"Die Russen werden in Österreich ungleich behandelt"

Andrej Kostin ist Chef der russischen VTB-Bank. Diese ist binnen zehn Jahren um das 35-fache gewachsen. Im Gespräch mit der "Presse" klag er über das Misstrauen gegenüber russischen Banken.

Russen werden oesterreich ungleich
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Russen werden oesterreich ungleich
andrei kostin – (c) REUTERS (DENIS SINYAKOV)

Die Presse: Welche Lehren haben Sie aus der Wirtschaftskrise gezogen?

Andrej Kostin: Wir haben gelernt, das Risiko und die Wachstumsgeschwindigkeit der Bank zu senken. Wir denken jetzt, dass zehn bis 15 Prozent pro Jahr ein normales Wachstum ist. Und wir wissen, dass uns die Zentralbank unterstützen kann. Aber wir versuchen, das zu minimieren.


Eine umstrittene Frage in Europa ist die Schaffung einer Bankenunion, sodass der Steuerzahler und nicht Aktionäre für Verluste haften. Werden da nicht alle Schleusen geöffnet?

Mich erinnern die europäischen Banker an Leute, die zur Todesstrafe verurteilt sind und auf die Vollstreckung warten. Wir Russen haben den Crash 1998 erlebt. Nur die Staatsbanken haben mit Staatshilfe überlebt. Und die Privatbank Alfa-Bank mit Hilfe ihrer Aktionäre. Wenn Europas Banken heute ähnlich substanzielle Verluste erleiden, haben sie wahrscheinlich das Recht auf Kompensation. Denn wir haben eine Staatsschuldenkrise.


Das Problem bei der Bankenunion ist, dass die Aufsichtsorgane keinen guten Einblick in den Geschäftsbetrieb haben.

Man redet ja vorerst nur von einer beschränkten Anzahl an Banken – und zwar den größten. Ich denke, damit kann man beginnen. Wenn wir die EU und den Euro retten wollen, gibt es keine Alternative zur Schaffung einer Bankenunion.

Gerade Sie wissen, wie schlecht man in eine Bank hineinschauen kann. Sie haben 2011 Russlands fünftgrößte Bank „Bank of Moscow“ gekauft, wo dann ein Finanzloch von 5,3 Milliarden Euro klaffte.

Ja, das vorherige Management hatte alle Regeln verletzt. Aber warum hat die Aufsicht das nicht enthüllt? Das Management verwehrte uns vor dem Kauf eine vollständige, vertiefte Prüfung.

Das bestätigt nur die Ängste vieler vor einer Bankenunion.

Da stimme ich zu.

In Deutschland werben Sie mit der Direktbank „VTB Direct“ seit 2011 mit hohen Zinsen um Kunden. Das tat vor der Krise etwa die isländische Kaupthing-Bank, die Bankrott ging und deren ehemaligen Deutschland-Chef Sie übernommen haben. Warum wehren Sie sich gegen den Vergleich?

Das ist ein sehr beschränktes Produkt. Wir werden keine Bank mit tausenden Filialen aufbauen. Und unsere Bank kann jederzeit auf Staatshilfe bauen.

Die VTB Direct ist aber an die österreichische Einlagensicherung angebunden. Was macht Sie so sicher, dass sie nicht schlagend wird?

Sowohl in Österreich als auch in Frankreich sind wir mit einer ungleichen Behandlung der Russen konfrontiert, während alle ausländischen Inhaber russischer Banken in Russland absolut gleiche Bedingungen vorfinden. Warum sollte ein russischer Steuerzahler nicht fürchten, dass die Raiffeisenbank Russland nicht mehr liquide ist? In Österreich ist die VTB eine österreichische Bank, hinter der wohlgemerkt die russische VTB steht. Und Raiffeisen ist in Russland eine russische Bank. Übrigens gab es die Information, dass westliche Banken, Raiffeisen inklusive, während der Krise Geld hin und her transferiert haben und es bis dato tun. Das heißt, bei Liquiditätsproblemen haben sie Geld aus Russland hinausgeschafft.

Tun Sie das umgekehrt etwa nicht?

Nein, wir arbeiten mit Kunden aus unterschiedlichen Ländern. Die österreichischen Aufsichtsorgane wachen über uns.

Den Zinssatz senkten Sie in Deutschland zuletzt ab. Bremsen Sie Ihr rasantes Wachstum?

Wir arbeiten im Rahmen der Beschränkungen, die die Aufsichtsorgane auferlegen. Der internationale Markt ist für uns bedeutsamer, denn in Russland ist der Leitzins in Rubel bei acht Prozent, die EZB aber geht gegen null. Wir nehmen diese Gelder auf und beziehen eine Marge. Aber wir haben das nie als Hauptgeschäft betrachtet.

Wann eröffnen Sie in Österreich eine Direktbank?

Es gibt strategische Überlegungen, das Service von VTB Direct auf Österreich auszuweiten. Gegenwärtig wird die technische Infrastruktur evaluiert. Die endgültige Entscheidung wird nicht vor Dezember 2012 fallen.

Wo horten Sie Ihr Geld?

Ich habe einen sehr sorglosen Umgang damit.

 

Das kann man sich leisten, wenn man genug hat.

Ich habe Aktien der VTB, Spareinlagen, manchmal kaufe ich das eine oder andere Wertpapier, aber sehr selten. In letzter Zeit ziehe ich konservatives Vorgehen vor. Besser ist, sein Geld in Bargeld zu halten.

Auf einen Blick

Andrej Kostin (55) ist Chef der russischen VTB-Bank. Diese ist binnen zehn Jahren um das 35-fache auf eine Bilanzsumme von 162,5 Mrd. Euro gewachsen. Über die Österreichtochter VTB Bank AG Austria ist sie auch in Frankreich tätig und fischt mit der VTB Direct in Deutschland aggressiv nach Kunden. Das Modell wird derzeit auch für Österreich geprüft. [AP]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2012)

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