WARSCHAU. Genaue Zahlen gibt es nicht. Niemand weiß, wie viele Polen im Ausland arbeiten. Es seien 600.000, heißt es von offizieller Stelle. Weit über zwei Millionen, schätzen Arbeitsmarktexperten. Sicher ist nur: Diese Männer und Frauen schicken jedes Jahr viele Milliarden Euro zurück in ihre Heimat. Wie viel? Auch das ist kaum zu sagen.
Jetzt hat die Polnische Nationalbank (NBP) einige grobe Zahlen vorgelegt. Rund 70 Milliarden Zloty (etwa 17 Milliarden Euro) seien seit dem Beitritt Polens zur Europäischen Union am 1. Mai 2004 zurückgeflossen. Allein im Jahr 2008 seien offiziell knapp über vier Milliarden Euro nach Polen geschickt worden, etwa so viel wie bereits im Jahr zuvor. Um die Größenordnung deutlich zu machen: Das ist etwa so viel, wie die EU Subventionen an Polen überweist.
„Nur die Spitze des Eisbergs“
Krzysztof Rybinski hält alle diese Angaben allerdings für weit untertrieben. „Diese 70 Milliarden Zloty sind nur die Spitze des Eisbergs“, sagt der ehemalige Vizechef der Nationalbank. Niemand wisse, wie viel Geld noch im Sparstrumpf der Leute stecke, von dem der Staat nichts wisse. „Vielleicht ist es noch einmal so viel.“ Die Weltbank hat berechnet, dass die Arbeitsemigranten aus nur vier anderen Ländern dieser Erde noch mehr Geld an ihre Familien in der Heimat schicken. Das sind Mexiko, China, Indien und die Philippinen.
Sicher sind sich alle polnischen Experten aber darin, dass dieses Geld einen wesentlichen Anteil am Wirtschaftswachstum des Landes hat. Ein sehr großer Teil werde sofort wieder investiert, vor allem in den Bau von Häusern oder in den Kauf von Wohnungen.
Der Volkswirt Piotr Kalisz sieht noch einen anderen positiven Trend. „Viele Polen, die in den kommenden Jahren zurückkehren, werden ihr erspartes Geld nicht nur in den Konsum von Waren stecken“, erklärt er und glaubt, dass sich eine erhebliche Zahl von ehemaligen Emigranten mit ihren Ersparnissen selbstständig machen, ein Geschäft eröffnen, neue Arbeitsplätze schaffen und so langfristig zum Wirtschaftswachstum in Polen beitragen wird.
Von dem neuen Wohlstand würden alle profitieren, auch die ärmeren Schichten, erklärt Lukasz Tarnawa, Volkswirt bei der polnischen Bank PKO. Als Beweis für seine Theorie führt er Zahlen des Statistischen Amtes an. Danach hat sich im Verlauf des vergangenen Jahres die Zahl der Personen, die am Existenzminimum leben, von drei Millionen auf 1,7 Millionen verringert. In Polen heißt das, dass ein Haushalt von vier Personen mit rund 250 Euro im Monat auskommen muss.
Eine Prognose, ob die Überweisungen infolge der globalen Wirtschaftskrise deutlich einbrechen werden, wagt noch niemand. Eine große Rückkehrwelle nach Polen sei bisher nicht zu verzeichnen, heißt es aus dem Arbeitsministerium in Warschau – was wohl auch an der großen Flexibilität der Emigranten liegt. Immer wieder wird berichtet, dass Polen, die etwa in Großbritannien ihren Job verlieren, sich in einem anderen Land ihr Auskommen suchen. In Skandinavien, so wird in den Kreisen dieser Arbeitsnomaden erzählt, sei die Welt noch ziemlich heil.
Schwarzarbeiter aus dem Osten
Erscheint die Heimkehr für die meisten Polen wenig reizvoll, so ist das Land für andere durchaus attraktiv. Nach Angaben des Warschauer Arbeitsministeriums werken etwa 10.000 Ukrainer und Weißrussen offiziell im westlichen Nachbarland – nach vorsichtigen Schätzungen kommen zehnmal so viele „Schwarzarbeiter“ dazu. Während es einen gravierenden Mangel an Facharbeitern und Forschern gibt, steigt in anderen Bereichen die Arbeitslosigkeit, weil „Ostler“ und neuerdings Chinesen zu konkurrenzlosen Preisen arbeiten. Jan Guz, Chef des Gewerkschaftsverbandes OPZZ, fordert schon die Einführung von Quoten.
■Polen ist „Marktführer“ bei den Überweisungen von Gastarbeitern in die Heimat. Seit dem EU-Beitritt 2004 waren es offiziell 17 Mrd. Euro.
■Rumänien – seit 2008 in der EU– macht Polen diese Position streitig. Allein im Vorjahr sollen Landsleute aus Italien und Spanien sieben Milliarden Euro in die Heimat überwiesen haben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2009)

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