BUDAPEST/WIEN (pbo/p.m./jaz). Ungarn beteiligt sich als viertes EU-Land neben Bulgarien, Griechenland und Italien am Bau der Gasleitung „South Stream“. Nachdem sich der ungarische Regierungschef Ferenc Gyurcsány und der stellvertretende russische Ministerpräsident Dimitri Medwedew in Budapest über die Details geeinigt haben, wird ein bilateraler Vertrag morgen, Donnerstag, in Moskau unterzeichnet. Gyurcsány trifft dabei auch Russlands scheidenden Präsidenten Wladimir Putin.
Der Vereinbarung mit Medwedew, dem haushohen Favoriten für die Putin-Nachfolge, gingen kurze, aber harte Verhandlungen voran. Die Russen wollten 51 Prozent am Gemeinschaftsunternehmen, wie sie das tags zuvor in Serbien erreicht hatten.
Formlos in Belgrad
In Belgrad lief der Abschluss ganz formlos ab – zwischen Gazprom und der staatlichen serbischen Srbijagas. Im Gegensatz zu Ungarn beteiligt sich der russische Gas-Gigant dem Vernehmen nach auch finanziell am Bau der Pipeline. Gazprom hatte sich schon Ende Jänner ohne Ausschreibung die Mehrheit an der serbischen Ölindustrie gesichert, und zwar in Form eines 51-Prozent-Anteils am Staatsunternehmen NIS.
Bau und Betrieb des ungarischen Abschnittes von „South Stream“ übernimmt ein Gemeinschaftsunternehmen, das zu jeweils 50 Prozent im Besitz des russischen und des ungarischen Staates sein wird. Laut Medwedew wird Gazprom die russische Hälfte bilden. Welches Unternehmen die ungarische Hälfte vertreten wird, ist noch unklar. Gyurcsány ließ durchblicken, dass es eine Firma sein werde, die sich „zu 100 Prozent in staatlichem Besitz befindet“. Der Energiekonzern MOL bleibt vorerst draußen.
Laut Gyurcsány wird der ungarische Abschnitt „eine Investition von einigen Milliarden Dollar oder Euro“. Die Tageszeitung „Népszabadság“ nannte Kosten zwischen 250 und 300 Mrd. Forint (950 Mio. bis 1,14 Mrd. Euro). Die „South Stream“-Investitionen samt Russland und Unterquerung des Schwarzen Meeres sollen acht bis zwölf Mrd. Euro betragen.
Ungarn ist laut Gyurcsány weiter an dem von der EU favorisierten Pipeline-Projekt „Nabucco“ interessiert. Ziel sei es, die Gasversorgung so breit wie möglich zu fächern. Der außenpolitische Experte der oppositionellen Jungdemokraten (Fidesz), Zsolt Németh, hielt dem entgegen, dass durch den Einstieg in „South Stream“ für eine Beteiligung an „Nabucco“ schlechthin kein Geld bleibe.
OMV sieht Ergänzung
Entspannt zeigte sich am Dienstag OMV-Chef Wolfgang Ruttenstorfer über „South Stream“. Die OMV ist ja federführend im „Nabucco“-Konsortium. Über diese Pipeline soll ab 2013 Gas aus den südlichen Anrainerstaaten des Kaspischen Meeres (Aserbaidschan, Turkmenistan, Iran) nach Europa gebracht werden. Dadurch soll auch die Abhängigkeit von russischem Erdgas verringert werden.
„Wir gehen davon aus, dass sich Nabucco und South Stream ergänzen werden“, sagte Ruttenstorfer bei der OMV-Bilanzpressekonferenz. „Bei Nabucco geht es um das Erschließen neuer Erdgasquellen. Bei South Stream um das Erschließen neuer Wege für russisches Erdgas.“ Aufgrund des erwarteten Anstiegs des europäischen Erdgasbedarfs von derzeit rund 500 Mrd. auf 700 Mrd. Kubikmeter bis zum Jahr 2030 „werden wir beide Pipelines brauchen“. „Nabucco“ soll im Endausbau 31 Mrd. Kubikmeter Gas pro Jahr transportieren, ähnlich wie „South Stream“.
Kein Thema sei eine mögliche Beteiligung der Gazprom am „Nabucco“-Konsortium (bislang OMV, deutsche RWE, ungarische MOL, rumänische Transgaz, bulgarische Bulgargaz und türkische Botas). „50 Prozent der Transportkapazität werden ja öffentlich verkauft. Da kann natürlich auch die Gazprom kaufen“, sagte Ruttenstorfer.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2008)
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