Brüssel. Zweieinhalb Jahre nach dem G20-Gipfeltreffen in Pittsburgh setzt Europa einen von dessen wichtigsten Schritten zur Erhöhung der Transparenz und Stabilität der Finanzmärkte durch: Am Donnerstagabend einigten sich die Verhandler der nationalen Regierungen und des Europäischen Parlaments auf ein Gesetz, das den Handel mit derivativen Finanzprodukten einer strengen Aufsicht unterwirft. „Ich gratuliere den Mitgliedstaaten und dem Europaparlament“, erklärte EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier, auf dessen Vorschlag diese Verordnung basiert.
Sorgen Londons ausgeräumt
Künftig müssen alle Derivate an Transparenzregister gemeldet werden. Diese Register werden auf Basis dieser Daten regelmäßig Statistiken über die Entwicklung des Handels mit diesen Finanzprodukten veröffentlichen. Das wird es den europäischen Finanzaufsehern, allen voran der seit Beginn 2011 amtierenden Wertpapierbehörde Esma mit Sitz in Paris, erstmals ermöglichen, die Entwicklung dieses weltweit 707 Billionen Dollar (533 Billionen Euro) umfassenden Marktes zu verfolgen.
Sollten sich Blasen und sonstige gefährliche Entwicklungen abzeichnen, erhalten die Aufseher somit Kenntnis von der ungefähren Größe und dem Ursprung des Problems – und sie bekommen auch bessere Werkzeuge, um diese Schieflagen zu beheben: Wenn zwei Drittel der nationalen europäischen Aufsichtsbehörden der Ansicht sind, dass eine zentrale Gegenpartei in einem Mitgliedstaat, über die der Derivatehandel läuft, nicht seriös genug ist, um zugelassen zu werden, dann wird verpflichtend die EU-Behörde Esma zur Streitschlichtung eingeschaltet. Deren Entscheidung kann dann nur von einer Mehrheit minus einer Stimme im Kollegium der nationalen Aufseher abgewiesen werden.
Diese Frage war der entscheidende Streitpunkt im Umgang mit der britischen Regierung: Die meisten zentralen Gegenparteien und Clearinghäuser sind in London tätig. Die dortige Finanzlobby hatte stets Befürchtungen, dass die neuen EU-Aufseher in Paris ihr einträgliches Geschäft zu stark limitieren würden. Mit der verpflichtenden „Mediation“ auf Antrag von zwei Dritteln der nationalen Aufseher „können wir leben“, hatte ein mit den Verhandlungen befasster britischer Diplomat in Brüssel schon vor Wochen gesagt.
Ein Derivativ ist ein Wertpapier, dessen Wert von der Entwicklung eines anderen Wertes abhängt. Industrieunternehmen können sich mittels solcher „abgeleiteter“ Verträge gegen die Schwankung von Rohstoffpreisen absichern.
Mehr Risiko, mehr Versicherung
Der Handel mit Derivativen ist für Banken, Hedgefonds und andere Finanzunternehmen seit der Deregulierungswelle der Finanzmärkte in den 1980er- und 1990er-Jahren zu einem einträglichen Geschäft geworden – so einträglich, dass am Ende niemand mehr wusste, wer wie viele Verträge mit welchem Wert in seinen Büchern hat. Am Tag, als die US-Bank Lehman Brothers Insolvenz erklärte, waren nur 1,24 Prozent der gehandelten Verträge in den Büchern der Banken erkennbar. Nun gilt in der EU für die „over the counter“, also nicht auf Börsen gehandelten Derivate eine Pflicht zur höheren Unterlegung mit Eigenkapital. Wer sich also dem Licht der Märkte entziehen will, muss mehr Sicherheiten hinterlegen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2012)
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