Aufsichtsrat: Welche westlichen Manager russischen Firmen auf die Finger schauen

Ausländer als Aufsichtsräte und Manager sind in Russland keine Seltenheit. Noch offenere als die Staatskonzerne sind die Privatunternehmen. Sie suchen und schätzen internationale Erfahrung. "Die Presse" bietet einen Überblick. Text von Eduard Steiner

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Neben Gerhard Schröder ist der begehrteste Ausländer Matthias Warnig. Der Ex-Stasimitarbeiter, der mit Putin seit dessen Petersburger Zeiten eng verbunden ist, zumal er die medizinische Behandlung von Putins Frau in Deutschland nach einem Unfall organisiert hatte, ist nicht nur Geschäftsführer der Ostsee-Pipelinegesellschaft Nord Stream AG, wo Schröder dem Aktionärsausschuss vorsitzt. Gerade Staatskonzerne greifen gern auf Warnig zurück.

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Neben Warnig gehören dem Aufsichtsrat von Rosneft übrigens auch BP-Chef Robert Dudley (im Bild), der Ex-Chef von BP Brazilia, Guillermo Quintero oder der Ex-CFO von Exxon, Donald Humphreys an

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Auch Ivan Glasenberg (im Bild), Chef des in der Schweiz beheimateten und nun mit Rosneft auch wirtschaftlich eng verbundenen Rohstoffhändlers Glencore, gehört zur erlauchten Runde. Dazu Faisal Alsuvaidi, Chef des wissenschaftlichen Forschungsinstituts der Qatar Foundation.

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Matthias Warnig indes sitzt noch in anderen Staatskonzernen ganz vorne. So seit 2011 als einziger Ausländer im Aufsichtsrat des Ölpipelinemonopolisten Transneft. Bis 2015 war Warnig dort sogar Direktoriumsratschef. Damit nicht genug ist er – gemeinsam mit Schachmar Movsumov, dem Chef des aserbaidschanischen staatlichen Ölfonds und Iv Tibo De Silgi, dem Ex-Chef des französischen Baukonzerns Vinci – im Aufsichtsrat von Russlands zweitgrößter und staatlicher Bank VTB. Aus dem Direktoriumsrat der Bank „Rossyia“, die vorwiegend in den Händen von Putins Datschennachbarn aus Petersburg liegt, ist Warnig 2015 ausgeschieden.

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Aber dem Direktoriumsrat von Rusal, dem weltweit größten Aluminiumproduzenten, sitzt Warnig immer noch vor – eingesetzt von Wladimir Putin, um den Rusal-Chef und einst reichsten Russen Oleg Deripaska zu kontrollieren. Im dortigen Direktoriumsrat sitzen übrigens auch der Österreicher Siegfried Wolf, Ex-Manager des Autozulieferers Magna International und Philip Lader, ehemals hochrangiger US-Diplomat und Ex-Berater von Morgan Stanley. Darüber hinaus noch der US-Manager Daniel Wolfe und abermals der Rohstoffhändler Ivan Glasenberg.

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Bei Gazprom fällt auf, dass der Konzern trotz seines massiven Auslandsgeschäftes mit Ausländern zurückhaltend ist. Nur einer – nämlich ein hochrangiger Vertreter aus Kasachstan – ist im Aufsichtsrat übriggeblieben. Zuvor hatte etwa Burckhard Bergmann, der Ex-Vorstandsvorsitzende der Eon Ruhrgas AG, die bis vor wenigen Jahren größter ausländischer Gazprom-Aktionär war, elf Jahre lang im Aufsichtsrat des halbstaatlichen russischen Gasriesen gesessen. Burkhard gehört heute dem Aufsichtsrat von Novatek, Gazproms inländischem Hauptkonkurrenten an. Und zwar gemeinsam mit zwei Top-Managern der Ölgesellschaft Total, die an Novatek beteiligt ist.

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Nicht nur bei den Energiegiganten sind Aufsichtsräte aus dem Westen vertreten. 2011 wurde Hartmut Mehdorn, Ex-Chef der Deutschen Bahn und von Air Berlin, als unabhängiger und derzeit einziger internationaler Vertreter in den Aufsichtsrat der staatlichen Russischen Eisenbahnen (RZhD) geholt. Premier Wladimir Putin selbst hat die Verfügung unterzeichnet. Mehdorn soll dem Auftrag nach Russlands weitaus größtes Unternehmen in Fragen internationaler Kooperationen beraten und dazu beitragen, ein gutes Image des Unternehmens bei den Partnern zu formen.

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Bei Russlands größter und staatlicher Bank Sberbank, die wohl vom westlichsten Chef eines russischen Staatskonzerns, nämlich vom Ex-Wirtschaftsminister Herman Gref geleitet wird, kontrollieren neben zahlreichen Russen Martin Grant Gilman, einstiger Ökonom bei der OECD und beim Internationalen Währungsfonds und der ehemalige finnische Premier und Vizepräsident von Nokia, Esko Tapani Aho (im Bild), die Tätigkeit des Unternehmens. Mit dabei auch die Investitionsberaterin Nadia Wells.

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Im Aufsichtsrat des zweitgrößten und wohlgemerkt privaten Ölkonzerns Lukoil sitzt Roger Munnings, früher Mitglied im International Council von KPMG und nun Chef der russische-britischen Handelskammer und zusätzlich unabhängiger Aufsichtsrat bei AFK Sistema. Auch bei Lukoil im Aufsichtsrat findet sich Toby T. Gati, Literaturwissenschaftlerin und Beraterin von Bill Clinton und heute Mitglied des amerikanisch-russischen Wirtschaftsrates. Ebenso Ivan Pictet (im Bild), ein Grandseigneur des Schweizer Private Banking und Richard Matzke, lange bei Chevron, dann bei PetroChina Company Limited und Berater in der US-russischen Handelskammer.

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Russische Privatkonzerne suchen und schätzen internationale Erfahrung. Russlands größte Privatbank, Alfa-Bank, hat sich etwa den tschechischen Banker und Ex-Vizechef von General Electric Consumer Finance, Petr Smida, als Aufsichtsratschef geholt. Ihm zur Seite steht der Südafrikaner Andrew Bexter, zuvor Manager in der SUN Group und Oskar Hartmann (im Bild), gebürtiger Deutscher und heute einer der erfolgreichsten E-Commerce-Unternehmer in Russland. Dazu die Russen Alexey Marey bzw. Andrey Elinson, der 2011 vom Weltwirtschaftsforum zu einem Young Global Leader ernannt wurde.

Die X5 Group, Russlands größter Handelskonzern und Teil der Alfa Group, agiert wie die Alfa-Bank und hat sich den deutsch-amerikanischen Staatsbürger und Manager Stephan DuCharme als Aufsichtsratschef geholt. Ihm zur Seite stehen erfahrene Manager aus Polen, Großbritannien und Frankreich.

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Gerade in den moderneren Branchen wie Telekommunikation, die teilweise von alten Rohstoffmagnaten gegründet wurden, hat man sich im Westen umgesehen und Leute mit Know-how ins Management oder zumindest in den Aufsichtsrat geholt. Beim Mobilfunkkonzern Megafon sitzen zahlreiche Ausländer – vielfach aus nordischen Ländern. Der genannte Mischkonzern Sistema, zu dem der zweite große Telekommunikationsgigant MTS gehört, hat sich schon sehr früh Ron Sommer aus Deutschland (zuvor bei der Deutschen Telekom) geholt.

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Stark auf westliches Know-how – und zwar auffallend stark auf österreichisches – setzen übrigens die großen russischen Stahlkonzerne. Im Aufsichtsrat der Evraz Holding etwa sitzt Karl Gruber, vormals Vizepräsident der Voest Alpine. Im Aufsichtsrat des Stahlkochers NLMK sitzen gleich drei österreichische Top-Manager – Helmut Wieser, Chef von Amag, Voest-Urgestein Franz Struzl (im Bild) und Thomas Veraszto, Senior Adviser der Boston Consulting Group.

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