Wien/Hie. An Selbstbewusstsein mangelt es dem Chef der Warschauer Börse nicht: „Wir sind das China Europas. Wir haben das Wachstumspotenzial eines Emerging Markets. Gleichzeitig bieten wir jedoch als EU-Mitglied die Infrastruktur und die Regulierung eines Industriestaats“, sagte Ludwik Sobolewski, CEO der Börse Warschau, zum deutschen Branchenmagazin „Finanz und Wirtschaft“.
Das Selbstvertrauen steht ihm zu: Schließlich hat der Finanzplatz Warschau in den vergangenen Jahren kräftig aufgeholt und bietet nicht nur Anlegern aus der Region ein attraktives Zuhause. 1991 in ihrer heutigen Form gegründet, war die Warschauer Börse früher einmal im Zentralgebäude der Kommunistischen Partei beheimatet. Heute residiert sie in einem modernen achtstöckigen Gebäude, in einer Seitenstraße der historisch bedeutenden Nowy Świat. Übersetzt heißt das „Neue Welt“.
Wien den Rang abgelaufen
Polen und seine Börse marschieren seit einiger Zeit auf Erfolgskurs. Nicht nur, dass die polnische Wirtschaft im Moment weit besser unterwegs ist als die der anderen 26 EU-Länder. Auch der polnische Finanzplatz floriert: Ende März betrug die Marktkapitalisierung der Warschauer Börse 122 Milliarden Euro, in Wien waren es 73 Milliarden und in Prag 30 Milliarden. Elf Firmen gingen in den Monaten Jänner bis März an die Warschauer Börse, damit schaffte es Warschau international gesehen auf den fünften Platz.
Die Analysten sind sich weitgehend einig: Polen wird auch in Zukunft attraktiv bleiben. Im Jahr 2010 lief der Finanzplatz Warschau der Börse Wien, dem bis dahin wichtigsten Handelsplatz in der Region Zentral- und Osteuropa, den Rang ab. Damals organisierte Warschau 120 Börsengänge – und schaffte es damit überraschend in die Weltrangliste der Wachstumsplätze der Finanzwelt. Plötzlich stand Warschau auf Platz zwei hinter dem Wachstumsmarkt Shenzhen aus China mit 288 Börsengängen. Mit einer Marktkapitalisierung von etwa 132 Mrd. Euro und einem Aktienumsatz von 48 Mrd. Euro hängte Polen Wien ab.
Das hätte nur wenige Jahre zuvor niemand gedacht. Aber in der Krise hatte das einst kommunistische Polen seine große Stunde: Als einziges Land in der EU überstand Polen, das manche als den „Tiger“ im Osten bezeichnen, das schwere Jahr 2009 ohne Rezession. Während die EU-Länder im Schnitt 4,4 Prozent ihrer Wirtschaftskraft einbüßten, legte Polen um 1,6 Prozent zu. Heuer soll das BIP mit 2,7 Prozent mehr als dreimal so stark wachsen wie etwa Österreich.
Polen strotzen vor Konsumfreude
So mancher Experte bezeichnet Polen heute als ein Wachstumsland, das wenig anfällig für externe Schocks ist. Kein Wunder: Das Land hat rund 38 Millionen Einwohner – ein starker Binnenmarkt mindert die Abhängigkeit vom Export. Dazu kommt, dass die Wirtschaft großen Aufholbedarf zum Westen hat, was die Konsumfreude steigert. Und wegen des ordentlichen Wirtschaftswachstums ist auch die entsprechende Kaufkraft vorhanden. „Polen kann sich ein bisschen mehr abschotten, weil man die Unterstützung von innen hat“, sagt etwa Andreas Schiller, Analyst bei der Raiffeisen Bank International. Die polnischen Exporteure und Zulieferer profitieren zudem von der geografischen Nähe zu Deutschland. Und schließlich konnten in den vergangenen Jahren zahlreiche Projekte (vor allem auf dem Bau) mithilfe der umfangreichen Subventionen aus Brüssel umgesetzt werden.
Mit den Finanzplätzen Hongkong und Dubai kann Warschau zwar noch nicht mithalten. Aber wegen des Wirtschaftsbooms gehört die Börse seit Jahren zu den besonders schnell wachsenden Handelsplätzen. 2009 etwa erregte der Börsengang von Polens größtem Stromkonzern PGE Aufmerksamkeit. Er spielte 1,4 Milliarden Euro ein, es war der größte Börsengang des Jahres 2009 in Europa.
Unternehmer sehen die Börse in Warschau als attraktiv hinsichtlich der in Polen vorhandenen Liquidität. Wie etwa Sergej Kasjanow, Chef des ukrainischen Saatgutherstellers KSG Agro: „Die Börse Warschau ist für uns die naheliegende Wahl. Hier ist jene Liquidität gewährleistet, die unsere Aktie braucht“, sagte der Unternehmer zur Nachrichtenagentur Bloomberg. In Kiew zum Beispiel hätte es der Konzern viel schwerer gehabt, Anleger zu finden und Kapital für Expansionen aufzutreiben, so Kasjanow.
Strenge Regulierungsbehörden
Leon Podkaminer vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche sieht noch einen anderen Grund, warum Warschau ein guter Platz für Investoren ist: „Die Regulierung von Börse und Banken is streng. Die Überwachungsbehörden sind gut organisiert und funktionieren vorbildlich“, sagt Podkaminer.
Zudem hat die polnische Regierung vor einiger Zeit das Pensionssystem reformiert und setzt seitdem verstärkt auf private Fonds. Die wiederum müssen das Geld von Gesetz wegen zu über 90 Prozent im Inland anlegen, erklärt Günther Artner von der Erste Group. Das habe sehr stark zur guten Entwicklung der Börse beigetragen. „Warschau ist ein sehr dynamischer Finanzmarkt“, so Artner. Der Analyst ist auch für die Zukunft optimistisch: Derzeit leide Warschau zwar wie viele Börsen in Europa unter der Krise. „Aber wenn das Vertrauen in die Region zurückkommt, ist Polen der erste Markt, wohin Geld zurückfließt.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2012)

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