann mit leiser Stimme und treuherzigem Dackelblick. In einer Menschenmenge würde er nicht auffallen. Doch der bald Achtzigjährige ist der erfolgreichste Finanzjongleur aller Zeiten. Sein Hedgefonds „Quantum“ erzielte zwischen 1973 und 2000 eine durchschnittliche jährliche Wertsteigerung von rund 30 Prozent. Das ist ein Rekord, der kaum zu brechen sein wird. Sein persönliches Vermögen wird auf rund neun Milliarden Dollar taxiert. Es könnte noch deutlich höher sein, würde Soros nicht einen großen Teil seiner Einkünfte für soziale Projekte verwenden. Der knallharte Spekulant ist nebenbei ein guter Mensch – und das ist nicht der einzige Widerspruch im Universum des George Soros.

Lieber riskieren, als gar nichts tun. Als Sohn eines Anwalts wurde Soros 1930 in Budapest geboren. Die jüdische Familie überlebte den deutschen Einmarsch in Ungarn nur, weil der Vater mit falschen Pässen die Herkunft verschleiert hatte. „Es ist sicherer, etwas zu riskieren, als gar nichts zu tun.“ Diesen Satz seines Vaters Tivadar zitiert Soros gern, wenn er nach den Maximen seines Handelns gefragt wird. Wie der Vater einst mit Schläue und Mut die Familie gerettet hatte, imponierte dem Sohn enorm und prägte ihn fürs ganze Leben.

Als 16-Jähriger floh Soros vor den Kommunisten nach England, studierte an der London School of Economics und besuchte die Philosophievorlesungen von Karl Popper, der ihn ebenfalls nachhaltig beeindruckte. 1956 übersiedelte Soros in die USA und begann als Händler und Analyst bei verschiedenen Investmenthäusern zu arbeiten. Ende der Sechzigerjahre machte er sich mit eigenen Hedgefonds selbstständig. Die Gründung des legendären „Quantum Funds“ im karibischen Steuerparadies Curaçao datiert im Jahr 1969.

Eines der bevorzugten Vehikel des Investors waren die heute so heftig kritisierten Leerverkäufe. Soros verkaufte auf Termin Wertpapiere und Optionen, die er noch gar nicht besaß. Der Erfolg gab ihm recht: Innerhalb von 25 Jahren stieg das Volumen seiner Fonds von bescheidenen zwölf Millionen Dollar auf 23 Milliarden.

George Soros wäre wohl trotz seiner Erfolge ein weithin unbekannter Investor geblieben, hätte er nicht im Herbst 1992 einen spektakulären Coup gelandet: Weil er das britische Pfund für überbewertet hielt, setzte er voll auf eine Abwertung – und trat damit eine Spekulationswelle los, die am Ende tatsächlich zur Abwertung führte. Soros verdiente an diesem 16. September, dem „Schwarzen Mittwoch“, über eine Milliarde Dollar und ging in die Geschichte ein als „der Mann, der die Bank von England knackte“.

Schon früh wurde Soros zum Kritiker eben jenes Systems, das ihm so viel Geld einbrachte. Der neoliberale Marktfundamentalismus basiert nach seiner Meinung ebenso auf einem Denkfehler wie der Marxismus. „Die Propaganda, dass Regierungshandeln grundsätzlich schlecht sei, war sehr erfolgreich in den Köpfen der Menschen. Aber sie hat unserer Gesellschaft nicht gutgetan“, sagt Soros. Der Markt sei nicht immer in der Lage, sich selbst zu korrigieren. Deshalb müsse der Staat von Zeit zu Zeit eingreifen.

Sicher ist, dass Soros niemals so reich geworden wäre, wenn die Regulierungen, die er heute einfordert, schon vor dreißig Jahren Gültigkeit gehabt hätten. Auf den erheblichen Unterschied zwischen seinen Taten und seinen Worten wird der Milliardär immer wieder angesprochen. Soros pariert solche Vorwürfe mittlerweile ganz elegant: „Wenn Leute wie ich ein Währungsregime stürzen können, stimmt das System nicht“, argumentierte er einmal. Der „Süddeutschen Zeitung“ erklärte er vor zwei Jahren: „Ich verstehe die Märkte besser, deswegen habe ich Geld verdient und deswegen kenne ich die Fehler der Märkte.“ Soros versteht sich als eine Art Kronzeuge der Anklage gegen ein System, von dem er selbst profitiert hat.

Größter Grundbesitzer Argentiniens.Ende der Neunzigerjahre schien Soros' legendäres Näschen plötzlich den Dienst zu verweigern. Der Investor verlor Geld im großen Stil: Sein Versuch, gegen den Euro zu wetten, ging schief und kostete Milliarden. Das Ende des IT-Booms sah er nicht vorher und blieb auf wertlosen New-Economy-Aktien sitzen. Allein mit fehlgeschlagenen Geschäften in russischen Rubel soll er insgesamt zwei Milliarden Dollar verloren haben. Soros' große Zeit schien vorbei zu sein. Er übergab seinen Söhne Robert und Jonathan die Geschäftsführung, baute die Fonds um und setzte auf weniger riskante, dafür auch weniger ertragreiche Investments. Eine Zeit lang war er etwa der größte Grundbesitzer Argentiniens.

Doch wer dachte, Soros sei nun altersmilde geworden, täuschte sich. Die Wirtschaftskrise hat den Senior wieder aufgeweckt. Er kehrte zu seiner einstigen Leidenschaft, dem Zocken, zurück und verdiente Geld wie in alten Zeiten. 2008 erzielte sein „Quantum Endowment Fund“ eine Rendite von 32 Prozent, Soros selbst war mit 1,1 Milliarden Dollar Jahreseinkommen der bestbezahlte Hedgefondsmanager.

Eine halbe Milliarde zum Helfen. Neben dem Milliardengambler gibt es allerdings noch einen ganz anderen George Soros. In Anlehnung an Karl Popper gründete er den „Open Society Fund“, der das üppig verdiente Geld wieder unter die Leute bringt. Soros begann einst damit, jungen Schwarzen im Apartheidstaat Südafrika unter die Arme zu greifen. Er half tschechischen Dissidenten der Charta 77, den polnischen Gewerkschaftern der Solidarność und dem russischen Regimegegner Andrej Sacharow. In Ungarn ließ er Fotokopierer anschaffen, russische Provinz-Universitäten bekamen hundert Millionen Dollar, um sich Computer und Internet-Anschlüsse zuzulegen. In den USA setzte er 2004 – vergeblich – viel Geld ein, um die Wiederwahl von George W. Bush zu verhindern.

Soros lässt sich sein Programm pro Jahr rund eine halbe Milliarde Dollar kosten. „Viele Menschen träumen davon, die Welt zu verbessern, aber ich bin in der glücklichen Lage, es zu tun“, schrieb er im Vorwort seines 2006 erschienenen Buches „Die Ära der Fehlentscheidungen“. Mit Gewissensbissen habe das gar nichts zu tun, sagte er in einem Interview mit dem deutschen Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Er sei für die Krisen des Finanzsektors nicht verantwortlich. „All diese großen Ereignisse, an denen ich beteiligt war, wären auch passiert, wenn ich nicht mitgemischt hätte. Das englische Pfund hätte 1992 auch aus dem europäischen Währungssystem ausscheiden müssen, wenn ich nie geboren worden wäre.“

Das ist vielleicht doch ein wenig zu bescheiden. George Soros leidet ansonsten nicht unter Komplexen. Er will eines Tages bloß nicht als dumpfer, geldgieriger Finanzhai in Erinnerung bleiben, sondern als Denker. Als ihm die Universität Oxford 1980 die Ehrendoktorwürde verlieh, wurde Soros gefragt, mit welchem Titel er bei der Feier vorgestellt werden wolle. Seine Antwort: „George Soros, finanztechnischer, philanthropischer und philosophischer Spekulant.“

Biografie
George Soros wurde am 12. August 1930 als Sohn eines Anwalts in Budapest geboren. Mit 16 Jahren emigrierte er nach London, später in die USA. Seit 1961 ist er amerikanischer Staatsbürger.

Erfolge
Als Investor und Spekulant hat Soros Geschichte geschrieben. Sein „Quantum Funds“ erreichte eine jährliche Wertsteigerung von rund 35 Prozent. Soros gilt als einer der reichsten Männer der Welt. Sein Privatvermögen wird auf neun Milliarden Dollar taxiert.

Engagement
Das „Open Society Institute“ investiert pro Jahr rund 500 Millionen Dollar in soziale und politische Projekte sowie in den Umweltschutz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2010)

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