Anfang April, als der Kursabschwung noch jung war, stand an dieser Stelle zu lesen, dass der deutsche Leitindex DAX unter 6400 rutschen und der österreichische ATX auf Werte zwischen 1850 und 1950 zurückfallen könnte. Dieses Niveau haben wir jetzt erreicht: Der Dax notiert bei 6300 und der ATX bei 1900.
Daraus den Schluss zu ziehen, dass die zu erwartende Regression nach den starken Kursanstiegen zu Jahresbeginn damit „abgearbeitet“ wäre und man sich für neue Kursanstiege auf breiter Front bereithalten sollte, wäre freilich ziemlich leichtsinnig: Der Kursverfall hat nämlich weniger mit Charttechnik und mehr mit Griechenland und den übrigen Eurokrisenländern zu tun.
Die werden uns aber in den nächsten Wochen wohl noch in Atem halten. Sollten die Neuwahlen in Griechenland wieder zu einer funktionierenden, europafreundlichen Koalition führen (was nach derzeitigem Stand unwahrscheinlich, aber nicht ganz auszuschließen ist), dann werden wir in der zweiten Junihälfte wohl eine kräftige Erholung sehen, die man als Anleger nicht verpassen sollte.
Fällt die Mehrheit allerdings an das linksradikale Parteienbündnis Syriza und behält dessen Chef seine Linie bei, dann wird es haarig. Für diesen Fall gehen Insider hinter vorgehaltener Hand bereits von einem Euroaustritt Ende Juni/Anfang Juli aus. Die Situation an den Finanzmärkten dürfte bis dahin schon ordentlich eskalieren.
Jedenfalls rechnen darf man dann mit einer veritablen Bankenkrise, die zwar Frankreich und Deutschland besonders trifft, aber auch weniger in Griechenland engagierte Länder wie Österreich in Mitleidenschaft zieht.
Jetzt laufen Experten herum, die meinen, dieses Szenario sei im Wesentlichen in den bestehenden Kursen bereits „eingepreist“. Sollte Sie einem solchen begegnen, lachen Sie bitte laut: Das ist hanebüchener Unsinn. Wenn Griechenland ungeordnet aus dem Euro ausscheidet, dann beutelt es die Märkte noch einmal recht ordentlich. In Aktien engagierte Anleger sollten den Fuß im Juni also in der Nähe der Bremse haben und im Ernstfall beherzt zutreten. Sollte sich dieses Szenario konkretisieren, dann ist übrigens das „Shorten“ von Banken eine brauchbare Strategie. Geübte Privatanleger können das etwa mittels Optionsscheinen, Zertifikaten oder CFDs bewerkstelligen.
Bis dahin gibt es an den Märkten aber nicht nur Tristesse: Auch in der Marktschwäche findet man immer wieder Papiere, die dem Trend trotzen. Eines davon ist etwa die Aktie der schweizerischen BB Biotech (ISIN CH0038389992), die seit Anfang April exakt gegen den Trend um mehr als zehn Prozent hochgezogen ist. Die Biotech-Aktie hat dabei einen ziemlich sauberen Aufwärtstrendkanal ausgebildet und zeigt keinerlei Tendenz, diesen nach unten zu verlassen. Auch am Freitag gab es wieder kräftige Zuwächse. Das sieht gut aus.
Ansehen kann man sich auch die (schon vorige Woche empfohlene) Aktie des deutschen Energieversorgers E.ON (ISIN DE000ENAG999). Der Energiekonzern hat den Verkauf seines Gasnetzes nun unter Dach und Fach, der Preis wird von Analysten für attraktiv gehalten. Das gibt der Aktie deutlichen Auftrieb. WestLB und Equinet haben den Wert am Freitag empfohlen, die Kursziele der beiden Analysten liegen bei 19,5 bzw. 20 Euro. Das erscheint realistisch – und entspricht auf Basis des derzeitigen Kurses einem Aufwärtspotenzial von mehr als 30 Prozent.
Vorsichtig bleiben sollte man bei der Solarbranche. Die USA haben am Freitag ja Strafzölle für chinesische Solarpaneele angekündigt, was deutschen und amerikanischen Solaraktien starken Auftrieb gegeben hat. Solarworld (ISIN DE0005108401) ist am Freitag um bis zu 15 Prozent hochgeschossen, um am Ende des Tages immer noch fast sieben Prozent im Plus zu sein. Das dürfte allerdings eine Übertreibung sein: Gerade deutschen Herstellern hilft ein US-Strafzoll herzlich wenig. Und die dramatischen globalen Überkapazitäten der Branche werden durch Strafzölle auch nicht beseitigt. Hier heißt es eher: Finger weg.
Wie geschmiert läuft es derzeit dagegen beim Schmiermittelhersteller Fuchs Petrolub (ISIN DE0005790430). Allerdings nicht an der Börse: Da hat es einen Rücksetzer gegeben. Der Wert hat am Freitag eine starke charttechnische Unterstützung bei rund 40 Euro erreicht. Fällt er in den nächsten Tagen darunter: Finger weg. Prallt er dagegen nachhaltig nach oben ab, dann ist das ein klassischer Kauf.
diepresse.com/money
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.05.2012)
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