Ukraine erwartet Investitionsrekord

Die ukrainischen Banken sind begehrte Übernahmeziele, die Bauwirtschaft floriert. Schon kommendes Jahr könnten internationale Agrarunternehmen groß einsteigen.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

KIEW. In der ersten Jahreshälfte 2008 verzeichnete die Ukraine fast fünf Mrd. Dollar (3,4 Mrd. Euro) an ausländischen Direktinvestitionen – viermal soviel wie im Vorjahreszeitraum. Allein aus der EU kamen fast drei Mrd. Dollar. Der Bankensektor gilt als wichtigste Anlage; ihm flossen 1,25 Mrd. Dollar zu. Den ausländischen Geldinstituten dienen die ukrainischen Banken als strategische Partner, gilt das gesamte Kredit- und Anlagegeschäft dort immer noch als ausbaufähig. Die verarbeitende Industrie (900 Mio. Dollar) belegt die zweite Stelle, gefolgt von der Bauwirtschaft und Immobilienbranche (zusammen mehr als 700 Mio. Dollar) sowie dem Einzelhandel (200 Mio. Dollar).

 

Die Agrarkonzerne lauern schon

Österreich liegt mit insgesamt 2,35 Mrd. Dollar hinter Zypern, Deutschland und den Niederlanden auf Platz vier. Unter den zehn wichtigsten Herkunftsländer befinden sich sieben EU-Staaten. Trotz Finanzkrise und dem Krieg im Kaukasus erwarten Experten für 2008 Zuflüsse ausländischer Direktinvestoren in Höhe von rund zehn Mrd. Dollar. Als Gründe dafür gelten eine Reihe von Änderungen der Wirtschaft- und Steuergesetzgebung sowie der Beitritt der Ukraine zur Welthandelsorganisation WTO.

Sollte es Anfang 2009 zur Öffnung des Grundstückmarktes für landwirtschaftlich genutzte Flächen kommen und damit zum Auslaufen des derzeit gültigen Moratoriums für den An- und Verkauf von Agrarland, so dürfte mit der Landwirtschaft ein weiterer wachstumsstarker Zweig dazukommen. „Gegenwärtig beobachten wir starkes Interesse der internationalen Agrarholdings am ukrainischen Markt“, sagt Robert Kirchner, Mitglied der Deutschen Beratergruppe bei der Regierung.

 

Ukrainische Rekordernte

Der Ukraine winkt 2008 ein Ernteertrag in einer seit der Unabhängigkeit des Landes nicht mehr gekannten Höhe. Im August sind bereits über 42 Mio. Tonnen Getreide eingefahren worden. Das US-Landwirtschaftsministerium prognostiziert Kiew eine Getreideernte von 46 Mio. Tonnen. „Trotzdem muss betont werden, dass eine erfolgreiche Entwicklung der Landwirtschaft in der Ukraine langfristige Bemühungen erfordert. Als wichtigste Beispiele gelten die technische und technologische Modernisierung des Agrarsektors und der Ausbau entsprechender Infrastruktur“, sagt Igor Burakowskiy, Leiter des Kiewer Instituts für Wirtschaftsforschung.

Vor allem die hohen Weltmarktpreise für Energie und die Investitionen in die Entwicklung erneuerbarer Energiequellen möchte sich die Ukraine zu nutze machen und sich als Lieferant für Raps und Agrartreibstoffe entwickeln.

Lange Jahre galt die Ukraine als „Kornkammer Europas“. Diesen Ruf möchte man wieder erlangen und im großen Stil Obst, Gemüse und Fleisch für den europäischen Markt produzieren. Im ersten Quartal zog unter den Industriebranchen die Nahrungsmittelindustrie mit rund einer Mrd. Dollar das meiste Auslandskapital an.

 

Voest ans Schwarze Meer?

Die Regierung unter Premierministerin Julia Timoschenko wirbt derweil um ausländische Investoren. So soll Voestalpine an der Schwarzmeerküste ein Stahlwerk bauen. Die Investitionssumme liegt bei rund fünf Mrd. Euro, neben der Ukraine sind aber noch Standorte in Bulgarien und Rumänien sowie in der Türkei im Gespräch. „Wir werden Ende des Jahres eine Entscheidung treffen und frühestens 2010 mit dem Bau beginnen“, sagt Peter Schiefer, Pressesprecher der Voestalpine.

Für den Bau einer Nord-Süd-Tangente in Odessa interessiert sich der französische Mischkonzern Bouygues. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) wird ab 2009 ein 510 Mio. Euro umfassendes Tunnelprojekt in Kiew finanzieren. Mit dem Auslaufen bisheriger Kredite für osteuropäische Länder gewinnt die Ukraine als Empfängerland an Bedeutung. So will die EBRD dem Land künftig Finanzhilfen von mindestens einer Mrd. Dollar pro Jahr gewähren.

Wie sich die Krise im Kaukasus auf das Investitionsklima der Ukraine auswirkt, kann derzeit noch nicht beurteilt werden. Sichtbar ist bereits, dass die Risikoprämien auf ukrainische Staatsanleihen kräftig gestiegen sind.

Auf einen Blick

Auslandsinvestoren strömen trotz Spannungen mit Moskau in die Ukraine. Österreich ist hinter Deutschland, Zypern (wo russische und ukrainische Briefkastenfirmen sitzen) und den Niederlanden der viertgrößte Investor.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2008)

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