Die Wirtschaft in den Ländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas entwickelt sich schwächer als noch vor wenigen Monaten erwartet wurde. Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) hat seine Wachstumsprognose für heuer und das kommende Jahr deutlich nach unten revidiert. Einerseits verlangsamt sich das globale Wachstum, "aber es ist vor allem der Einbruch der Eurozone, der das externe Umfeld der Länder Zentral-, Ost- und Südosteuropas besonders bestimmt", sagte WIIW-Direktor Michael Landesmann heute in Wien zur aktuellen WIIW-Prognose.
Wieder anziehen soll die Konjunktur ab dem kommenden Jahr - aber auch diese Prognose ist mit Vorsicht zu genießen. "Es wird irgendwann zu einer Erholung kommen", sagte Landesmann, aber dass das bereits 2013/14 sein wird, sei nicht allzu wörtlich zu nehmen. "Es kann sich durchaus über eine längere Periode strecken." Insgesamt soll die Wirtschaftsleistung der zehn jüngsten EU-Mitglieder in Osteuropa (NMS-10) heuer um 1,5 Prozent wachsen, 2013 soll sich das Wachstum dann auf 3,2 Prozent beschleunigen. Besonders auffällig ist nach Ansicht der WIIW-Experten eine Auseinanderentwicklung Europas, wobei sich Polen, Tschechien und die Slowakei (CE-3) von den einkommensschwächeren Ländern deutlich absetzen können.
Strukturschwache Länder fallen zurück
Einige Länder, die vor der Krise große wirtschaftliche Ungleichgewichte hatten (Rumänien, Bulgarien und die baltischen Staaten), konnten ihre Exporte steigern, während andere strukturschwache Volkswirtschaften (die Westbalkanländer sowie die südliche EU) dabei keinen Erfolg hatten. Diese zweite Ländergruppe werde auch im Prognosezeitraum 2012 bis 2014 weiter zurückbleiben, während es Polen, Tschechien und die Slowakei schaffen werden, "sich von dem Teufelskreis von niedrigem Wachstum, hoher Zinsbelastung und unhaltbarem Schuldenstand fernzuhalten", so die WIIW-Analyse.
Die WIIW-Ökonomen haben ihre Erwartungen für einige Länder deutlich nach unten geschraubt. Am besten sieht es noch für Polen aus, dessen BIP heuer um 3,0 Prozent und im kommenden Jahr um 4,1 Prozent zulegen soll. Ende November hatte die BIP-Prognose für Polen noch auf 3,3 Prozent für heuer gelautet. Deutlich weniger optimistisch ist auch die Einschätzung für die Slowakei, deren Wirtschaft heuer um 1,5 Prozent statt 2,1 Prozent zulegen soll.
Private Verschuldung nimmt zu
In den meisten Ländern habe es einen dramatischen Anstieg der privaten Verschuldung gegeben, sagte Landesmann, "weniger der öffentlichen Verschuldung". Der notwendige Schuldenabbau der Unternehmen und Haushalte beschränke die Investitionen, und dieser Effekt werde durch den schwachen Zustand des Bankensektors verstärkt. Dies dämpfe wiederum die Konsumausgaben und führe zu einem Rückgang der Beschäftigung und der Löhne, was in Folge zu niedrigeren Haushaltseinkommen und geringeren Erwartungen bei den Konsumausgaben sowie in der Folge zu hohen Zinsen führe. Dazu komme die meist restriktive Fiskalpolitik der Regierungen, weil es durch die steigenden Zinsen immer teurer werde, die öffentliche Verschuldung zu finanzieren.
Notleidende Kredite werden mehr
Die Situation des Finanzsektors in Mittel-, Ost- und Südosteuropa bleibt angespannt. "Wir sehen in vielen Ländern einen Anstieg von notleidenden Krediten", vor allem im Unternehmensbereich, sagte Landesmann. Die Zinssätze seien in einigen Ländern wie Bulgarien, Rumänien oder Ungarn mit etwa 10 Prozent relativ hoch, in der Slowakei sei die Zinsspanne eher niedrig, und "wir sehen eine relative Erholung von den höheren Zinssätzen im Baltikum".
Besonders in Südosteuropa und Russland hätten viele Banken ihre Bilanzpositionen seit Jänner 2008 zurückgefahren. "Das sind die österreichischen Banken, das sind die deutschen Banken, die das massiv betrieben haben und die Schweizer Banken", sagte Landesmann. Bei den italienischen Banken sei das nicht der Fall.
(APA)

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