Wien. Schilder und Speisekarten auf Russisch. Verkäufer sagen „spasiba“ und „harascho“. Und statt „Real Estate“ ist allerorts „Nedvizhimost“ zu lesen: „Immobilien“ – auf Russisch.
Mehr als 40Jahre lang stand der kleine osteuropäische Staat Bulgarien unter russischem Einfluss, bevor er 2007 der Europäischen Union beitrat. Nicht einmal fünf Jahre später kehren die Russen erneut in das Land zurück. Politischen Anlass gibt es diesmal keinen, das russische Interesse ist wirtschaftlich getrieben.
Denn der Immobilienmarkt an der bulgarischen Schwarzmeerküste wird derzeit von der russischen Nachfrage bestimmt. Dieser Trend, der vor zwei, drei Jahren begann, erreichte im vergangenen Sommer seinen vorläufigen Höhepunkt. Ganze Wohnkomplexe wurden vollständig an russische Kunden verkauft.
„Mehr als 90Prozent der Kunden kommen aus Russland. Sie wollen sich hier eine Ferienwohnung kaufen und nutzen sie zwischen Mai und September. Das sind nicht mehr Spekulanten, die den Einkauf als eine Investitionsmöglichkeit sehen“, erzählt Mariana Daskalova von Greenlife – eine Firma, die Ferienwohnungen an der südlichen Schwarzmeerküste errichtet und diese an russische Kunden verkauft.
Seit 2005 kam es zu einem Investitionsboom an der Schwarzmeerküste. Damals wurden tausende neue Wohnungen gebaut, die an Kunden aus Großbritannien verkauft wurden. Mit dem Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 sank die Nachfrage, und viele Immobilieninvestoren rutschten in die Insolvenz. Ein großer Teil der Projekte wurde mit Krediten finanziert, an denen auch österreichische Banken beteiligt waren.
Der Markt erholt sich
Seit letztem Jahr werden wieder neue Projekte gebaut – ein Zeichen für die Erholung des Marktes. Der Grund dafür ist die Nachfrage aus dem Osten. „Die Russen kaufen sowohl kleinere Wohnungen als auch größere Appartements im Luxusbereich. Für viele ist es eine Prestigefrage, eine Wohnung an der Küste zu haben“, sagt Daskalova. Die größte Nachfrage zeigt die Mittelschicht, die nicht in Moskau lebt, sagt Nikola Stojanov, Geschäftsführer der Immobilienagentur Luximoti.
Laut offizieller Statistik haben sich in den vergangenen drei Jahren mehr als 30.000Russen Wohnungen an der bulgarischen Schwarzmeerküste besorgt. Die Zahl der tatsächlichen Inhaber ist aber größer, da viele über Firmen Immobilien erwerben, die in dieser Statistik nicht gezählt werden.
Das russische Interesse an der bulgarischen Küste hat mehrere Gründe. Es gibt tägliche Flugverbindungen nach Russland, und beide Sprachen ähneln einander. „Es sind mehrere kulturelle Eigenschaften, die die Russen und die Bulgaren verbinden. Die meisten Russen sind in der Vergangenheit auf Urlaub in Bulgarien gewesen und fühlen sich von dem Land angezogen“, sagt Stojanov.
Nicht zuletzt sind die Immobilien in Bulgarien günstig – zumindest im Vergleich zur italienischen oder französischen Küste. Vor Kurzem hat Bulgarien zudem die Einreisebedingungen für Bürger, die nicht aus der EU stammen, aufgeweicht. Alle, die schon einmal ein Schengen-Visum bekommen haben, müssen keine zusätzlichen Bedingungen erfüllen, um sich in Bulgarien aufhalten zu können.
Dies würde das Interesse an den Immobilien in Bulgarien erhöhen, sagt Igor Berezovski von der russischen Immobilienagentur RT-Imoti. Manche Russen würden auch für längere Zeit in dem EU-Land bleiben wollen. Vor allem russische Pensionisten zieht es im Alter an die Schwarzmeerküste.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2012)
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