Rom/Wien/Red./Ag. Montagfrüh lagen die Nerven in Rom blank: Auf der Agenda stand eine Auktion italienischer Staatsanleihen. Und das am ersten Werktag nach der erneuten Herabstufung des Landes durch die Ratingagentur Fitch.
Aber die 500-Milliarden-Euro-Spritze, die die EZB vor ein paar Wochen dem Bankensystem verpasst hatte, verfehlte die gewünschte Wirkung offenbar nicht: Italien konnte sich problemlos 7,5 Mrd. Euro am Markt beschaffen. Und das zu einem deutlich niedrigeren Zinssatz als zuletzt: Für Zehnjahrespapiere muss die Regierung jetzt zwar immer noch üppige 6,08Prozent berappen. Bei der letzten Auktion solcher Papiere, am 29.Jänner des Vorjahres, hatten die Investoren aber noch 6,98Prozent verlangt.
Flut an Neuemissionen
Die Erleichterung in der Finanzbranche war nach der geglückten Auktion spürbar. Denn die Italien-Auktion ist nur der Auftakt einer ganzen Reihe von Staatsanleihen-Emissionen, die in dieser Woche anstehen. Mindestens 22 Mrd. Euro wollen sich europäische Staaten bis Freitag holen. Heute, Dienstag, ist Belgien dran, morgen emittiert Deutschland zehnjährige Bundesanleihen über voraussichtlich fünf Mrd. Euro, am Donnerstag folgt Frankreich, und am Freitag betritt Spanien die Bühne.
Ein Flop der italienischen Emission am Montag hätte die Stimmung schwer beschädigt und wohl zu Problemen bei den folgenden Emissionen geführt. Pessimisten hatten einen solchen Flop nach der freitäglichen Rückstufung Italiens durch Fitch nicht ausgeschlossen. Dass der Markt das „Zeugnis“ von Fitch vollständig ignorierte, erklären Beobachter damit, dass die Ratingagentur nur mit Verspätung die Wertung der beiden anderen Ratingagenturen nachvollzogen habe. Anleiheexperten gehen nun davon aus, dass die Volumina der übrigen Euroländer in dieser Woche problemlos im Markt untergebracht werden können. „Es ist genug Liquidität vorhanden“, sagte die UniCredit-Anleihestrategin Chiara Cremonesi am Montag. Zu den hohen Summen, die sich die Banken zuletzt via Dreijahrestender von der EZB geholt haben, kämen noch 16 Milliarden, die Spanien und Italien gerade an Zinszahlungen geleistet hätten und die jetzt auch angelegt werden wollen. Die Geldspritze der EZB hat die Zinsen für italienische und spanische Anleihen um gut 1,5 Prozentpunkte gesenkt und den beiden Staaten damit beträchtliche Erleichterungen verschafft.
7,6 Billionen für Schuldentilgung
Staaten zahlen ihre „abreifenden“ Anleihen normalerweise zurück, indem sie neue Anleihen auflegen, sich also neu verschulden. Heuer ist der Finanzierungsbedarf für abreifende Anleihen weltweit außerordentlich hoch. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Bloomberg müssen allein die G7-Staaten sowie Brasilien, Russland, Indien und China 7600 Mrd. Dollar für die Rückzahlung alter Schulden auftreiben. Im Vorjahr waren es 7400 Mrd. Dollar gewesen.
Den höchsten Refinanzierungsbedarf hat Japan mit 3000 Mrd. Dollar, gefolgt von den USA, die 2800 Mrd. Dollar „aufstellen“ müssen. In der Eurozone hat Italien das größte Rückzahlungsproblem: Die Italiener müssen Altschulden über 428 Mrd. Euro mittels der Aufnahme neuer Kredite abdecken. Den zweithöchsten Refinanzierungsbedarf hat Frankreich mit 367 Mrd. Euro, gefolgt von Deutschland mit 285 Mrd. Euro. Die neuen Anleihen werden durchwegs mehr Zinsen kosten als die alten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2012)

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