SKOPJE. Ein halben Meter hoch ist der Aktenberg, den eine Assistentin ins Büro der mazedonischen Wirtschaftsministerin Vera Rafajlovska schleppt. Durch diese stattliche Ansammlung von Bestimmungen hätten sich Investoren bisher durchackern müssen, berichtet die Ministerin schmunzelnd. „Wir machen das einfacher“, sagt sie über erste Erfolge des „Guillotine-Prozesses“, mit dem Mazedoniens nationalkonservative Koalition den Vorschriften-Wust zu lichten sucht. Überflüssige Regelungen würden identifiziert, abgeschafft oder mit EU-Bestimmungen harmonisiert.
Erst sechs Jahre ist es her, dass das zwei Millionen Einwohner zählende Land am Rande eines Bürgerkriegs taumelte. Im Gefolge des Kosovo-Konflikts mündeten Autonomie-Bestrebungen von Mazedoniens Albanern, die rund ein Viertel der Bevölkerung stellen, 2001 in blutige Scharmützel mit Regierungstruppen. Unter internationaler Vermittlung verständigten sich die Kontrahenten auf eine Stärkung der Rechte der Albaner.
Aggressive PR-Kampagnen
Die Gefahr eines neuerlichen Aufflammens des Konflikts halten Beobachter in Skopje zwar nicht gänzlich für gebannt. Doch die politische Lage hat sich trotz unzähliger Regierungskrisen merklich stabilisiert. Wirtschaftlich aber hinkt das 2005 offiziell zum EU-Beitrittskandidaten gekürte Land den Nachbarn in der Boomregion Balkan mit Wachstumsraten von zwei bis drei Prozent hinterher. Das soll sich ändern: Mit einer aggressiven PR-Kampagne hofft Skopje, potenzielle Investoren in das Land zu locken.
37 Prozent Arbeitslosigkeit
„Investiere in Mazedonien“ preisen TV-Spots und Anzeigen in vielen Medien des Kontinents das Land als „Neues Business-Paradies in Europa“ an. Mit konkurrenzlos niedrigen Einkommenssteuern von nur zehn Prozent, dem niedrigen Lohnniveau, einer Inflationsrate von unter zwei Prozent und dem Abbau der bislang berüchtigten Bürokratie hofft die Regierung, den Umschwung zu schaffen.
Bei der Registrierung neuer Firmen sei das „Ein-Schalter-System“ („One-Stop-Shop“) eingeführt, die benötigte Zeit „im Prinzip“ auf drei Tage reduziert worden, berichtet Rafajlovska. Ausländische Experten hat Skopje nicht nur zur Verbesserung des Investitionsklima angeheuert. Als seine Anti-Korruptions-Beraterin hat Premier Nikola Gruevski die frühere rumänische Justizministerin Monica Macovei verpflichtet: Die Juristin hatte sich bis zur ihrer Entlassung im Frühjahr europaweit als kompromisslose Streiterin gegen Korruption einen Namen gemacht.
Offiziell beträgt die Arbeitslosigkeit nach wie vor 37 Prozent. Das Land verfüge nicht über genügend eigene Kapitalressourcen, so Rafaljovska. Zwar sei der heimische Markt nur klein, doch von Mazedonien aus könnten dank vieler Handelsabkommen 650 Millionen Konsumenten bedient werden.
Gar so rosig will Aristides Vlachos, der griechische Vorsitzende des internationalen Investoren-Rats in Skopje, das Bild wiederum nicht zeichnen. Generell sei die Richtung der Anstrengungen der Regierung zwar „gut“, doch es sei noch zu früh, um diese zu beurteilen: „Die Verwaltung hält mit den Vorgaben der Regierung bislang nicht Schritt: Der Austausch der alten Bürokraten lässt sich eben nicht in 24 Stunden bewerkstelligen.“ Außer der Bürokratie, den sich ständig ändernden Arbeitsrechtsstimmungen und den hohen Zinssätzen der Banken lasse auch die Qualifikation der jüngeren Arbeitskräfte zu wünschen übrig. Neben dem Energie-Sektor, bei dem das Land vor allem auf den Ausbau der Wasserkraft setzt, sieht Vlachos in der Lebensmittelindustrie, auf dem Bau und im Tourismus Entwicklungspotenzial.
Vorbild Slowenien
Größter Auslandsinvestor ist ausgerechnet der Nachbar, mit dem Mazedonien seit der Unabhängigkeit in einem Dauer-Clinch um den eigenen Namen liegt: Auf bis zu 40 Prozent beziffert Vlachos den Anteil griechischer Firmen an den Direktinvestitionen. Dass Mazedonien noch kein EU-Mitglied sei, könne für Investoren von Vorteil sein: So verlagerten viele Textilfirmen ihre Produktion nach Mazedonien – um sie dann über den griechischen Hafen Thessaloniki in die EU zu exportieren.
Das Land verfüge über „noch keine starke, erwachsene Marktwirtschaft“, sagt Vlachos. Die Regierung tue alles, um der Wirtschaft die Hindernisse „aus dem Weg zu räumen“, versichert indes Rafajlovska. Große Konzerne würden Investitionsentscheidungen eben nicht so schnell fällen, „wie wir uns das wünschen würden“, erklärt sie die Tatsache, dass es bisher keine spektakulären Erfolge bei der Investoren-Hatz gibt. Als Vorbild für Mazedonien bezeichnet sie einen anderen Nachfolge-Staat Jugoslawiens, der sich zum neuen EU-Musterknaben gemausert hat: „Wir haben uns Slowenien immer sehr nahe gefühlt.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2007)

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