Was so ein EZB-Tender alles auslösen kann: Seit die Euro-Notenbank die europäischen Banken mit 550 Mrd. Euro geradezu zugeschüttet und weitere günstige Dreijahres-Finanzierungen in praktisch unbegrenztem Ausmaß in Aussicht gestellt hat, läuft es plötzlich wie geschmiert: Die wackelnden Euroländer zahlen wieder weniger Zinsen für ihre Staatsschuld, was die unmittelbare Pleitegefahr mildert. Die Risken für die Banken werden demgemäß kleiner. Und das führt dazu, dass die Aktienkurse der Großbanken explodieren und damit die Börsen scharf nach oben ziehen.
Fazit: Statt des noch Ende des Vorjahres möglich erschienenen weiteren Absturzes ziehen die Börsen seit Jahresbeginn steil an. Dass der österreichische ATX Anfang Februar die 2200er Linie knackt, der deutsche Dax jenseits von 6700 liegt und der Dow Jones langsam an der 12.800er-Marke zu kratzen beginnt – das hätten im depressiven vorigen Dezember wohl nur wenige zu hoffen gewagt.
Das muss jetzt aber noch lange nicht das Ende der Kurs-Fahnenstange sein. Allerdings müssen „Späteinsteiger“ in den Trend ihr Augenmerk auf zwei Dinge legen: Innerhalb der nächsten 200 Punkte könnten sowohl Dax als auch Dow Jones auf hohe Hürden stoßen. Die Profite der vergangenen Wochen laden zu kursdrückenden Gewinnmitnahmen geradezu ein. Auf der anderen Seite könnten sich die letzten Pessimisten gezwungen sehen, ihre noch vorhandenen Short-Positionen einzudecken. Was wiederum für Aufwärtsdruck sorgt.
Jedenfalls ist die immer noch verunsicherte Börse jetzt aber extrem nachrichtengetrieben. Und damit kein ganz ungefährliches Pflaster. Selbst normalerweise wenig bedeutsame Meldungen können Kurse jetzt sehr schnell sehr heftig bewegen. In beide Richtungen.
Live miterleben konnte man das beispielsweise am vergangenen Freitag, als günstige US-Arbeitsmarktdaten die Indizes durch die Decke schießen ließen. Der deutsche Dax etwa schoss binnen Minuten um 100 Punkte hoch.
Man kann sich da ungefähr vorstellen, wie die Kurse demnächst bei wirklich relevanten Nachrichten – etwa einer Einigung oder Nichteinigung auf den Griechen-Schuldenschnitt – reagieren werden.
Bei allen Börsenaktionen gelten jetzt also ganz besonders die hier immer wieder gepredigten Vorsichtsmaßnahmen. Vor allem strikte Verlustbegrenzung durch vernünftig gesetzte Stopps.
Berücksichtigt man das, dann gibt es jetzt noch einiges zu holen. Interessant schaut beispielsweise der Raum- und Luftfahrtkonzern EADS(ISIN NL0000235290) aus, dessen Aktie heuer abgeht wie einer der von EADS produzierten Eurofighter. Die Aktie hat nach bereits starken Anstiegen in dieser Woche ein neuerliches Kaufsignal generiert und hat, wenn im Gesamtmarkt nichts entscheidend Negatives passiert, durchaus noch prozentuell zweistelliges Potenzial.
Sehr hohes Potenzial trauen Analysten auch der im deutschen TecDax notierten Gigaset(ISIN DE0005156004) zu. Der Telefonproduzent hat gerade erst am Freitag eine Kaufempfehlung mit dem Kursziel sieben Euro verpasst bekommen. Derzeit notiert das Papier ein bisschen über drei Euro, das ergäbe also enormes Potenzial. Gigaset ist allerdings nur für Anleger mit stärkerem Nervenkostüm geeignet. Der TecDax-Wert war in letzter Zeit nämlich ziemlich volatil unterwegs. Das ist nicht jedermanns Sache.
Gut, aber riskant sieht auch immer noch die Aktie der deutschen Commerzbank(ISIN DE0008032004) aus. Die war im Vorjahr von panischen Investoren wohl zu Unrecht auf de facto Pleiteniveau hinuntergeprügelt worden. Davon ist sie jetzt schon wieder deutlich weg. Aber fair bewertet scheint sie noch immer nicht zu sein. Auch hier gehen Analysten von Kurszielen aus, die bis zu fünf Euro reichen. Derzeit notiert das Papier unter zwei Euro. Fünf Euro dürften da nicht ganz realistisch sein. Wenn die Aktie in den nächsten Tagen aber über die zwei Euro kommt, dann schaltet sie charttechnisch wieder in den Rallyemodus. Allerdings: Banken sind derzeit ziemlich heiße Kartoffeln. Schlechte Nachrichten von der Schuldenfront können das Bild gleich wieder blitzartig drehen.
Kein Zufall sind die jüngsten Kurssteigerungen beim Papier des deutschen Reisekonzerns TUI(ISIN DE000TUAG000). Auch hier sieht es charttechnisch noch gut aus.
josef.urschitz@diepresse.com
DiePresse.com/money
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2012)
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