Zinsen: Osteuropa will der EZB nicht folgen

27.03.2011 | 18:36 |   (Die Presse)

In der Eurozone dürften die Leitzinsen im April erhöht werden. Auch in osteuropäischen Staaten tagen Notenbanker - aber sie werden die Signale der Europäischen Zentralbank ignorieren.

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Wien/Sr/Bloomberg. Früher als erwartet dürfte die Europäische Zentralbank den Leitzinssatz anheben – nämlich schon im April. Entsprechende Signale sendete Notenbankchef Jean-Claude Trichet bereits wiederholt, auch vergangene Woche wieder: Die Inflation in Höhe von 2,4 Prozent im Euroraum bereite ihm Sorge. Die EZB ist laut Statuten verpflichtet, die Teuerung „bei oder unter zwei Prozent“ zu halten.

In Osteuropa sieht die Sache anders aus. Diese Woche stehen Zinsentscheidungen in Rumänien und Ungarn an. Von der Nachrichtenagentur Bloomberg befragte Analysten gehen einhellig davon aus, dass die Zinsen in den beiden Ländern in nächster Zeit nicht erhöht werden. Gleiches gilt für Tschechien, wo der Leitzins vergangene Woche bei 0,75 Prozent belassen wurde. Einzig Polen könnte dem Beispiel der EZB folgen und noch im Sommer die Zinsen erhöhen.

 

Tschechien koppelt sich ab

(c) Die Presse / HR

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„Obwohl manche dieser Länder mit hoher Inflation kämpfen, erwarten wir keine baldige Änderung der Zinspolitik“, sagt Leon Podkaniner vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) zur „Presse“.

Tatsächlich kommt es durchaus überraschend, dass die genannten Staaten dem Beispiel der EZB nicht Folge leisten. In der Vergangenheit ging die Währungspolitik des Eurosystems und seiner östlichen Nachbarn zumeist Hand in Hand: Erhöhte oder senkte die „Zentrale“ in Frankfurt die Leitzinsen, ließen die meisten Notenbanken in Zentral- und Osteuropa nicht lange auf sich warten.

„Der Markt scheint zu glauben, wir würden der EZB ganz automatisch folgen“, sagte der tschechische Währungshüter Pavel Rezabek zu Bloomberg. „Aber der Zusammenhang zwischen der Geldpolitik der EZB und jener Tschechiens ist nicht mehr ganz so klar.“

In Tschechien steht laut WIIW ein höherer Leitzinssatz trotz des niedrigen Niveaus von 0,75 Prozent nicht zur Diskussion. Denn die Inflation für Konsumgüter beträgt lediglich 1,2 Prozent. Anders als in Westeuropa leiden die Tschechen – zumindest derzeit – nicht unter steigenden Preisen.

Prekär ist die Lage aber in Rumänien. Trotz eines Leitzinssatzes von 6,25 Prozent liegt die Inflation für Konsumgüter ebenfalls bei über sechs Prozent. Und die Konjunktur will nur langsam anspringen. Im Vorjahr schrumpfte die Wirtschaftsleistung noch, für heuer erwartet das WIIW ein Wachstum von zwei Prozent.

„Die Volkswirtschaften im Osten haben noch immer einen Kater von der letzten Rezession“, sagt Miroslav Plojhar, Analyst bei JP Morgan. Er glaubt, dass die Inflation noch eines der geringeren Probleme in Osteuropa darstellt.

Die Nicht-Euroländer in Osteuropa wenden sich also von der EZB-Politik ab. Die einzige Ausnahme könnte Polen darstellen. Warschau erhöhte im Jänner die Zinsen auf 3,75 Prozent. „Eine weitere Erhöhung halte ich für durchaus möglich“, sagt Podkaniner. Der Grund: Polen findet sich im Vergleich zu den anderen Staaten Osteuropas in einer luxuriösen Position. Die Wirtschaftsleistung soll heuer um vier Prozent zulegen.

Die Ungarn haben bereits drei aufeinanderfolgende Zinserhöhungen hinter sich, die letzte im Jänner, als die Notenbanker in Budapest ihren Satz um einen Viertelprozentpunkt auf sechs Prozent erhöhten. Dabei ist es vorerst geblieben: Bei der letzten Sitzung Mitte März kam es zu keiner Erhöhung.

 

Ungarn: Inflationsrisiko nimmt ab

Die Begründung dazu: Das Inflationsrisiko nehme ab, die Löhne gehen sogar zurück. Die von Bloomberg befragten Analysten gehen deshalb eher davon aus, dass Ungarn seine Raten das ganze Jahr über stabil halten wird.

Höhere Leitzinsen eignen sich laut Lehrbuch zur Bekämpfung von Inflation, weil die Konsumenten ihr Geld eher anlegen als ausgeben. Das reduziert die Nachfrage nach Gütern und dämpft die Teuerung. Allerdings leidet darunter das Wirtschaftswachstum, auch weil Firmen ihr verfügbares Kapital eher anlegen statt investieren.

Auf einen Blick

Die Leitzinsen werden in Tschechien vermutlich bei 0,75 Prozent bleiben, weil die Inflation relativ gering ist. Auch Rumänien wird der erwarteten EZB-Vorgabe einer Zinserhöhung nicht folgen. Die Sorgen um die schwache Konjunktur überdecken die Inflationsängste. Im wachstumsstarken Polen dürfte es hingegen zu einer weiteren Erhöhung kommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2011)

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2 Kommentare

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