Moskau/Wien. Der Wind, der dem österreichischen Baukonzern Strabag in Russland ins Gesicht bläst, wird nicht nur von Mal zu Mal kälter. Er wird auch immer stärker. Konkret will die Stadt Moskau erreichen, dass der Strabag die Planungslizenz für das Land entzogen wird. Wie der Vorsitzende der Moskauer städtischen Bauaufsicht, Anatoli Zajko, am Montag gegenüber der Nachrichtenagentur „Interfax“ angab, habe die Stadtverwaltung bereits ein diesbezügliches Ansuchen an das Bundeslizenzamt gerichtet.
Auch wurde das Bundeskartellamt gebeten, die Strabag in das Register der unzuverlässigen Lieferanten aufzunehmen, was einen Ausschluss von großen Infrastrukturprojekten zur Folge hätte.
Teilschuld am Einsturz
Nach anfänglichem Schweigen gab die Strabag am Dienstag am späten Nachmittag Entwarnung: Das Kartellamt habe das Ansuchen der Moskauer Bauaufsicht abgelehnt und die Strabag darüber in einem Brief informiert, hieß es in einer Konzernmitteilung.
Die Entscheidung über einen Lizenzentzug wiederum liege letztlich nicht beim Lizenzamt, sondern beim Ministerium für regionale Entwicklung, wie die russische Zeitung „Kommersant“ aus dem Lizenzamt erfuhr. Außerdem müsse zuerst der Gerichtsweg eingeschlagen werden.
Dazu kommt, dass mit Beginn des kommenden Jahres ohnehin alle Lizenzen in Russland abgeschafft werden und künftig selbstregulierende Organisationen, die von den Unternehmen selbst gegründet werden, über die Zulassung zu Bau- und Planungsarbeiten entscheiden. „Man möchte uns die Lizenz entziehen, bevor wir über eine solche Organisation aktiv werden können“, sagt Strabag-Sprecherin Diana Klein zur „Presse“. Strabag sei bereits Mitglied einer solchen Organisation.
Der Hintergrund für die jetzige Attacke seitens der Bauaufsicht geht auf den 3.September zurück: Damals waren beim Einsturz einer Garage in Moskau drei Bauarbeiter verletzt und einer getötet worden. Laut Zajko wähnt die Bauaufsicht den Generalunternehmer Strabag als Hauptschuldigen an der ganzen Tragödie.
Die Strabag gesteht lediglich eine Teilschuld ein: Nach offizieller Übergabe hat der Konzern jene Änderungen am Bauplan abgesegnet, die das beauftragte Subunternehmen Arkona auf Wunsch des Projektentwicklers vorgenommen hat. „Wir haben die Berechnungen des beigezogenen Subunternehmers Arkona nicht nachgeprüft“, wird Alexander Ortenberg, Generaldirektor der Strabag in Russland, von der Zeitung „Wedomosti“ zitiert.
„Gesteuerte Medienkampagne“
Strabag vermutet hinter den jetzigen Attacken „eine gesteuerte Medienkampagne“ gegen den Konzern. Wie „Die Presse“ aus Branchenkreisen in Moskau erfuhr, handle es sich um eine Retourkutsche am Konzern aus einflussreichen Kreisen. „Wir können uns vorstellen, wer es ist“, sagt Klein: „Aber wir möchten dazu nichts sagen.“ Inwieweit die Strabag zur „gesteuerten Medienkampagne“ auch einen Insolvenzantrag seitens eines russischen Konzerns wegen nicht bezahlter Rechnungen und Ermittlungen russischer Behörden im Zusammenhang mit angeblichen Steuerhinterziehungen zählt, bleibt offen.
Inländer bevorzugt
In jedem Fall gilt die Strabag in Russland als renommiertester westlicher Baukonzern. Zwischenzeitlich hatte sogar der russische Spitzenoligarch Oleg Deripaska 25 Prozent an Strabag erworben, aufgrund seines Absturzes durch die Finanzkrise aber wieder aus der Hand geben müssen. Gerade mit den großen Aussichten für das Russlandgeschäft, das bislang innerhalb des Konzerns rund ein Zehntel des Umsatzes ausmacht, hatte der Konzern nach dem Einstieg Deripaskas 2007 auch den Börsengang beworben. Konkret wurden mit den Vorbereitungen der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi, wo Aufträge im Gesamtwert von bis zu einer Milliarde Euro ausgeschrieben sind, große Zuschläge verbunden. Durch die Krise hat Russland umgeschwenkt und zieht zumindest als Generalunternehmer wieder einheimische Firmen vor.
An der Wiener Börse gab die Aktie des größten österreichischen Baukonzern am Dienstag um 6,16 Prozent nach.
■Offene Rechnungen. Die Strabag sieht sich in russischen Medien zunehmenden Angriffen ausgesetzt. Beim heimischen Baukonzern sieht man sich einer Intrige ausgesetzt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2009)

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