Energie: Russland als Flaschenhals der Gasversorgung

Russland versucht alternative Gaslieferungen nach Europa zu torpedieren. Aber wenn wie neulich klirrende Kälte herrscht, kann es Europa nicht ausreichend versorgen. Die Gründe dafür liegen in Russland selbst.

Energie Russland Flaschenhals Gasversorgung
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Energie Russland Flaschenhals Gasversorgung
(c) AP (Bela Szandelszky)

Moskau. Lieferengpässe bei russischem Gas sind in den vergangenen Jahren nicht neu. Waren sie bisher aber meist durch den Nachbarschaftskonflikt zwischen Russland und der Ukraine bedingt, so stellen die Erfahrungen der vergangenen zwei Wochen erstmals das russische Gasversorgungssystem selbst infrage.

Über Tage hatte eine Reihe europäischer Staaten – darunter Deutschland, Österreich und Italien – um bis zu 30Prozent weniger Gas aus Russland erhalten.

Gewiss, weil die EU ihre Mitgliedstaaten zu Speichervorräten für 30 Tage verpflichtet, konnte eine Unterversorgung der Endverbraucher abgewendet werden. Dazu trug auch bei, dass Gazprom täglich 38Mio. Kubikmeter, sprich die höchstmögliche Menge, aus seinen Speichern in Europa entnimmt. Und überhaupt würden, so ein Manager eines westlichen Gaskonzerns, die vergangenen Wochen zeigen, dass das gesamte Versorgungssystem, bei dem in den Sommermonaten die Speicher gefüllt werden, um im Winter vertraglich mögliche Lieferreduktionen seitens Gazproms auszugleichen, funktioniere: „Vermutlich wurde das System der Öffentlichkeit ganz einfach zu wenig erklärt.“

 

Grenzen des Versorgungssystems

Die Kommunikation ist das eine. Das andere und Gravierendere ist, dass auch das Versorgungssystem Grenzen und Schwächen hat. Davon zeugt nicht nur Gazproms wirre Erklärungspolitik zu Beginn der Lieferreduktion: Während Gazprom-Vizechef Alexander Medwedjew anfänglich abermals der Ukraine die Schuld in die Schuhe zu schieben versuchte und ein anderer Gazprom-Manager von einer übermäßigen Nachfrage aus Europa gesprochen hatte, wurde später zugegeben, dass man tatsächlich zehn Prozent weniger liefere.

Von den Grenzen des Versorgungssystems zeugen auch die jüngsten Verbesserungsvorschläge. So hat vor allem Italien Alarm geschlagen und zuletzt von einer immer kritischeren Situation gesprochen, weil der Verbrauch der höchste in der Geschichte des Landes sei: Zusätzlich zu allen Notfallmaßnahmen werde man einen eigenen Gashandelsplatz einrichten, sagte Corrado Passera, Minister für wirtschaftliche Entwicklung.

Auch Gazprom sieht Verbesserungsbedarf und möchte Medwedjew zufolge seine unterirdischen Speicherkapazitäten in Europa bis 2015 auf fünf Mrd. Kubikmeter (etwas mehr, als Österreich pro Jahr aus Russland importiert) erhöhen. Medwedjew sprach von der Hoffnung, dass die Russen von der EU die Erlaubnis erhalten, „die langfristigen Verpflichtungen im Rahmen der Exportverträge zu erfüllen und rechtzeitige sowie vollwertige Gaslieferungen an die europäischen Kunden zu realisieren“.

 

Wahljahr sichert warmen Winter

Gazprom steht vor einer neuen Situation: Zum extrem kalten Winter, der in Russland selbst die Nachfrage erstmals auf über zwei Mrd. Kubikmeter täglich treibt, kommt das Wahljahr, sodass Premier Wladimir Putin im Unterschied zu früher eine Drosselung der Binnenversorgung zugunsten des Exports auf den lukrativen europäischen Markt nicht mehr erlaubt. Zusätzlich zu diesen Faktoren kommt aber auch, dass Gazproms Förderkapazitäten heuer auf 1,63Mrd. Kubikmeter täglich gesunken sind, während sie im Vorjahr noch bei 1,7Mrd. Kubikmeter gelegen hatten.

Der größte Engpass jedoch, von dem Gazprom und seine westlichen Kunden nicht sprechen, liegt ganz woanders. „Gazprom hat zwar ausreichende Pipelinekapazitäten in den Westen, aber es hat einen Flaschenhals bei Zubringerpipelines zu den Exportpipelines“, erklärt Michail Kortschemkin, früher Gazprom-Berater und heute Direktor von East European Gas Analysis, der „Presse“: „Und Gazprom hat die unterirdischen Speicherkapazitäten in Russland in den vergangenen fünf Jahren nicht plangemäß ausgebaut“.

90Prozent seines Gases fördert Gazprom in Westsibirien hinter dem Ural. Um es bei höherer Nachfrage zu den Exportpipelines zu befördern, reichen die Durchleitungskapazitäten nicht aus. Hätte man das Programm für unterirdische Speicher in Russland umgesetzt, so könnte Gazprom täglich nicht nur 630Mio. Kubikmeter, sondern zusätzliche 130Mio. Kubikmeter entnehmen und die Nachfrage in Europa stillen, erklärt Kortschemkin. Den Grund für das Versäumnis sieht Kortschemkin in der starken Pipelinelobby, die übermäßige Pipelinekapazitäten nach Europa propagiert, während der Bau von Speichern in Russland zumindest um 80Prozent billiger käme.

Trotz Pipeline-Überkapazitäten nach Europa will Gazprom noch 2012 mit dem Bau der Pipeline South Stream beginnen und so das EU-Pipelineprojekt Nabucco torpedieren, mit dem die Europäer Gas aus Aserbaidschan und Turkmenistan beziehen wollen.

Auf einen Blick

30 Prozent weniger Gas lieferte der russische Gasmonopolist Gazprom vielen europäischen Ländern – auch Österreich – in den vergangenen zwei Wochen.

Schuld war diesmal aber nicht der Konflikt mit der Ukraine, sondern die mangelnde Gasinfrastruktur in Russland selbst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2012)

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