Alte Börsenweisheiten sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren: „Sell in May and go away“ wäre heuer wohl die Fehlentscheidung des Sommers gewesen. Seit Anfang Juni steigen die wichtigen Aktienindizes nämlich kontinuierlich an. Der deutsche Leitindex Dax und das amerikanische Börsenbarometer Dow Jones haben seither jeweils mehr als 1000 Punkte wettgemacht. Nach mehreren vergeblichen Anläufen hat der deutsche Dax zum Wochenschluss sogar die 7000-Punkte-Marke geknackt und ist nun nicht mehr weit von seinem Jahreshoch entfernt. Selbst der österreichische ATX, der heuer deutlich hinterherhinkt, hat sich stabil über 2000 Punkten etabliert.
Charttechnisch ist die Lage nun zumindest beim Dax sonnenklar: Mit dem Überschreiten der 7000-Punkte-Grenze sollte der Weg, auch wenn die Luft da oben schon verdammt dünn ist, bis zumindest 7200 frei sein. Es gibt also noch Potenzial.
Dass sich die Börsen trotz anhaltender Eurokrise und immer dichter niederprasselnder Hiobsbotschaften von der Konjunkturfront so schön halten, hat allerdings einen einzigen Grund: die lockere Geldpolitik, mit der die Notenbanken die Krise bekämpfen. Der Sprung über 7000 ist dem Dax ja bezeichnenderweise im Anschluss an kryptische Aussagen der deutschen Bundeskanzlerin gelungen, die zumindest von Analysten so interpretiert wurden, dass Deutschland seinen Widerstand gegen direkte Staatsanleihenkäufe durch die EZB aufgeben könnte.
Man kann das noch vorhandene Aufwärtspotenzial also durchaus nutzen. Aber nur, wenn man bereit ist, kurzfristig auch wieder auszusteigen. Denn allzu nachhaltig sieht der kleine Börsenboom nicht aus.
In solchen Zeiten sieht man sich am besten Papiere an, die von als positiv eingestuften Nachrichten kurzfristig stark bewegt werden. Um ein solches könnte es sich bei der börsenotierten deutschen Haustechnikfirma Centrotec Sustainable(ISIN DE0005407506) handeln. Die ist am Freitag um gut acht Prozent in die Höhe gesprungen, als (unter anderem in der „Bild“-Zeitung kolportierte) Gerüchte aufgekommen waren, Deutschland wolle eine staatliche „Verschrottungsprämie“ für den Austausch alter Gas- und Ölheizungen einführen.
Allerdings: Das Basisgerücht ist mit dem freitägigen Kurssprung wohl „abgegolten“. Die Devise lautet jetzt „abwarten und Markt beobachten“. Sollten sich die Gerüchte bewahrheiten, dann ist noch mehr drin.
In Deutschland sehen derzeit auch die hier schon mehrfach empfohlene Lanxess(ISIN DE0005470405) und ThyssenKrupp(ISIN DE0007500001) nicht schlecht aus. Beide sind in den vergangenen Wochen zu stark geprügelt worden, was sie vergleichsweise „billig“ macht. Beide haben in den vergangenen Tagen mehrere Kaufempfehlungen und Kurszielerhöhungen von Analysten bekommen und beiden wird ein Kurspotenzial zugetraut, das um mehr als ein Viertel über dem aktuellen Niveau liegt.
Vergleichsweise wenig Freude haben in der vergangenen Woche Besitzer der in Österreich doch breit gestreuten Aktie der Telekom Austria(ISIN AT0000720008) gehabt: Nach einem mäßigen Ausblick ist der Kurs weiter eingeknickt. Was tun? Nun: Die Telekom ist wegen des harten Konkurrenzkampfes generell ein schwieriges Pflaster für Aktionäre. In Österreich, dem billigsten Handyland des Kontinents, sind die Aussichten besonders düster. Wenn es schon eine Telekom-Aktie fürs Portfolio sein soll, dann am ehesten die der britischen Vodafone Group(ISIN GB00B16GWD56). Die hat nicht nur ihre „Home Base“ im Land mit den höchsten europäischen Handytarifen, auch das Chartbild sieht ziemlich gut aus.
Ausgeblieben ist in dieser Woche der von vielen Analysten vorhergesagte Totalabsturz der Facebook-Aktie. Die vielen Facebook-Aktionäre, deren Behaltefrist am Donnerstag abgelaufen war, waren also gescheit genug, ihre Papiere nicht panisch auf den Markt zu werfen und damit den Kurs noch einmal nach unten zu treiben.
Freilich krebst das Papier weiter um die 20-Dollar-Marke herum (und liegt damit um 50 Prozent unter seinem Ausgabekurs). Der Druck wird wohl weiter nach unten gehen. Bei der hochgehypten Emission im vergangenen Frühjahr war dieser Aktie an dieser Stelle ein fairer Wert von zehn bis 15 Dollar zugebilligt worden. An dieser Einschätzung hat sich seither nichts geändert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2012)
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