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"Das Gehalt reicht nicht zum Leben"

25.10.2006 | 00:00 |  Von unserem Korrespondenten THOMAS ROSER (Die Presse)

Polen. Mit Hilfe internationaler Betriebsräte der Multis wehren sich Gewerkschaften gegen die niedrigen Löhne in ihrem Land. Im Zentrum der Kritik steht der Novartis-Konzern.

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RZESZÓW. Müde wirken die Gesichter der Männer und Frauen, die sich nach Feierabend in einer Kellerkneipe in der südpolnischen Stadt Rzeszów versammelt haben. Ihre Namen wollen die Beschäftigten des Kindernahrungs-Herstellers Alima-Gerber aus Sorge um ihren Arbeitsplatz nicht preisgeben. Aus ihren Sorgen machen sie hingegen kein Geheimnis. "Wir arbeiten - und können trotzdem nicht über die Runden kommen," seufzt eine fünffache Mutter. Einen Nettolohn von 1122 Zloty (280 Euro) weist der Lohnzettel der Produktions-Arbeiterin aus. Doch obwohl sie eine zusätzliche Witwenrente von 500 Zloty erhält, hat sie ihr Telefon abmelden müssen und konnte den Kindern nicht einmal die Lehrbücher für das neue Schuljahr kaufen. Die Kohle für den Winter werde sie nur mit einem neuen Kredit begleichen können: "Wir sind hier alle im Minus, haben keine Ersparnisse: Wir vegetieren von Zahltermin zu Zahltermin."

Außer den lukrativen Absatzmärkten ist es das niedrigere Lohnniveau, das westeuropäische Investoren in den Osten lockt. Doch seit der EU-Erweiterung sind in Ländern wie Polen die Lebenshaltungskosten kräftig gestiegen. Mit Niedrigstlöhnen wollen sich Beschäftigte in dem vermeintlichen Billiglohn-Land nicht länger abspeisen lassen. Für landesweite Schlagzeilen sorgte der Prozess einer Mitarbeiterin der portugiesischen Handelskette Biedronka, die ihren Arbeitgeber erfolgreich auf höhere Zahlungen verklagte.

Der Unmut der Gewerkschaften tritt inzwischen auch ein Schweizer Unternehmen, das sich gerne seiner sozialen Verdienste preist: Arbeitnehmer werfen dem Basler Novartis-Konzern vor, mit den beim Tochterbetrieb Alima-Gerber bezahlten Niedriglöhnen gegen den eigenen Arbeits-Kodex zu verstoßen. Novartis zahle "wettbewerbsfähige und angemessene Gehälter, die deutlich über dem Minimum zur Deckung der Grundbedürfnisse liegen," plädiert das Unternehmen in seinen eigenen "Grundsätzen zur gesellschaftlichen Verantwortung".

Familienausflüge oder Hobbys können sich viele Mitarbeiter in Rzeszów schon seit Jahren nicht mehr leisten. Die Hälfte seines Nettolohns von 1237,15 Zloty benötige er für die Miete seiner Wohnung, erläutert ein Gabelstaplerfahrer mit drei Kindern. Nach Abzug von Strom- und Heizungskosten sowie den von Gerber nicht erstatteten Fahrtkosten verblieben ihm 50 Euro, mit denen er den Kühlschrank nicht füllen könne: "Zum Glück wohne ich auf dem Land - und kann Kartoffeln anbauen." Selbst zur Nachtschicht radle sie zehn Kilometer zur Arbeit, erzählt eine Arbeiterin mit vier Kindern: "Das Busticket kann ich mir einfach nicht leisten."

Den Vorwurf chronischer Unterbezahlung weisen Alima-Gerber und der Schweizer Mutterkonzern energisch zurück. Als "existenzsichernd" hat Novartis für Polen ein Gehaltsniveau von 1317 Zloty berechnet. Das minimale Brutto-Gehalt bei Alima-Gerber liege mit 1715 Zloty deutlich darüber. Und es sei fast doppelt so hoch wie Polens gesetzlicher Mindestlohn, betont Tomasz Retmaniak, der General-Manager des Unternehmens in Polen. Alljährlich lasse Novartis von einem externen Institut die in Polen marktüblichen Löhne berechnen.

Die "Herren Direktoren" schauten nur nach ihrem Business-Plan, aber nicht nach dem Leben ihrer Mitarbeiter, wirft Betriebsrat Jacek Kotula von der Gewerkschaft Solidarnosc dem Konzern "zynische Scheinheiligkeit" vor. Gerne stelle er dem Schweizer Novartis-Chef den Minimal-Nettolohn von 1080 Zloty für einen Selbstversuch in Rzeszów zur Verfügung: "Wenn er damit hier einen Monat überleben kann, schlagen wir ihn für den Nobelpreis für Wirtschaft vor."

Die Niedriglöhne bei Alima-Gerber will die Europäische Föderation der Nahrungsmittel-Gewerkschaften (EFFAT) zum Thema ihres Jahrestreffens Anfang November in Madrid machen.

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