26.05.2012 20:49 | Meine Presse Merkliste 0

Gazprom-Vize: "Es wird nie mehr billiges Gas geben"

15.11.2011 | 18:24 |  EDUARD STEINER (Die Presse)

Gazprom-Vize Alexander Medwedjew sieht im Interview mit der "Presse" keine Blase auf dem Gasmarkt. Einen neuerlichen Streit mit der Ukraine samt Versorgungsengpass in Europa schließt Medwedjew nicht aus.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Die Presse: Soeben übernahm die Gazprom die Energiesparte der deutschen Firma Envacom und hat nun auch Zugang zu den europäischen Endkunden. Ein Durchbruch?

Alexander Medwedjew: Nun, Gazprom will mehr Wertschöpfung auf der gesamten Produktionskette. In anderen EU-Ländern arbeiten wir ja schon auf dem Segment des Stromhandels.

Sicher ein Durchbruch ist, dass Gazprom über die Pipeline Nordstream nun auch ohne Transitländer liefern kann. In welchem Ausmaß wird von der bisherigen Strecke durch Osteuropa umgeleitet?

Weißrussland und Polen sind nicht betroffen. Was die Ukraine betrifft, gebe ich Ihnen Ende 2012 eine Antwort. Es wird von der Nachfrage – auch in Europa – abhängen. Faktum ist: Es wird umgeleitet.

Ausschlaggebend sind wohl auch die Verhandlungen über den umstrittenen Gasvertrag mit der Ukraine.

Nein. Und um Ihre Frage zu antizipieren: Mir scheint, dass wir die Risken eines neuen Gaskonflikts minimieren konnten.

Ausschließen können Sie ihn nicht?

Für diesen Winter schon, weil der Vertrag Preisrabatte enthält. Für die Zukunft können wir nicht sicher sein, dass die Ukraine alle Regeln akzeptiert hat. Es gibt nicht nur politische Risken – es ist auch unklar, ob genug in das ukrainische Pipelinesystem investiert worden ist.

Bleiben wir bei der Politik.

Energie war immer mit Politik verbunden, aber nicht mit politischer Show. Eine solche beobachten wir zuletzt oft seitens Europas. Daher hat uns sehr gefreut, als Frau Merkel bei der Nordstream-Eröffnung von möglichen Änderungen beim dritten EU-Energiepaket, das Pipelinebesitzer wie Gazprom zwingt, Wettbewerbern Zugang zum Leitungsnetz zu gewähren, gesprochen hat. Das sagt man nicht zufällig und lässt auf künftige Kooperationen hoffen. EU-Kommissar Öttinger selbst hat gesagt, dass Europa nicht erst 2030, sondern schon 2020 zusätzlich 200 Mrd. Kubikmeter Gas braucht. Das heißt, es braucht auch weitere Pipelines.

Gazprom-Experte Michail Kortschemkin rechnet aber vor, dass nun Leitungskapazitäten von 250 Mrd. Kubikmetern aus Russland nach Europa bestehen, obwohl vertraglich nur 160 Mrd. Kubikmeter pro Jahr abgenommen werden.

Bis 2030 haben wir 4,5 Billionen Kubikmeter (jährlich 225 Mrd. Kubikmeter, Anm. d. Red.) an Abnahmemenge vertraglich zugesichert.

Wird sich der Markt durch Schiefer- und Flüssiggas verändern? Das Beratungsunternehmen A.T. Kearny meint, dass Überkapazitäten und Preisverfall ab 2015 drohen.

Aus ökologischen Gründen wird sich Schiefergas in Europa wohl nicht etablieren. Und die Infrastruktur für Flüssiggas hat natürliche Grenzen.

Dennoch könnte die Gasblase laut A.T.Kearny platzen.

Ich gebe zu bedenken: Nachdem 2009 die Preise auf dem Spotmarkt gefallen sind, liegen sie heute wieder bei über 400 Dollar je 1000 Kubikmeter, also ähnlich hoch wie für das mit Langfristverträgen und Ölpreisbindung gelieferte Gas von Gazprom. Es gibt kein billiges Gas für 200 Dollar, und es wird auch nie mehr eines geben.

Neulich haben EU-Ermittler Gazprom-Büros wegen des Kartellverdachts durchsucht. Welche Lehren haben Sie daraus gezogen?

Ein schaler Nachgeschmack bleibt. Wenn jemand Wettbewerb zu schaffen hilft, dann Gazprom. Wir träumen nicht von haushohen Preisen, sondern wollen nur Investitionen hereinspielen. Die faire Preisbildung will man leider seit der Krise über Bord werfen.

Immer wenn Gazprom Probleme mit der EU hat, droht es, vermehrt Asien zu beliefern. Aber warum kommt man mit dem Hoffnungsmarkt China preislich nicht überein?

Wir haben uns über die Preisformel geeinigt. Nur der Basispreis steht aus. Wenn wir nicht in Siebenmeilenstiefeln übereinkommen, so doch in Meilenstiefeln.

Wie nehmen Sie die europäische Schuldenkrise wahr?

Wir bauen auf die führenden Eurostaaten. Russland hat Hilfe angeboten, aber auf Basis wirtschaftlicher Kooperation. Wenn man uns Investitionen in Stromerzeugung oder Pipelines verbietet, trifft das Europa selbst. Deshalb baue ich auf Merkels Aussage, über das dritte Energiepaket nachzudenken.

Zur Person

Alexander Medwedjew (56) ist Gazprom-Vizechef und als Generaldirektor der Tochter „Gazprom Export“ seit 2002 für das Auslandsgeschäft des Konzerns zuständig. In den 1990er-Jahren war der Ökonom im Bankgeschäft der Donau-Bank AG tätig, seit 1991 als Direktor der österreichischen IMAG GmbH, die auf Finanzierungen im russischen Energiesektor spezialisiert war.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.11.2011)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

13 Kommentare
Gast: vor v zakone
27.11.2011 23:26
0 0

Kaum Unterschied

Molotov - Ribbentrop ... Schröder - Medvěděv

Gast: Ratspräsident-Vize
16.11.2011 15:53
1 0

Gazprom-Vize: "Es wird nie mehr billiges Gas geben"

''Dann verkaufen wir Russland halt den Weizen teurer''

Gast: gast:1
16.11.2011 11:09
0 0

ob das schlau ist, sowas zu sagen?

Offen zu sagen, dass das eigene Produkt immer teuer sein und bleiben wird halte ich für unklug.

Motiviert man damit doch die derzeitigen Kunden sich schleunigst nach einer alternativen EnergieQuelle oder zumindest anderen Lieferanten umzusehen...

Lupus.67
16.11.2011 09:23
1 0

die russen

werden sich noch wundern WIE billig gas werden kann. wenn europa darniederliegt, ist es schluß mit der "riesen nachfrage". die paar haushalte, die sich dann noch gas leisten können machen das kraut nicht fett, und die writschaft wird nichts mehr brauchen wenn sie nichts mehr produziert.

da wirds wieder GANZ billig werden.

1 1

wozu gas?

autos fahren mit benzin, und heizen kann man auch mit holz, oder strom, oder muell der ueberall rumliegt

sollen sich die kommunisten in der sowjetunion mit ihrem gas brausen gehen

Antworten Gast: tg
16.11.2011 10:12
2 0

Re: wozu gas?

Autos werden in den nächsten Jahrzehnten wohl eher mit Gas fahren weil Erdöl viel knapper als Gas ist, Holz ist begrenzt und Strom kommt - von Gaskraftwerken (wenn mal die Atommeiler abgedreht sind und Kohle wegen CO2 auch nicht mehr so in ist).

Gas wird in den nächsten Jahrzehneten neben der erneuerbaren Energie der wichtigste Energieträger.

Und ganz ohne Russen wird das wohl eher nicht klappen....

Antworten Gast: jessasna
16.11.2011 09:28
0 0

Re: wozu gas?

Große Güte, wenn Einfalt einen Namen hätte....

Das können sie 1:1 auf Ölprodukte umlegen und zu einem Gutteil auch auf Strom.

0 0

Re: Re: wozu gas?

nicht wirklich
oel ist ein primaereneergie traeger, es gibt da derzeit bezueglich autos und landwirtschaft keine gute alternative

was gas betrifft schon, weil man muss ja 1) nicht mit gas heizen und 2) gibt es genuegend andere kraftwerke, die nicht mit gas betrieben werden muessen zb wasserkraftwerke, wind, solar, geothermal, gezeitenkraftwerke, atom, etc.

strom ist nur ein produkt (energietraeger) dieser kraftwerke, wo energie von einem primaerenergietraeger umgewandelt wird in elektrische energie

irre ist nur von den gazprom anzugtraegern zu meinen, die koennen jetzt einfach europa ausquetschen mit einem hohen gaspreis - weil es gibt ja keine alternative!
das trifft zwar in europa zu, weil alle so verbohrt sind, wenn man aber freie marktwirtschaft implementieren wuerde, waere das kein problem - wenn gas zu teuer wird, wird der markt eine andere loesung finden!

was haetten wir derzeit fuer probleme wenn wir genuegend pferdefutter produzieren muessten damit 500 millionen europaeer pferde haben zur fortbewegung - und erst die kacke von den vielen pfederden - wohin damit? aber halt - da gabs ja was? achja, eisenbahnerfindung, automobil, flugzeug, etc. etc.

ein freier markt wird immer eine leistbare alternative finden, wenn gas zu teuer ist

wenn natuerlich die regierung gas propagiert (keynesianismus) und foerdert und alle "investieren" in gas - dann nicht

Antworten Gast: Hanibal L.
16.11.2011 07:25
0 1

Re: wozu gas?

russland ist heute geistig weiter vom kommunismus entfernt als so manches europaeische land (siehe die linke in deutschland, die gruen/sozis bei uns, die pasok in griechenland, die soizis in spanien, frankreich - alles ex-(euro)kommunisten); ein pseudo-demokratisch getarntes regime ist es wohl; aber den kommunismus haben die schon laengst entsorgt. wie auch die chinesen.

Gast: Putins Blähung
15.11.2011 21:54
3 1

"Es wird nie mehr billiges Gas geben"

Bei diesem Know how Entwicklungsland , dessen einzige Exportgüter neben Erdgas und Wodka seine Frauen sind, ist diese Haltung verständlich.

Antworten Gast: Trollblume
15.11.2011 22:33
4 0

Re: "Es wird nie mehr billiges Gas geben"

Der ist auch gut: "Wenn jemand Wettbewerb zu schaffen hilft, dann Gazprom."

Re: Re: "Es wird nie mehr billiges Gas geben"

Natürlich wird es das nicht. Es wird immer teurer.
Und wenn Länder wie A oder D unter den gegebenen Umständen glauben auf Atomkraft verzichten zu können, wo die ganze Welt genau das Gegenteil tut, dann wird das ihren Bürgern absehbare Zeit sehr teuer zu stehen kommen.

Antworten Antworten Antworten Gast: RWE Lobbyist
16.11.2011 17:02
0 0

Re: Re: Re: "Es wird nie mehr billiges Gas geben"

Endlich leistest was für deine Vergütung Wolfi.