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Chinesen bauen Polens Fußball-Stadien

20.04.2007 | 20:22 |  Von unserem Korrespondenten KNUT KROHN (Die Presse)

Arbeitskräftemangel. Polen holt nun in vielen Wirtschafts-Sektoren Chinesen ins Land.

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Warschau. Die überraschende Vergabe der Fußball-Europameisterschaft 2012 an Polen und die Ukraine stürzt Polen in ein Dilemma. Vier von fünf Fußballstadien müssen neu gebaut werden, hinzu kommen Hotels und wahrscheinlich einige tausend Kilometer Straßen. Doch Vertreter von Baufirmen erklärten unmittelbar nach der Entscheidung der Uefa, dass es unter den gegenwärtigen Regelungen unmöglich sein wird, diese Ziele auch nur annähernd zu erreichen.

Der Grund: Es mangelt an allen Ecken und Enden an Arbeitskräften. Wie berichtet, haben nach dem EU-Beitritt Polens vor knapp drei Jahren zumindest 660.000 Polen das Land verlassen, sie arbeiten in Großbritannien, Irland oder Schweden – und verdienen dort ein Mehrfaches dessen, was sie zu Hause verdienen könnten.


Jede zweite Firma auf Suche

Allein in der Bauwirtschaft fehlen 150.000 Arbeitskräfte. Diese ist freilich nicht der einzige Leidtragende: Gut die Hälfte aller Firmen in Polen hat laut einer Studie der Nationalbank Probleme, Personal zu finden. In der Baubranche gilt das für über 80 Prozent. Ähnliches gilt auch für den öffentlichen Sektor: Wegen des Massenexodus von Ärzten und anderen Fachkräften kommt auch das Gesundheitssystem unter Druck. In immer mehr Krankenhäusern wird deshalb gewarnt, dass die medizinische Grundversorgung im chronisch unterfinanzierten polnischen Gesundheitswesen nicht mehr gewährleistet werden könne.

Und auch die Landwirtschaft jammert: „Wenn in wenigen Monaten die Erdbeeren und Kirschen reif sind, zählt bei der Ernte jede Arbeitskraft“, erklärt etwa der Obstbauer Dominik Wozniak. Polen, die gewillt sind, diese mühsame Arbeit auf sich zu nehmen, machen das lieber im Westen.


Osteuropäer in den Westen

Die Politik ist seit der Vergabe der Fußball-EM endgültig aufgeschreckt. So kündigte Vize-Arbeitsminister Kazimierz Kuberski an, dass man Schritte eingeleitet habe, um die bereits bestehende Knappheit von Bauarbeitern zu überwinden. Schon im Mai soll der polnische Arbeitsmarkt für Bauarbeiter aus Weißrussland, Russland, der Ukraine und China geöffnet werden. Chinesen sollen innerhalb eines Jahres drei Monate, Osteuropäer je zweimal drei Monate in Polen arbeiten können.

Gehandelt wird nun auch in der Landwirtschaft: Die Regierung hat sich erstmals entschlossen, gezielt Saisonarbeitskräfte ins Land zu holen. Man werde in den kommenden Wochen mit Russland, der Ukraine, Weißrussland und auch einigen asiatischen Ländern die Entsendung von Arbeitern vereinbaren, heißt es in Warschau.


Mängel bei Ausbildung

Die Erwartungen sind allerdings gedämpft: Die Behörden rechnen damit, dass sich vor allem Chinesen bewerben werden. Denn für Russen, Weißrussen und Ukrainer ist das Angebot finanziell nicht allzu interessant, sie arbeiten so wie die Polen gleich in Italien, Spanien oder Deutschland. Und jene Osteuropäer, die durch die hohen bürokratischen Hürden in Westeuropa abgeschreckt werden und dennoch in Polen arbeiten, tun dies in der Regel illegal.

Vor allem von Gewerkschaften wird beklagt, dass die Anwerbung von Gastarbeitern nicht die langfristige Lösung des Problems sein kann. Ziel müsse es sein, polnische Fachkräfte im Land zu halten. Doch dazu müssten die Löhne steigen – das ist ein offenes Geheimnis. Derzeit liegt der Durchschnittslohn auf dem Bau nach Angaben der polnischen Industrie- und Handelskammer bei 1500 Zloty netto monatlich, rund 375 Euro. Damit die Leute bleiben, müssten es mindestens um die 2500 Zloty (etwa 625 Euro) sein, so ein Bauexperte der Kammer. Ungelernte Saisonniers in der Landwirtschaft bekommen sogar weniger als 1000 Zloty im Monat.

Der Exodus in andere EU-Länder ist allerdings nicht der einzige Grund dafür, dass Polen die Werktätigen ausgehen. Qualifizierte Arbeitskräfte fehlen in Polen auch deshalb, weil mit dem Zusammenbruch des alten Systems die Ausbildung von Facharbeitern fast gänzlich verschwunden ist.

Symptomatisch ist das schlesische Unternehmen Mostostal Zabrze. Monatelang suchte die Firma nach Schweißern und fand keine. So wandten die Verantwortlichen ihren Blick ins Ausland – wenig überraschend nach China. Kurzerhand wurde im Fernen Osten eine Tochtergesellschaft gegründet, die 350 Arbeiter anwerben soll. Verdienen sollen die chinesischen Schweißer rund 600 Dollar pro Monat, angeblich die Hälfte des Lohns, den polnische Arbeiter im Durchschnitt dort erhalten.

IM FOCUS

In Polen fehlen Hunderttausende Arbeitskräfte – nicht nur am Bau, sondern in fast allen Sektoren.

Die Politik öffnet nun die Grenzen für ausländische Arbeitskräfte. Anstatt der erwünschten Osteuropäer werden aber vor allem Chinesen kommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2007)

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