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Georgien: Fünfzehn verlorene Jahre

20.05.2008 | 19:10 |  OLIVER GRIMM (Die Presse)

Die rasanten Reformen seit der Rosenrevolution tragen erste Früchte.

TIFLIS/WIEN. Wenn Millionen Georgier am Mittwoch zu den Urnen schreiten, um ein neues Parlament zu wählen, dann stimmen sie auch über die rasante wirtschaftliche Reformpolitik der vergangenen vier Jahre ab. Deren Früchte zeigen sich dem Reisenden vor allem in der Hauptstadt Tiflis, wo der Rustaveli-Boulevard dank einer Luxusboutique nach der anderen wieder zu jener Pracht aufsteigt, die vor dem Einzug des real existierenden Sozialismus Veranlassung zu Vergleichen mit Pariser Prachtstraßen gab.

Sie zeigen sich auch am Tifliser Flughafen, der nach der „Rosen-Revolution“ 2003 mit westlichem Geld total modernisiert wurde – und wo Zollbeamte in niegelnagelneuen Uniformen im US-Schnitt Reisepässe unter modernen Computerlesegeräten auf ihre Echtheit prüfen.


Wo die Dritte Welt beginnt

Doch die meisten Georgier sehen von diesen Zeichen des Aufschwungs wenig. Nur eine Dreiviertelstunde außerhalb der boomenden Metropole Tiflis beginnt die Dritte Welt. Um 150.000 Euro hat die Europäische Kommission hier ein Gesundheitszentrum gebaut. Wobei „Gesundheitszentrum“ keine Assoziationen mit österreichischem Spitälern wecken darf. Vier einfache Räume, ein paar medizinische Liegen, einfache Geräte zum Blutdruckmessen und Bestimmen der Blutwerte – das muss vorerst reichen für die rund 10.000 Menschen, die in diesem Teil der Region Kachetien im Umkreis von 15 Kilometern um das medizinische Erstversorgungszentrum leben.

Wenn man sieht, wie schwer sich Georgien im Jahr 2008 damit tut, seinen Bürgern die einfachsten medizinischen Dienste zu erweisen, kann man ermessen, wie verheerend die knapp 15 Jahre seit dem Zerfall der Sowjetunion für das südkaukasische Land waren. Georgien hatte sich als erste Sowjetrepublik 1991 für unabhängig erklärt – und den vollen Zorn des Kreml entfacht. Von einem Tag auf den anderen kappte Moskau die Handelsbeziehungen mit Tiflis. Georgien verlor damit auf einen Schlag 90 Prozent seiner Exportmärkte: Kein anderes postkommunistisches Land wurde so hart gebeutelt, befindet die Weltbank.



„Wenn Sie einen Autounfall haben und im Koma liegen, bringt Sie die Rettung auch nicht erst zur Pediküre.“

Fady Asly, Vorsitzender der georgischen Handelskammer, zur Reformpolitik

Die folgenden eineinhalb Dekaden des Stillstands gingen erst mit der Rosenrevolution zu Ende. Was folgt, ist ein atemloser Aufholprozess. Der drückt sich in finanzpolitischen Ereignissen aus. Stolz titelten mehrere Zeitungen im April, dass Georgien seine erste 500-Mio.-Dollar-Anleihe an der Londoner Börse platziert habe.


Österreichische Pioniere

Und langsam verbessert sich auch der Lebensstandard der 4,5 Millionen Georgier. Das merken auch einige österreichische Firmen, die sich in den Südkaukausus gewagt haben. Die Vienna Insurance Group (vormals Wiener Städtische) etwa, die über eine 60-Prozent-Beteiligung an der Finanzgruppe TBIH in Georgien Versicherungen verkauft. „Natürlich ist das noch ein kleiner Markt“, sagt TBIH-Manager Christoph Wolf im Gespräch mit der „Presse“. 70 Mio. bis 80 Mio. Dollar betrage das gesamte Prämienaufkommen im Land, zehn bis 30 Dollar pro Monat das Aufkommen pro Polizze. Doch der Markt wächst mit dem Wohlstand der Georgier. Und die Regierung weiß seit den Demonstrationen vom November 2007, dass sie sich der sozialen Fürsorge energischer widmen muss. Darum subventioniert sie seit einigen Monaten die Regierung private Krankenversicherungen. „Das hat einen echten Boom ausgelöst.“

Den steigenden Lebensstandard will sich auch der steirische Fleischwarenhersteller Schirnhofer zu Nutze machen. Seit sieben Jahren ist er im Land, 2007 eröffnete er einen Supermarkt. „Wir haben bei Wurstwaren 65 Prozent des Marktes“, sagt Unternehmenssprecher Franz Kneißl.

Der Supermarkt sollte nur ein Test werden – „doch der hat unsere Erwartungen weit übertroffen.“ Nun plant Schirnhofer eine Wurstfabrik, um nicht nur 300 Tonnen Fleisch und Wurst pro Monat aus Österreich nach Georgien zu exportieren, sondern bei georgischen Vertragsbauern zuzukaufen. „Das braucht aber seine Zeit“, gibt Kneißl zu bedenken.

So wie der Wandel vom realen Sozialismus zur Marktwirtschaft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.05.2008)


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