Neuerdings häufen sich Leseranfragen der Art, der Bankberater habe soeben empfohlen, bei Verlustpositionen im Depot „nachzukaufen“. Aktien seien jetzt günstig – und auf diese Weise sei es möglich, den Durchschnittseinstiegspreis und damit auch den prozentuellen (Buch-)Verlust zu verringern. Wird wohl damit zusammenhängen, dass die Börsen das Jahr 2012 unerwartet gut begonnen haben und damit bei manchen Anlegern Wiedereinstiegsgelüste wecken.
Was tun in so einem Fall? Der klare Rat lautet: den Berater wechseln. Nachkaufen bei Kursverlusten ist so ziemlich die dümmste Strategie, die man an der Börse fahren kann. Und sie kostet so gut wie immer Geld.
Die grundlegende Idee klingt ja bestechend. Ein Beispiel: Ein Anleger hat um 10.000 Euro Raiffeisen-International-Aktien nahe dem Höchstkurs (was Kleinanlegern leider häufig passiert) bei, sagen wir, 100 Euro gekauft und dann liegen lassen. Er säße jetzt also auf einem Verlust von rund 80 Prozent. Auf dem Weg nach unten hat er aber bei 70 und bei 40 um je 10.000 Euro nachgekauft. Das hat seinen durchschnittlichen Einstiegskurs auf 70 reduziert. Der prozentuelle Buchverlust seines RBI-Engagements hat sich also auf „nur“ noch rund 71 Prozent verringert.
Allerdings nur prozentuell: Ohne Nachkauf würde unser Anleger mit 8000 Euro Buchverlust dastehen, mit Nachkauf (trotz günstigeren Durchschnittseinstiegskurses) sind es 15.000. Er hat nämlich gutes Geld schlechtem nachgeschmissen. Keine besonders glorreiche Idee.
Die traurige Wahrheit ist: Wenn Aktienkurse stark fallen, dann hat das normalerweise einen Grund. Und: Wenn eine Aktie mehr als 50 Prozent fällt, dann ist der Verlust mit diesem Papier nicht mehr oder zumindest nicht mehr in einem vernünftigen Zeitraum aufzuholen. Profis wissen das, arbeiten mit Stopps und steigen konsequent und frühzeitig aus, wenn der Markt gegen sie läuft. Amateure neigen zur Annahme, dass nicht sie sich geirrt haben, sondern der Markt. Dass es also bald wieder in die gewünschte Richtung gehen wird. Der „Nachkauf“ ist ein Ausdruck dieser meist sehr teuren Form von Rechthaberei.
Damit kein falscher Eindruck aufkommt: Unter der Annahme, dass es in der Eurozone nicht wirklich kracht, sind viele Aktien derzeit tatsächlich recht billig zu haben. Es tun sich also – zumindest für kürzerfristige Engagements und unter Beachtung der Vorsichtsregeln – viele Chancen auf. Kriterien für die Aktienwahl dürfen aber niemals vergangene Verluste, sondern ausschließlich fundamentale und/oder charttechnische Zukunftschancen sein.
Letztere sind neuerdings übrigens recht vielversprechend: Wichtige Indizes (etwa der deutsche Dax oder der amerikanische S&P 500) machen sich daran, aus ihren Abwärtstrendkanälen nach oben auszubrechen. Das kann sehr heftig geschehen, denn in der Gegend der oberen Trendkanalbegrenzungen liegen viele Stopp-Limits von Short-Positionen. Werden die „getriggert“, dann gibt es kurzfristig einen ordentlichen Kursschub.
Für den kann man sich unter anderem mit Aktien positionieren, die schon zuletzt recht gut gelaufen sind. Etwa mit den „Presse am Sonntag“-Empfehlungen Aareal Bank(ISIN DE0005408116, plus 16 Prozent in der abgelaufenen Woche), Voestalpine(ISIN AT0000937503, plus 7,3 Prozent) oder SAP(ISIN DE0007164600, plus 6,5 Prozent). Im Aufwärtstrend gilt nämlich die Umkehr dessen, was für den „Nachkauf“ von Verlustpapieren gilt: Das „Pyramidisieren“, also die Aufstockung von Gewinnpositionen, ist eine beliebte Trader-Technik zur Gewinnsteigerung.
Wer glaubt, dass das SAP-Modell gute Aktiengewinne für das Krisenjahr 2012 verspricht, der kann auch einen Blick auf den amerikanischen Technologiekonzern IBM(ISIN US4592001014) werfen.
Der hat diese Woche ein ganz ausgezeichnetes Ergebnis für das vierte Quartal vorgelegt. IBM hat sich – unter anderem durch den massiven Zukauf von Unternehmen – vom Großcomputerhersteller zum weltgrößten IT-Dienstleistungsunternehmen entwickelt. Für den Gewinnsprung im Quartal war in hohem Ausmaß die Softwaresparte ausschlaggebend. Dort wächst auch in der Krise das Geschäft für Software zur Unternehmensanalyse besonders stark. Und in diesem Bereich ist „Big Blue“ (genau wie SAP) besonders stark.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2012)
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