Energie: Russland als Flaschenhals der Gasversorgung

12.02.2012 | 18:31 |  Von unserem Korrespondenten EDUARD STEINER (Die Presse)

Russland versucht alternative Gaslieferungen nach Europa zu torpedieren. Aber wenn wie neulich klirrende Kälte herrscht, kann es Europa nicht ausreichend versorgen. Die Gründe dafür liegen in Russland selbst.

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Moskau. Lieferengpässe bei russischem Gas sind in den vergangenen Jahren nicht neu. Waren sie bisher aber meist durch den Nachbarschaftskonflikt zwischen Russland und der Ukraine bedingt, so stellen die Erfahrungen der vergangenen zwei Wochen erstmals das russische Gasversorgungssystem selbst infrage.

Über Tage hatte eine Reihe europäischer Staaten – darunter Deutschland, Österreich und Italien – um bis zu 30Prozent weniger Gas aus Russland erhalten.

Gewiss, weil die EU ihre Mitgliedstaaten zu Speichervorräten für 30 Tage verpflichtet, konnte eine Unterversorgung der Endverbraucher abgewendet werden. Dazu trug auch bei, dass Gazprom täglich 38Mio. Kubikmeter, sprich die höchstmögliche Menge, aus seinen Speichern in Europa entnimmt. Und überhaupt würden, so ein Manager eines westlichen Gaskonzerns, die vergangenen Wochen zeigen, dass das gesamte Versorgungssystem, bei dem in den Sommermonaten die Speicher gefüllt werden, um im Winter vertraglich mögliche Lieferreduktionen seitens Gazproms auszugleichen, funktioniere: „Vermutlich wurde das System der Öffentlichkeit ganz einfach zu wenig erklärt.“

 

Grenzen des Versorgungssystems

Die Kommunikation ist das eine. Das andere und Gravierendere ist, dass auch das Versorgungssystem Grenzen und Schwächen hat. Davon zeugt nicht nur Gazproms wirre Erklärungspolitik zu Beginn der Lieferreduktion: Während Gazprom-Vizechef Alexander Medwedjew anfänglich abermals der Ukraine die Schuld in die Schuhe zu schieben versuchte und ein anderer Gazprom-Manager von einer übermäßigen Nachfrage aus Europa gesprochen hatte, wurde später zugegeben, dass man tatsächlich zehn Prozent weniger liefere.

Von den Grenzen des Versorgungssystems zeugen auch die jüngsten Verbesserungsvorschläge. So hat vor allem Italien Alarm geschlagen und zuletzt von einer immer kritischeren Situation gesprochen, weil der Verbrauch der höchste in der Geschichte des Landes sei: Zusätzlich zu allen Notfallmaßnahmen werde man einen eigenen Gashandelsplatz einrichten, sagte Corrado Passera, Minister für wirtschaftliche Entwicklung.

Auch Gazprom sieht Verbesserungsbedarf und möchte Medwedjew zufolge seine unterirdischen Speicherkapazitäten in Europa bis 2015 auf fünf Mrd. Kubikmeter (etwas mehr, als Österreich pro Jahr aus Russland importiert) erhöhen. Medwedjew sprach von der Hoffnung, dass die Russen von der EU die Erlaubnis erhalten, „die langfristigen Verpflichtungen im Rahmen der Exportverträge zu erfüllen und rechtzeitige sowie vollwertige Gaslieferungen an die europäischen Kunden zu realisieren“.

 

Wahljahr sichert warmen Winter

Gazprom steht vor einer neuen Situation: Zum extrem kalten Winter, der in Russland selbst die Nachfrage erstmals auf über zwei Mrd. Kubikmeter täglich treibt, kommt das Wahljahr, sodass Premier Wladimir Putin im Unterschied zu früher eine Drosselung der Binnenversorgung zugunsten des Exports auf den lukrativen europäischen Markt nicht mehr erlaubt. Zusätzlich zu diesen Faktoren kommt aber auch, dass Gazproms Förderkapazitäten heuer auf 1,63Mrd. Kubikmeter täglich gesunken sind, während sie im Vorjahr noch bei 1,7Mrd. Kubikmeter gelegen hatten.

Der größte Engpass jedoch, von dem Gazprom und seine westlichen Kunden nicht sprechen, liegt ganz woanders. „Gazprom hat zwar ausreichende Pipelinekapazitäten in den Westen, aber es hat einen Flaschenhals bei Zubringerpipelines zu den Exportpipelines“, erklärt Michail Kortschemkin, früher Gazprom-Berater und heute Direktor von East European Gas Analysis, der „Presse“: „Und Gazprom hat die unterirdischen Speicherkapazitäten in Russland in den vergangenen fünf Jahren nicht plangemäß ausgebaut“.

90Prozent seines Gases fördert Gazprom in Westsibirien hinter dem Ural. Um es bei höherer Nachfrage zu den Exportpipelines zu befördern, reichen die Durchleitungskapazitäten nicht aus. Hätte man das Programm für unterirdische Speicher in Russland umgesetzt, so könnte Gazprom täglich nicht nur 630Mio. Kubikmeter, sondern zusätzliche 130Mio. Kubikmeter entnehmen und die Nachfrage in Europa stillen, erklärt Kortschemkin. Den Grund für das Versäumnis sieht Kortschemkin in der starken Pipelinelobby, die übermäßige Pipelinekapazitäten nach Europa propagiert, während der Bau von Speichern in Russland zumindest um 80Prozent billiger käme.

Trotz Pipeline-Überkapazitäten nach Europa will Gazprom noch 2012 mit dem Bau der Pipeline South Stream beginnen und so das EU-Pipelineprojekt Nabucco torpedieren, mit dem die Europäer Gas aus Aserbaidschan und Turkmenistan beziehen wollen.

Auf einen Blick

30 Prozent weniger Gas lieferte der russische Gasmonopolist Gazprom vielen europäischen Ländern – auch Österreich – in den vergangenen zwei Wochen.

Schuld war diesmal aber nicht der Konflikt mit der Ukraine, sondern die mangelnde Gasinfrastruktur in Russland selbst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2012)

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5 Kommentare

Reichlich tendenziös

Dieser Bericht ist erkennbar reichlich tendenziös. Beispiel Italien: Das Land bekommt doch aus Libyen einen Teil seines Erdgases. Ach so, dass in Libyen "dank" der Bombardements der NATO zwecks "Demokratisierung" nun auch die dortigen Gassysteme stark in Mitleidenschaft gezogen wurden - sollen die Russen schuld sein, wenn in Italien Gas knapp wird?
Nabucco brauchen erst gar nicht "die Russen" verhindern, wie die gesteuerte "westliche" Propaganda Glauben machen will. Das besorgt schon die US-EU-Politik gegenüber dem Iran - weil nämlich für diese aufwändigste Leitung nicht genügend Gasmengen zur Verfügung stehen. Abgesehen davon, dass die Türkei da auch noch recht kostspielige Bedingungen - etwa Vorzugspreise für Gas - stellt.

Antworten Gast: uibel
13.02.2012 12:08
1 1

Re: Reichlich tendenziös

RU und UA liefer zur zeit 30% weniger Gas an Italien.
Italien importiert daher mehr aus algerien und Nordeuropa.

Was ist daran tendenziös?

die sache mit den pipelines und den vorratslagern

erinnert mich an einen 'sager' im verkehrsfunk:
"die rechte fahrbahn ist wie üblich ein lagerplatz für güter".

solange die autobahn wetterbedingt gut befahrbar ist, solange sie wegen unfällen oder anderer ereignisse nicht gesperrt wird: ein gewinn für die unternehmen, die sich lagerkosten sparen.

wenn es aber anders kommt, dann erweist sich das rollende lager als grund für die betriebsschließung...

Mit Sonnenkollektoren

und Windfloder in die neue Eiszeit!

Wird sehr kalt in den Haushalten werden oder doch?

7 4

Wer braucht den mehr Gas

Bei der laufenden Klimaerwärmung !!
1970 haben die ( Experten damals Fachleute genannt ) eine Neue Eiszeit vorausgesagt darum fördert der Staat sicher die Isolierung von Gebäuden !!!!

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