Frankfurt/Peking/Ag. Peking handelt im Kampf gegen eine drohende Konjunkturflaute: Chinas Notenbank hat am Donnerstag überraschend den Leitzins um einen Viertelprozentpunkt auf 6,31 Prozent gesenkt. Auch der Einlagezins, zu dem Finanzinstitute Geld bei der Zentralbank parken können, wurde im selben Umfang auf 3,25 Prozent reduziert.
Die Aktienmärkte reagierten auf diesen ersten Zinsschritt seit 2008 weltweit erleichtert, nachdem die EZB und die Bank of England ihrerseits die Zinsen unverändert auf einem bzw. auf 0,5 Prozent belassen hatten. Der Euro stieg auf ein Tageshoch von 1,26 Dollar.
Fed dämpft Hoffnungen
Viele Anleger setzten darauf, dass die US-Notenbank Fed ebenfalls Bereitschaft zu neuerlichen Konjunkturstimuli signalisiert. Am Mittwoch hatten sich mit Janet Yellen und Dennis Lockhart zwei hochrangige US-Notenbanker offen für neue geldpolitische Maßnahmen zur Unterstützung der Konjunktur ausgesprochen. In ihrem jüngsten Konjunkturbericht hat sich die Fed überraschend optimistisch zur US-Konjunkturentwicklung geäußert. Die Wirtschaft sei in den letzten Monaten gewachsen und der Arbeitsmarkt zeige zumindest eine ganz leichte Aufwärtstendenz, hieß es dort. Yellen räumte indes ein, dass die Fed eine Antwort haben müsse, sollte die Wirtschaft nicht genügend Fortschritte machen. Sie ist nicht die einzige Ökonomin, die davon ausgeht, dass die Fed ihr Programm zum Ankauf von Staatsanleihen (Quantitative Easing) neu auflegen könnte.
Fed-Boss Ben Bernanke erfüllte am Donnerstag bei seiner mit Spannung erwarteten Stellungnahme vor dem gemeinsamen Wirtschaftsausschuss von Senat und Repräsentantenhaus diese Hoffnungen nicht. Bernanke gestand nur ein, dass die Wachstumsaussichten der US-Wirtschaft von signifikanten Risken bedroht seien. Deshalb sei die US-Notenbank bereit zu Schutzmaßnahmen, falls die Eurokrise eskalieren sollte.
Nach China könnten auch andere Schwellenländer mit Zinssenkungen nachziehen, meinte Ökonom Christian Schulz von der Berenberg-Bank. Auch Analyst Keith Bowman von Hargreaves Lansdown findet es gut, dass China als leuchtendes Beispiel vorangeht: „Das ist zwar keine massive Senkung, aber sie hilft und signalisiert, dass die Notenbanken bereitstehen, bei Bedarf die Wirtschaft zu stützen.“ Die australische Notenbank hat jüngst ihren Leitzins wegen der weltweiten Konjunkturabkühlung auf den tiefsten Stand seit zweieinhalb Jahren gedrückt.
EZB trotzt der Politik
Die Europäische Zentralbank (EZB) hält ihr Pulver indes trocken EZB-Präsident Mario Draghi betonte, die Notenbank sei bis auf Weiteres nicht gewillt, mit neuen Krisenmaßnahmen den Druck von der Politik zu nehmen und die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Vielmehr seien die Regierungen gefordert, die Krise zu lösen. „Es wäre nicht richtig, wenn die Geldpolitik für Versäumnisse anderer in die Bresche springt. Es gibt keinen Kuhhandel zwischen der EZB und den Regierungen in der Eurozone“, sagte Draghi in Frankfurt.
Die meisten Experten orteten keine Signale Draghis zu einer Kursänderung. Sie glauben aber, dass die EZB bei größeren Turbulenzen in Griechenland und Spanien in Zugzwang geraten könnte. Die Folgen der Krise haben in Zeiten der Globalisierung bereits China erfasst: Der Exportweltmeister leidet unter den Problemen der EU, des wichtigsten Absatzmarkts.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2012)

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