Russischer Höhenflug mit Staatshilfe

27.02.2012 | 10:06 |  Von unserem Korrespondenten EDUARD STEINER (Die Presse)

Auto. Die Russen haben im vergangenen Jahr 2,6 Millionen Fahrzeuge gekauft. Das entspricht einem Plus von 39 Prozent gegenüber 2010. Weil nun aber Staatshilfen wegfallen, wird die Kurve heuer deutlich abflachen.

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Moskau. Russland kommt mit seinem Vorhaben, zum größten Automarkt Europas aufzusteigen, rapide voran. Vor allem im vergangenen Jahr konnte der Einbruch aus dem Krisenjahr 2009 weitgehend wettgemacht werden. Und auch heuer geht die Tendenz in eine Richtung: Denn laut Statistik der Association of European Business wurden im Jänner um 20 Prozent mehr Autos zugelassen als im Vorjahresmonat.

Allein im Vorjahr haben die Russen mit 2,65 Millionen Autos um 39 Prozent mehr Fahrzeuge gekauft als noch im Jahr zuvor. Dafür haben sie, Daten des Wirtschaftsprüfers Ernst & Young zufolge, 1,91 Billionen Rubel (48 Mrd. Euro) in die Hand genommen. Das ist etwa eineinhalbmal so viel wie 2010. Aber: Die Kurve des Höhenfluges flacht zunehmend ab und droht 2012 allmählich in einen Gleitflug überzugehen. Der Hauptgrund: Die Regierung hat im Lauf des Vorjahres ihre staatlichen Stützungsprogramme eingestellt. Diese wurden in Form von Abwrackprämien und gestützten Krediten eingeführt und waren auf die Rettung des Branchenprimus und Lada-Herstellers Avtovaz zugeschnitten.

 

Inlandsproduktion angekurbelt

Die russisch-französische Allianz Avtovaz-Renault-Nissan (Renault hält 25 Prozent an Avtovaz) baute ihre Marktführerschaft auf mittlerweile ein Drittel des Marktanteils aus. Durch den Wegfall staatlicher Stützungsprogramme hat Lada in diesem Jänner aber um 14,3 Prozent an Verkaufsvolumen verloren. Nicht nur Renault, auch der Volkswagen-Konzern verdankt seine 74-prozentige Absatzsteigerung vom Vorjahr der immer ausgedehnteren inländischen Montage.

Zum Aufbau einer solchen wurden ausländische Konzerne in den vergangenen Jahren mit dem berühmten Regierungsdekret 166 gewissermaßen gezwungen. Das Dekret, das den Konzernen über acht Jahre lang Privilegien beim Import von Komponenten gewährt, sofern sie ihre Produktion innerhalb von fünf Jahren auf über 300.000 Fahrzeuge pro Jahr steigern, hat die Modernisierung der rückständigen Autoindustrie zum Ziel. Die EU, die empfindliche Auswirkungen auf den Import aus Europa befürchtet, hat bei den Verhandlungen über Russlands Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO immerhin durchgesetzt, dass die hohen Importzölle von derzeit 30 Prozent ab diesem Jahr auf 25 Prozent und bis 2019 auf 15 Prozent herabgesetzt werden.

Alles in allem ist die angepeilte Lokalisierung der Autoproduktion einer der größten Erfolge von Premier Wladimir Putin für die Industrie jenseits des Rohstoffsektors. Man könne über das Dekret 166 streiten, wie man will, meint ein Manager eines westlichen Autokonzerns im Gespräch: Aber Putins Strategie sei aufgegangen. So werden heute gemeinsam mit den einheimischen Modellen à la Lada bereits zwei Drittel der verkauften Autos im Inland produziert – ein historischer Rekord. Elf der 15 internationalen strategischen Allianzen montieren mittlerweile in Russland. Als Aufgabe für die nächsten Jahre wurde eine stärkere Lokalisierung der Zulieferindustrie formuliert. Womit sich freilich der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften weiter verschärft.

 

Wenige Fahrzeuge je Einwohner

Die Wirtschaftsprüfer von PriceWaterhouseCoopers (PWC) schließen heuer jedenfalls einen Rückgang im Absatzvolumen nicht aus. Gleichzeitig wird vom Unternehmen jedoch das mittel- und langfristige Potenzial betont. Denn in Russland kommen derzeit 220 Autos auf 1000 Einwohner. In Westeuropa sind es 450 Autos je 1000 Einwohnern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2012)

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