Auf den Märkten nichts Neues: Die für heimische Anleger wichtigen Indizes laufen unter teils heftigen Ausschlägen seitwärts dahin. Seit den Hochständen Mitte August haben der österreichische ATX und der deutsche DAX dabei jeweils an die hundert Punkte verloren. Das ist für Anleger in Wien freilich wesentlich bitterer als für jene, die in Frankfurt investieren: Weil der DAX in der Gegend von 7000, der ATX aber nur bei ungefähr 2000 liegt, ist der österreichische Index prozentuell dreineinhalb mal so stark gefallen wie der deutsche. Hoffentlich kann er dieses Verhältnis in der Gegenrichtung auch beibehalten.
Aber wird es diese Gegenbewegung in die andere Richtung in absehbarer Zeit geben? Nun: Der Seitwärtstrend der vergangenen Wochen sieht immer noch sehr nach gesunden Gewinnmitnahmen nach den starken Anstiegen seit Sommerbeginn aus. In der Vorwoche hat es zusätzlich noch einen Abwärtskick gegeben, als nervöse Investoren aufgelaufene Gewinne vor der freitägigen Rede von US-Notenbankchef Ben Bernanke noch schnell einsackten.
Bernanke hat jetzt – zur verhaltenen Freude der Märkte – gesprochen, aber damit ist die Sache noch lange nicht gelaufen. Denn die nächsten Wochen werden finanzpolitisch noch extrem spannend. Am kommenden Donnerstag etwa entscheidet die EZB über eine mögliche weitere Zinssenkung, gleichzeitig sollte bei der Sitzung etwas klarer werden, ob EZB-Chef Mario Draghi jetzt die „Bazooka“ auspacken und ein neues Staatsanleihenkaufprogramm starten (de facto also frisches Geld zur Krisenbewältigung „drucken“) darf.
Beide Maßnahmen würden den Börsen und dem in der Vorwoche einigermaßen erstarkten Euro Auftrieb verleihen. Allerdings auch die Europäische Zentralbank einer echten Zerreißprobe unterziehen. Denn in der Eurozone wird der Graben zwischen Deutschland (das weitere Ankaufsprogramme ablehnt) und dem „Club Med“ immer tiefer. Gegen Ende der Woche sind Gerüchte aufgetaucht, wonach Bundesbank-Chef Weidmann, der erbittertste Gegner der Euro-Inflationierung, sogar an Rücktritt denkt. Was darauf hindeuten könnte, dass Deutschland Probleme hat, sich in der Eurozone durchzusetzen.
Eine Woche später gibt es den nächsten Lostag für den Euro, wenn das deutsche Verfassungsgericht in Karlsruhe über die Rechtmäßigkeit des Rettungsschirms ESM entscheidet. Kippen die Richter den „Schirm“, dann sind heftige Turbulenzen an den Märkten wohl vorprogrammiert.
Man sieht: Die Märkte befinden sich fest im Griff der Eurokrise, jede Prognose für die kommenden Wochen verkommt damit zur Kaffeesudleserei. In solchen Situationen ist es für Privatanleger mit mittelfristigem Anlagehorizont ohne den Zug zu Kurzfrist-Spekulationen wohl das Beste, bestehende Gewinne abzusichern und im Übrigen abzuwarten und Tee zu trinken.
Natürlich kann man auch kurzfristig ein bisschen „Wellenreiten“, allerdings immer in „Bremsbereitschaft“. Anschauen könnte man sich beispielsweise die Aktie der deutschen Jenoptik(ISIN DE0006229107). Die ist an dieser Stelle schon Ende Juli empfohlen worden, hat seither rund acht Prozent zugelegt (wenngleich sie zwischenzeitlich schon deutlich höher lag) und ist nach der Kurzzeit-Konsolidierung jetzt wieder in eine ausgeprägte Aufwärtsbewegung übergegangen. Das sieht nach einem erneuten Anlauf auf das Jahreshoch aus. Da könnte man wohl noch ein paar „Prozente“ mitnehmen. Aber, wie gesagt, immer mit einem Fuß in der Nähe der Bremse.
Richtig „abspielen“ wird es sich im kommenden Monat im Bereich der Smartphone-Aktien, wenn die Hersteller ihre neuen Produkte präsentieren. Die Platzhirschen Apple und Samsung und der Android-Lieferant Google wurden hier erst kürzlich besprochen. Amerikanische Analysten haben nun eine abenteuerliche Variante ins Spiel gebracht: Nokia(ISIN FI0009000681), der große Loser im Smartphone-Geschäft, baut derzeit gerade um und sei dabei, ins Geschäft zurückzufinden. Im Smartphone-Business würden die Finnen zwar nicht mehr zu alter Größe finden, aber bei den billigen Low-End-Handys würden sie auf Emerging Markets wie Südafrika oder Indien immer mehr reüssieren. Das sei ein Milliardenmarkt, der auch der Aktie mittelfristig wieder hochhelfen werde. Eine interessante Variante, die beobachtet werden sollte. Kurzfristig würde ich davon aber doch die Finger lassen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2012)
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