WIEN.„Tokaji aszú“ ist kein Getränk für jeden Geschmack: Je mehr Butten die Qualität anzeigen, desto süßer ist der Wein aus dem Hügelland rund um die nordostungarische Kleinstadt Tokaj. Seit ihn der französische Sonnenkönig Ludwig XIV. als „Wein der Könige, König der Weine“ (vinum regnum, rex vinorum) bezeichnet hat, gehört er zu den berühmtesten Agrarprodukten Ungarns.
Und vielleicht auch bald der Slowakei. Das ist nämlich Schengen pur: Die beiden Staaten haben sich darauf geeinigt, in der historischen Weinregion die Grenze zu vergessen. Winzer, die sich an die ungarischen Weinbauregeln halten, dürfen den Markennamen „Tokajer“ verwenden. Mit dem Durchbruch wird ein jahrzehntelanger Streit endgültig beigelegt. Der auf Drängen der EU erzielten theoretischen Regelung von 2004 folgt jetzt die gemeinsame Praxis.
Sorge um das Welterbe
Gemeinsamkeit ist „zu Füßen des Berges Tokaj“, wie die Gegend Tokaj-hegyalja übersetzt heißt, dringend geboten. Mindestens drei Industrieprojekte in unmittelbarer Nähe der Weinregion stellen deren Titel „Welterbe“ in Frage. Ungarn hat der Unesco Anfang Februar einen Bericht übermittelt, der wenig Positives enthält. Das Dokument analysiert zwei Kraftwerksprojekte: eines im ungarischen Szerencs und eines im slowakischen Trebisov. Und dazu „andere Probleme, die durch Pläne aufgeworfen werden und die Welterbe-Werte der Weinregion potenziell gefährden“. Gemeint ist der Plan, auf slowakischer Seite im Tagebau Perlit abzubauen. Die Unesco beschäftigt sich im Sommer damit.
Ein Problem haben die Slowaken völlig unerwartet gelöst: Das Kohlekraftwerk in Trebisov wird nicht gebaut. Nachdem Protestwellen und eine Unterschriftensammlung der örtlichen Bevölkerung den Boden bereitet hatten, kam Ende Februar der Knalleffekt: Der slowakische Wirtschaftsminister L'ubomír Jahnátek bezeichnete es als überflüssig. Die italienische Enel als Eigentümerin der Slowakischen Elektrizitätswerke plane nämlich die Modernisierung des Wärmekraftwerks in Vojany unweit der Grenze zur Ukraine – und zwei Investitionen seien nicht notwendig. Trebisov war pikanterweise ein Projekt der „Tschechisch-Slowakischen Energiegesellschaft“ CEZ, die seit der Trennung der Staaten rein tschechisch ist.
Nach der Wein-Einigung treiben die Agrarminister der Slowakei und Ungarns, Zdenka Kramplová und József Gál, eine umfassende Vereinbarung über den Schutz der Tokaj-Gegend voran. Allerdings wird es da noch harte Diskussionen geben. Während nämlich der ungarische Umweltminister Gábor Fodor seinem slowakischen Kollegen Jaroslav Izák vorwarf, Trebisov noch im Jänner genehmigt zu haben, konterte Izák: In Ungarn werde mit der Umwelt „nicht so rücksichtsvoll umgegangen wie in der Slowakei“.
Die Bilanz seit dem Schengen-Beitritt der Slowakei und Ungarns fällt trotzdem eher positiv aus. Während zahlreiche grenzüberschreitende Infrastrukturprojekte wie die Brücken über die Grenzflüsse Donau und Ipoly vorangetrieben werden, konstatiert die Ungarische Handels- und Industriekammer zwar eine „Offensive“ slowakischer Firmen, aber keine Abwanderung ungarischer Unternehmen in die Billiglohngebiete der Ostslowakei.
Die Regionalkammer im nordostungarischen Komitat Borsod-Abaúj-Zemplén sieht das anders: Für mehrere ungarische Gemeinden sei das slowakische Kosice (Kaschau) leichter erreichbar als Ungarns zweitgrößte Stadt Miskolc, wurde Kammerpräsident Tamás Bihall kürzlich von der Tageszeitung „Világgazdaság“ zitiert. Was auch als positive Folge der Schengen-Öffnung gelten kann.
Auch Finanzämter kooperieren
Eine andere besteht in der Zusammenarbeit der Finanzämter. Diese Woche hat in Bratislava (Pressburg) das erste informelle Treffen der Behördenchefs Polens, der Slowakei, Sloweniens, Tschechiens und Ungarns stattgefunden. Der Befund: Die bisherige enge Kooperation könne weiter verstärkt werden. Was wohl nicht überall auf reine Freude stößt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2008)

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