Ausblick: Osteuropa hat die Euro-Krankheit

Die Erholung in den „neuen“ EU-Ländern lässt auf sich warten: Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche senkt ihre Wachstumsprognose für die Region erneut. Das größte Problem sei die Eurozone.

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(c) EPA (KARL-JOSEF HILDENBRAND)

Wien/hie. Die einstige Boomregion Zentral- und Osteuropa kommt aus ihrem Abwärtsstrudel nicht heraus. Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) senkt seine Wachstumsprognose für die Region deutlich – und das schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate. „Es wird irgendwann zu einer Erholung kommen. Aber das kann sich über eine längere Periode erstrecken“, sagte WIIW-Direktor Michael Landesmann am Donnerstag bei der Präsentation des Berichts.

Im November gingen die Analysten noch davon aus, dass die Wirtschaft der zehn EU-Mitglieder im Osten heuer um 2,4 Prozent zulegen werde. In der Juli-Prognose wurden sogar noch 3,7 Prozent vorhergesagt. Von solchen Zahlen kann heuer keine Rede mehr sein: Die Experten prognostizieren nur noch einen Zuwachs von 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Damit kann sich der Osten seinen traditionellen Vorsprung gegenüber dem Westen noch sichern: Die EU-Volkswirtschaften werden heuer (im Durchschnitt) überhaupt nicht wachsen, so die Zahlen der Kommission.

Das ist aber kein Grund zur Freude. Die jungen Marktwirtschaften im Osten brauchen diesen Vorsprung, um zu den westlichen Volkswirtschaften aufzuschließen. Dieser Aufholprozess gerät nun ins Stocken. „Wir sehen nur drei Länder, in denen es weniger Probleme gibt“, so Landesmann. Die Tschechische Republik, die Slowakei und Polen würden es schaffen, „sich von dem Teufelskreis von niedrigem Wachstum, hoher Zinsbelastung und unhaltbarem Schuldenstand fernzuhalten“. Polen verzeichnete bereits während der Krise 2009 als einziges EU-Land ein Wirtschaftswachstum.

Exportschwach und verschuldet

Diese drei und die baltischen Staaten dürften in den kommenden Jahren ein Wirtschaftswachstum von rund drei Prozent erreichen, so die Experten. Das ist zwar längst noch nicht das Vorkrisenniveau – aber mehr als in den Nachbarländern: Die übrigen „neuen“ EU-Mitglieder und die Westbalkanländer würden nur halb so stark wachsen. Die Türkei, Russland, die Ukraine und Kasachstan könnten mit Wachstumsraten von bis zu fünf Prozent rechnen.

Die schwächelnden Länder leiden zum einen unter dem Einbruch der Weltwirtschaft. Den „wirklichen Einbruch“ erwarten die Ökonomen aber in der Eurozone. Darüber hinaus sehen sie vor allem zwei Probleme: die Exportschwäche und die hohe Verschuldung des privaten Sektors (Unternehmen und Haushalte). Während Rumänien, Bulgarien und die baltischen Staaten ihre Ausfuhren verbesserten, blieben andere schwache Volkswirtschaften, wie die Westbalkanländer und die südlichen EU-Staaten, damit erfolglos.

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„Problematisch sind jene Länder, die auch in der Krise keine Anzeichen zeigen, sich über den Export zu erholen“, so Landesmann. Dazu zählen neben Ungarn und Slowenien auch die üblichen Verdächtigen an der südlichen Peripherie: Griechenland, Portugal, Spanien und Italien. Andere, wie zum Beispiel Lettland, Slowenien und Ungarn, ächzen vor allem unter ihren hohen Auslandsschulden. Das schwache Wachstum fordert auch auf dem Arbeitsmarkt seine Opfer: Die Jugend- und Landzeitarbeitslosigkeit ist in den zehn jüngsten EU-Staaten in der Krise stark gestiegen. Und die prognostizierten Wachstumsraten werden nicht reichen, um die Arbeitslosigkeit deutlich zu senken.

Auch die Finanzlage bleibt angespannt: „Wir sehen in vielen Ländern einen Anstieg von notleidenden Krediten. Die Schuldensituation ist prekär“, so Landesmann. In manchen Ländern, wie Bulgarien oder Ungarn, seien die Zinsen mit etwa zehn Prozent relativ hoch. Viele Banken hätten ihr Geschäft in Zentral- und Osteuropa zurückgefahren. Eine Ausnahme seien die österreichischen Institute: „Sie behalten ihre Position bei.“

Auf einen Blick

Das auf Osteuropa spezialisierte Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) senkt seine Wachstumsprognose für die zehn jüngsten EU-Länder von 2,4 auf 1,5 Prozent für 2012. Das größte Problem sei die Eurozone. Viele Länder litten auch unter der hohen Verschuldung des Privatsektors und ihrer Exportschwäche. Zudem sehen die Experten einen Anstieg der notleidenden Kredite. Die Schuldensituation sei prekär.

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