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Mehr Anlagechancen außerhalb von Euroland?

12.10.2011 | 18:29 |  MICHAEL STRAUSS (Die Presse)

Ob sie zur EU sollten, wird heiß diskutiert – im Moment tut es ihnen aber ganz gut, von der Schuldenkrise weitgehend abgekoppelt zu sein.

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Reduzierte Wachstumsprognosen für die Eurozone, Rezessionsängste, sinkendes Wachstum in den Emerging Markets und Goldpreiseinbruch lassen die Anleger nach Alternativen suchen. Fündig werden könnten sie etwa in der Schweiz.

Im aktuellen Standortranking von Ernst & Young fiel das Land zwar vom zweiten auf den vierten Platz zurück, es bleibt aber für Investoren attraktiv. Befragt wurden Führungskräfte von 700 international tätigen Unternehmen, 38 Prozent sehen die Schweiz im Jahr 2020 als globales Zentrum für „qualitativ hochwertige Mehrwertdienste“, von Finanzen und Vermögensverwaltung über Medien, Gesundheitswesen, Forschung und Entwicklung bis zur Unternehmensberatung und Logistik. Dominik Bürgy, Leiter Tax und Legal bei Ernst & Young Schweiz, verweist allerdings auf Risikofaktoren. Die drängendste Herausforderung sei der überbewertete Franken, nötig seien aber auch gezielte Investitionsanreize und „Lösungen im Steuerstreit mit der EU hinsichtlich der Besteuerung von Holding-, Verwaltungs- und gemischten Gesellschaften“.

 

Finanzwirtschaft, Pharma

Die Zahl ausländischer Investitionsprojekte in der Schweiz stieg im Vorjahr um 30 Prozent auf 90 an, was aber immer noch deutlich weniger ist als in den Jahren 2006 bis 2008, als jährlich mehr als 120 Projekte realisiert wurden. Unverändert loben ausländische Investoren politische Stabilität, Rechtssicherheit und hohe Lebensqualität, auch die Politik kommt gut weg. Standortnachteile seien hohe Lohn- und Lohnnebenkosten sowie knappe Verfügbarkeit und hohe Preise von Grund und Boden. Das mit Abstand größte Wachstumspotenzial hat aus Investorensicht die Finanzwirtschaft (50 Prozent), gefolgt von Pharmaindustrie, Biotech und Gesundheitswesen (37 Prozent) sowie Umwelttechnik (23 Prozent). Schlechter eingeschätzt werden Automotive (fünf Prozent) sowie Tourismus (ein Prozent). Die massive Aufwertung des Schweizer Franken macht der Wirtschaft zwar Probleme, zeigt aber, wie sehr das Land immer noch als „Save Haven“ gilt. Und das nicht zu Unrecht: Während sich andere Länder für Konjunkturpakete zusätzlich verschulden mussten, erreichte die Schweiz laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) 2010 einen Budgetüberschuss, die Bruttostaatsverschuldung lag bei rund 55 Prozent des BIPs.

Vergleichsweise gut hielt sich heuer auch der Schweizer Börsenindex SMI. Auf Eurobasis verzeichnete er bislang „nur“ einen Rückgang von 12,17 Prozent (14,05 Prozent auf Frankenbasis). Paul Severin, Investmentstratege der Erste Sparinvest, beschreibt den Börsenplatz als defensiv, mit sehr großen internationalen Flaggschiffen, etwa Roche, Novartis, Nestlé, die kein spektakuläres Geschäftsmodell haben, dafür aber Kapitalstärke und eine attraktive Dividendenpolitik. Das KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis) liegt bei 11,8, das geschätzte Gewinnwachstum bei 14,4 Prozent, die durchschnittliche Dividendenrendite für 2011 bei 4,1 Prozent. Ein neuer Fonds der Erste Sparinvest, der am 10. November startet, investiert unter dem Titel „D-A-CH“ in Anleihen und Aktien aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

 

Wachstum: Türkei überholt China

Eine weitere Volkswirtschaft, die der Krise zu trotzen scheint, ist die Türkei. Das Land am Bosporus boomt: Von 2002 bis 2009 stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 168 Prozent auf 618 Milliarden US-Dollar, im Vorjahr betrug das Wachstum 8,9 Prozent – nur China und Argentinien wuchsen stärker. Die Inflation lag mit rund vier Prozent auf dem niedrigsten Stand seit Jahrzehnten. Heuer im ersten Quartal überholte die Türkei mit einem Wirtschaftswachstum von elf Prozent sogar die Wirtschaftsgroßmacht China. Die Staatsverschuldung reduzierte sich von 80 auf 42 Prozent des BIPs.

Der Istanbuler Leitindex ISE National 100 erhöhte sich, in Euro gerechnet, um fast 33 Prozent und erreichte am 9. November 2010 mit 71.544 Punkten seinen bisherigen Höchststand, womit er sich innerhalb von drei Jahren verdreifachte. Im August 2011 fiel er zwar kurzfristig unter 50.000 Punkte, erholte sich aber wieder und notierte am 6. Oktober bei 57.500 Punkten. „Die aktuelle Unsicherheit könnte noch einige Zeit bestehen bleiben, Rückschläge sollten bei Beachtung des erhöhten Risikos jedoch wieder interessante Investitionschancen eröffnen. Hier empfiehlt sich die bevorzugte Eichhörnchentaktik, was bedeutet, einfach in Ruhe einsammeln und stufenweise investieren“, analysiert Erste-Sparinvest-Geschäftsführer Franz Gschiegl. Für die Türkei spricht weiters das gute Rating von Moody's, Standard & Poors und Fitch; bei Fitch ist das Land nur mehr eine Stufe von „Investment Grade“ entfernt. In den nächsten Monaten könnten weitere Höherstufungen folgen, auch die politische Situation hat sich durch die Wiederwahl von Ministerpräsidenten Tecep Tayyip Erdoğan und die Entmachtung des Militärs weiter stabilisiert. Die demografischen Voraussetzungen sind mit einem Bevölkerungsdurchschnittsalter von 28 Jahren, einer hohen Geburtenrate und wachsendem Privatkonsum ebenfalls positiv. Und: Der Bankensektor ist weder von der US-Subprime- noch von der Griechenland-Schuldenkrise betroffen.

Die Achillesferse der türkischen Volkswirtschaft sei ihr Leistungsbilanzdefizit, warnt Gregor Holek, Fondsmanager für Emerging Markets von Raiffeisen Capital Management. Zuletzt erhöhte es sich von 6,6 auf acht Prozent. Weitere Schwachstellen sind die steigende Inflation, die geringe Liquidität der Istanbuler Börse und das relativ geringe Anlegervertrauen in Emerging Markets.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2011)

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