Bulgarien: Chinas erstes Autowerk in Europa

26.02.2012 | 18:22 |  ZORNITSA MARKOVA (Die Presse)

Erstmals produziert mit Great Wall ein chinesischer Hersteller seine Fahrzeuge in der Europäischen Union. Rumänien und Bulgarien hoffen auf weitere Investitionen aus dem Reich der Mitte.

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Wien. Seit Jahren fürchtet die europäische Autoindustrie vor allem eines: das Auftauchen chinesischer Konkurrenz. Denn Fahrzeuge aus dem Reich der Mitte könnten den Markt – dank der im Land bestehenden Kostenvorteile – komplett neu aufrollen. Bisher sind die Versuche chinesischer Hersteller, auf dem europäischen Markt Fuß zu fassen, allerdings kläglich gescheitert. Die schlechte Qualität der Autos ist der Hauptgrund dafür.

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Spätestens seit vergangener Woche sind chinesische Autos jedoch endgültig in der Europäischen Union angekommen. Allerdings anders als erwartet. Anstatt per Frachter an einen der großen Häfen im Nordwesten Europas verschifft zu werden, sollen die Autos künftig in einer eigenen Fabrik im kleinen bulgarischen Dorf Bahowitsa in der Nähe von Lowetsch zusammengebaut werden.

Dort hat einer der größten chinesischen Autohersteller, Great Wall Motor, zusammen mit dem bulgarischen Investor Litex Motors die erste chinesische Autofabrik in Bulgarien – und überhaupt in der Europäischen Union eröffnet.

 

70.000 Autos bis 2015

Für Bulgarien, das Armenhaus Europas, steht die Fabrik für die Wiedergeburt der Autoindustrie. Das letzte Auto „made in Bulgaria“ wurde im Jahr 1996 von Rover hergestellt. Für den Konzern aus dem Reich der Mitte ist der neue Standort allerdings eher ein strategisches Projekt. „Es ist für uns von großer Bedeutung, Zugang zum Markt der Europäischen Union zu bekommen“, sagte Firmenchefin Wang Feng Ying bei der Eröffnungszeremonie. Bis jetzt wurden mehr als 25 Mio. Euro in die Fabrik investiert. Im Endausbau soll diese Summe auf bis zu 80 Mio. Euro anwachsen.

In dem 500.000 Quadratmeter großen Werk werden in diesem Jahr zwar nur etwa 2000 Autos zusammengebaut. Bis zum Jahr 2015 soll die Fabrik aber bis zur endgültigen Kapazität von bis zu jährlich 70.000 Fahrzeugen hochgefahren werden. Die Wagen sollen nämlich nicht nur in Bulgarien, sondern auch in den Nachbarländer verkauft werden. Später könnten die Autos auch nach Westeuropa exportiert werden. Zumindest sieht das der Plan der Hersteller vor.

Derzeit arbeiten in der neuen Fabrikshalle jedoch nur gut 120 Mitarbeiter. Diese Zahl soll in den kommenden Jahren jedoch ebenfalls kräftig, und zwar auf 2000 Beschäftigte anwachsen. Momentan werden die Autos in Bulgarien allerdings nur zusammengebaut. Die Einzelteile müssen aus China importiert werden. Den Plänen der Projektentwickler zufolge sollen aber schon bald bulgarische Lieferanten für Einzelteile gefunden werden. „Das ganze Gebiet wird sich zu einer Autoproduktionsstätte entwickeln“, sagt der Geschäftsführer von Litex Motors, Ilija Tersiew.

 

Chinesisches Interesse wächst

Warum die Chinesen die Autos in Bulgarien bauen und nicht aus China importieren wollen, hat mehrere Gründe. So hat das Unternehmen aus dem Reich der Mitte vor allem Vorteile bei Einfuhrzöllen, wenn es innerhalb der EU fertigen lässt. Die Produktionskosten dürften zwar höher sein als in China, sind in Bulgarien aber immer noch am geringsten innerhalb der Europäischen Union. Zu guter Letzt hat der chinesische Hersteller kaum Risken, da die finanziellen Mittel vom bulgarischen Joint-Venture-Partner Litex stammen.

Beobachter erwarten, dass künftig auch andere chinesische Firmen ihre Produktion teilweise nach Europa verlagern könnten. Länder wie Bulgarien oder Rumänien wären wegen der niedrigen Löhne wohl die ersten Staaten, die Fabriken aus dem Fernen Osten anziehen würden. Der Direktor der bulgarischen Investitionsbehörde, Borislaw Stefanow, bestätigte der „Presse“, dass auch Delegationen anderer chinesischer Unternehmen das Land bereits besucht haben. „Wird die Autofabrik ein Erfolg, wird das auch andere Firmen anziehen“, sagte Stefanow.

Auf einen Blick

Great Wall hat als erster chinesischer Autokonzern ein Werk innerhalb der Europäischen Union eröffnet. In der bulgarischen Fabrik könnten im heurigen Jahr 2000 Autos vom Band rollen. Bis zum Jahr 2015 sollen die Kapazitäten auf 70.000 Fahrzeuge pro Jahr erweitert werden. Andere chinesische Konzerne könnten dem Beispiel von Great Wall folgen und ebenfalls Standorte in Bulgarien und Rumänien errichten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2012)

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6 Kommentare
Gast: Free Tibet
04.03.2012 11:39
0

Gleiche VR China Qualität wie die Autobahnen in PL

Die gierigen Genossen aus der Volksrepublik China wollten in Polen die Autobahnen bauen... Resultat??? KATASTROPHE!!! Nun erwartet das gleiche auch Bulgarien mit Quasiautos made in KP China.

Die Europäischen Autobauer

wie OPEL, PEUGEOT, RENAULT, oder FIAT aber auch die in Europa angesidelten Hersteller aus Japan, oder Korea wissen, dass sie ungefähr 10 Jahre (wenn nicht weniger) Zeit haben sich gegen die Konkurrenz aus China Made in EU zu wappnen.
Die Japaner brauchten 20 und die Koreaner nur noch 15 Jahre bis sie fähig waren konkurrenzfähige Autos in Europa anzubieten. Durch die Öffnung des Montagebetriebes in Bulgarien und durch den Kauf von VOLVO (und wahrscheinlich bald auch SAAB) durch Chinesische Firmen verkürzt sich diese Zeit wesentlich.

Gast: Proud2bPiefke
27.02.2012 10:27
0

War ja klar...

Das war nur eine Frage der Zeit. Chinesische Autos gehören m.E. zur Zukunft der europäischen Automarktes. Schauen wir uns nur die Vergangenheit der japanischen und südkoreanischen Autoindustrie an. Anfangs belächelt als billige Nachmache westlicher Produktionen (denkt nur mal an die alten Kias, Daewoos, Hyundais, Nissans, Mitsubishis, Toyotas) sind sie heute zu ernsthaften Konkurrenten geworden. Mit eigener Entwicklung, eigenem Charakter, eigenem Charme. Eben weil diese Firmen nach der Zeit des Beobachtens, Probierens, Nachmachens ihre eigene "Intelligenz"(Entwicklung) entwickelt haben. Die Chinesen werden es genauso tun, nur dass sie von den Erfahrungen anderer "Einsteiger" lernen können und mehr Kapital haben. Das ihre ersten Gehversuche in Europa gescheitert sind, ist für sie nicht schlimm, das haben sie sich gemerkt, daraus lernen sie nur und nächstes mal machen sie es besser. Das passiert so nicht nochmal. Denn selbst wenn man Chinesen vieles vorwerfen kann, eins kann man ihnen nicht vorwerfen: Das sie dumm wären.

Gast: luck2
26.02.2012 22:53
1

Schön für Bulgarien, aber Griechenland hätte Investitionen noch nötiger

Hätten die Griechen schon die abgewertete Drachme, hätten die Chinesen möglicherweise in Griechenland produziert.

Re: Schön für Bulgarien, aber Griechenland hätte Investitionen noch nötiger

Ich glaube nicht, daß die Griechen mit einem solchen Projekt Chancen hätten. Griechenland hat keine Industrietradition, die Griechen sind nicht besonders fleißig, aber dafür seeehr anspruchsvoll. Vor etwa acht Jahren habe ich in griechenland gearbeitet und von einem griechischen Geschäftsmann folgendes gehört "Die Bulgaren werden uns in 15 bis 20 Jahren überholen". Auf meine Bemerkung, daß ich so etwas nicht erleben werde, hat er geantwortet "Sie arbeiten mehr, ohne zu mucken".

Viel Glück

Alle ehemaligen Ostblockländer können solche Investitionen gebrauchen, sichern sie doch denen mehr Unabhängigkeit. Zudem bleiben die Arbeiter dann bei denen und den heimischen Zulieferbetrieben, die ja dann auch Arbeiter benötigen. Dass das Geld in die Kassen spült und aus Nehmerländern so Geberländer wreden, sei noch am Rande erwähnt.

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