Die vergangene Woche war keine, an die sich Anleger noch lange erinnern werden: Seit Mitte September geht es an den großen Börsen (und auch in Wien) leicht bergab – und daran hat sich auch in den vergangenen fünf Börsentagen nichts geändert.
Zurzeit sieht das aber noch nicht nach einer größeren Korrektur aus, auf die man mit einem großflächigen Rückzug vom Markt reagieren müsste. Im Gegenteil: Die langfristigen Aufwärtstrends sind noch intakt. Wenn nichts Größeres passiert, sieht das eher nach einer Welle von kurzfristigen Gewinnmitnahmen nach einer eher nicht erwarteten relativ kräftigen Aufwärtsbewegung im Sommer aus.
Intakte Langfristchancen heißt aber nicht, dass man gleich den „Kaufen“-Knopf drücken muss. Die Kursrückgänge haben auch die Kurzfristchartbilder ein wenig eingetrübt. In den nächsten Tagen kann man sich also erst einmal in Ruhe anschauen, wohin die Reise geht.
Zumal die fundamentale Seite auch wenig Grund zur Euphorie liefert. Die Berichtssaison für das dritte Quartal hat in den USA jedenfalls eher durchwachsen begonnen. Und dass das vierte Quartal und das erste Halbjahr 2013 kurstreibende Gewinnexplosionen bringen werden, ist eher unwahrscheinlich.
In einer derartigen Situation können schlechte Nachrichten sehr schnell Kursrückgänge auslösen, die in ihrer Heftigkeit unerwartet kommen. Das ist zuletzt etwa unserer „Paradeaktie“ Apple(ISIN US0378331005) passiert, die an dieser Stelle erstmals bei 91 Dollar empfohlen worden war. Das Papier des Edelcomputerkonzerns hat nach einem langen Anstieg um gut zehn Prozent korrigiert und liegt nun in der Gegend von 630 Dollar. Nach einer Niederlage vor Gericht (ein von Apple erwirktes Verkaufsverbot für ein in den USA ohnehin kaum gefragtes Handy des Konkurrenten Samsung wurde gekippt) hat am Donnerstag noch einmal einen (wohl überzogenen) Kursrückgang ausgelöst. Der Kurzfristchart sieht jetzt ziemlich ungemütlich aus, technisch könnte die Aktie also durchaus noch das eine oder andere Prozent korrigieren.
Ich glaube aber nicht, dass man den „Apfel“ deshalb schon in den Verkaufskorb legen sollte. Im Gegenteil: Der Rücksetzer bietet eher neue Einstiegsmöglichkeiten. Für den Oktober stehen noch die Vorstellung des „iPad-Mini“ und der iPhone5-Verkaufsstart im riesigen indischen Markt an. Das könnte die Stimmung bald wieder drehen.
Sehr gut sieht unter den US-Techs derzeit auch das Papier des Online-Buchhändlers Amazon(ISIN US0231351067) aus. Das Unternehmen ist auf dem Markt äußerst innovativ unterwegs, hat zuletzt durch neue „Kindle“-Lesegeräte und durch die Markteinführung einer dazugehörenden elektronischen Leihbücherei unter anderem in Deutschland von sich reden gemacht. Was der Aktie, die in den vergangenen Monaten schon stark gestiegen ist, einiges an Potenzial verleiht. Die Credit Suisse hat das Papier am Freitag mit einer durchaus nachvollziehbaren „Outperform“-Einstufung und einem wohl realistischen Kursziel von 301 Dollar versehen. Das wäre vom derzeitigen Kursniveau aus ein Anstieg um gut 20 Prozent.
Wer das Zocken liebt: Banken könnten demnächst von einer (derzeit noch gerüchteweise kolportierten) Lockerung der EU-Eigenkapitalrichtlinien profitieren. Ein relativ gutes Quartalsergebnis der US-Bank JPMorgan hat den Bankensektor am Freitag zusätzlich angeschoben. Sehr stark profitiert hat davon die Commerzbank(ISIN DE0008032004), der jetzt kurzfristig Potenzial zugetraut wird. Allerdings: In der Eurokrise sind Banken ein spekulatives Investment, man sollte für unerwartete Wendungen also immer die Notbremse in Griffweite haben.
Good News gibt es auch von der Wiener Börse: Der Feuerfesthersteller RHI(ISIN AT0000676903) läuft derzeit äußerst rund. Die Berenberg-Bank hat ihr Kursziel für die derzeit knapp über 20 Euro notierende Aktie am Freitag deshalb auf 29 Euro angehoben. Selbst wenn sie nur ein Teil dieses Potenzials schafft, können ein paar RHI-Papiere im Depot also wohl nicht schaden.
josef.urschitz@diepresse.com
diepresse.com/money
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2012)
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