Wien. Wenn man nicht recht weiterweiß, schlägt man am besten bei Churchill nach: „Das ist nicht das Ende“, warnte er die Bevölkerung nach einer gewonnenen Schlacht vor vorschneller Euphorie. „Es ist nicht einmal der Anfang vom Ende. Aber es ist vielleicht das Ende vom Anfang.“ Das passt auch auf die Lage in Osteuropa, ein Jahr nach der Panikattacke, die den Wirtschaftsraum infolge der globalen Wirtschaftskrise befiel.
Staatsbankrotte, Massenflucht der Investoren, finanzielle Kernschmelze: Es wimmelte vor apokalyptischen Visionen. So schlimm ist es nicht gekommen. Daran hatte, nach Meinung vieler Politiker, Banker und Ökonomen auf der heurigen „Euromoney“-Osteuropakonferenz, die „Wiener Initiative“ entscheidenden Anteil.
Zur Erinnerung: Österreichische Bankmanager und Politiker überredeten die EU-Partner und internationale Geldgeber zu rascher Hilfe. Denn die Lebensader der aufstrebenden Region, fremdes Kapital und fremde Liquidität, hatten aufgehört zu fließen. Für die Investoren mussten der Internationale Währungsfonds (IWF) und Brüssel einspringen.
Der Lack für Investoren ist ab
Damit wurde zwar der befürchtete Kollaps vermieden, aber der Hochglanzlack ist auf lange Sicht ab: Mittelosteuropa ist die Weltregion, die 2008 und 2009 am stärksten von der Rezession getroffen wurde. Die Abhängigkeit vom geschwächten Westeuropa erwies sich als Fluch, die Aufträge blieben aus.
Zudem fehlen in den Staatshaushalten, anders als etwa in China, Mexiko oder Chile, die angesparten Reserven zum Gegensteuern. Und auch währungspolitisch gibt es keine Spielräume. Die baltischen Länder binden ihre Währungen eisern an den für die Zukunft ersehnten Euro. In Staaten mit freien Wechselkursen, wie Ungarn oder der Ukraine, verlor die Landeswährung zwar vorübergehend massiv an Wert. Aber das ließ sich nicht in Exporterfolge ummünzen: „Auch hohe Wettbewerbsfähigkeit bringt nichts, wenn plötzlich der Markt fehlt“, sagt Vladimir Gligorov vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche.
Schlimmer noch: Die Privathaushalte haben sich in großem Stil in Auslandswährung verschuldet und können nun ihre Kredite nicht mehr bedienen. In Ungarn kämpfen 1,7 Mio. Haushalte mit den Folgen der „unverantwortlichen Praxis der Devisenkredite“, klagt Premier Gordon Bajnai. Er fürchtet sogar soziale Unruhen, wenn sich Privatkonkurse häufen: „Revolutionen gehen nicht von den Armen aus, sondern von den Enttäuschten.“ Zu ihnen gehören auch die Arbeitslosen, deren Zahl noch deutlich steigen wird.
Angesichts dieses Szenarios bleibt auch Österreichs Finanzstaatssekretär Reinhold Lopatka (VP) verhalten pessimistisch: „Es wird lange dauern, bis es in Osteuropa wieder deutlich aufwärts geht. Das Wachstumsmodell beruht zu sehr auf fremden Quellen.“ Die in Wien versammelten Experten geben ihm recht.
„Zu exzessiv betrieben“
„Das Modell war nicht falsch, jeder aufstrebende Markt braucht Finanzierung von außen“, präzisiert etwa Piroska Mohacsi Nagy von der Osteuropabank (EBRD), „aber es wurde einfach zu exzessiv betrieben“. Damit ist die neue Marschrichtung vorgegeben: Die Bankbilanzen sind zu bereinigen. Die Außenhandelsdefizite müssen abgebaut, ein kräftigerer Heimmarkt aufgebaut werden. Es sollte mehr Finanzierungsquellen geben, auch in lokaler Währung. Dazu gehört, dass die privaten Haushalte mehr sparen als in der Vergangenheit.
Der renommierte Ökonom Vladimir Kvint verweist zudem auf eine zu starke Abhängigkeit von Rohstoffen, vor allem in seiner Heimat Russland. Und er fordert mehr Investitionen in Ausbildung und Forschung. Sein Vergleich: Länder wie Südkorea oder Israel, die in Relation zur Wirtschaftsleistung das Drei- bis Fünffache in Forschung investieren wie Tschechien oder Ungarn, kamen unbeschadet durch die Krise.
Vorbilder innerhalb der Region sind die Slowakei und Slowenien, die sich rechtzeitig unter den Schutzschild des Euro begeben haben. Ein Euro-Beitritt bleibt in den meisten Ländern der Region das große Ziel am Horizont.
Auch unerschütterliche Ost-Optimisten gibt es noch. Erste-General Andreas Treichl gehört zu ihnen: „Diese Länder werden die Zukunft Europas sein. In 25 Jahren werden Rumänen und Tschechen unsere Rechnungen bezahlen.“ Vielleicht ist, mit Churchill gesprochen, die große Krise ja doch nur „das Ende vom Anfang“.