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Das Handy erobert die Dritte Welt

11.02.2007 | 21:14 |  PETER MARTOS UND HEDI SCHNEID (Die Presse)

Tele-Kommunikation: Pro Monat kaufen sich sechs Millionen Chinesen ihr erstes Handy.

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WIEN/BARCELONA. Eine Billion SMS wurden 2006 rund um den Globus verschickt – 1.000.000.000.000 (!) mal drückten Menschen irgendwo auf der Welt eine Kurznachricht in die Tasten ihres Handys. 67 Prozent der Umsätze erzielen die Handy-Betreiber mittlerweile mit den Kurznachrichten. Und der Siegeszug der SMS, der Netzbetreibern 40 Mrd. Dollar (30 Mrd. Euro) Einnahmen bringt, ist noch lange nicht zu Ende, prognostiziert das Marktforschungsinstitut Gartner. 2010 sollen 2,3 Billionen SMS verschickt werden.

Was einmal fürs Telefonieren gedacht war, dient mittlerweile dank der der sogenannten dritten Generation 3G (UMTS, HSDPA) als Fotoapparat, Spielkonsole, Musikplayer, Fernsehapparat. Dank der riesigen Datenmengen, die übertragen werden können, kann man per Handy Videofilme ansehen, E-Mail versenden und im Internet surfen. Laut dem Marktforscher Informa wird sich der Umsatz mit mobiler Unterhaltung, der im Vorjahr bei 18,8 Mrd. Dollar lag, bis ins Jahr 2011 mehr als verdoppeln.


Hoffnung auf Musik-Downloads

Und nach wie vor ist die Branche auf der Suche nach einer neuen „Killer-Applikation“. Einem Zusatznutzen für Handybenutzer, der die Kassen springen lässt wie bei den SMS. Bei der heute, Montag, beginnenden weltgrößten Handymesse „3GSM World Congress“ in Barcelona werden sich die Handy-Hersteller wieder mit Weltneuheiten überbieten.

Die Handy-Kamera dürfte der Hit des Jahres sein. Mittlerweile sind Geräte auf dem Markt, die gestochen scharfe Bilder garantieren. Geräte mit zwei, drei Megapixel. Mehr als eine halbe Milliarde Menschen – immerhin ein Fünftel der 2,6 Mrd. Handy-Kunden weltweit – haben laut Marktführer Nokia ein Kamera-Handy. Neben der Kamera dominieren die Musik-Downloads den mobilen Unterhaltungsmarkt. Für Privat- und Geschäftskunden gleichermaßen sind E-Mail und Internet eine wichtige Anwendung, sind Experten überzeugt.

Die Zukunft – mit Videos und vor allem mobilem TV – hat schon längst begonnen. Glaubt zumindest die Industrie, die schon im Vorjahr in Barcelona Mobile TV groß lanciert hat. Aber die Konsumenten wollen auf die spöttisch als „Mäusekino“ bezeichnete Anwendung noch nicht so recht aufspringen. Rene Obermann, inzwischen bei der Deutschen Telekom vom T-Mobile- zum Konzernboss aufgestiegen, warnte im vergangenen Jahr vor einem Hype: Es werde noch mehrere Jahre dauern, bis Fernsehen über Handy ein Massenphänomen werde.


Handy-TV vorerst ohne Erfolg

Eine Meinung, die etwa auch Todd Miller von Sony Pictures Television vertritt. Bad News für die Branche, die bei der Fußball-WM 2006 in Deutschland eine eher flaue Generalprobe erlebte. Sie setzt nun darauf, dass Millionen Handynutzer die Olympischen Spiele in Peking 2008 mitverfolgen werden.

Aber vielleicht ändert sich jetzt alles: Mit dem von Apple kürzlich vorgestellten iPhone, das auch in Barcelona im Mittelpunkt des Interesses steht. Alle großen Netzbetreiber von Vodafone über T-Mobile bis Telefónica wollen es vermarkten. Das „All inclusive“-Gerät mit einem Touchscreen statt Tasten kombiniert einen iPod mit einem Handy und einem Minicomputer und einem Blackberry und einer Kamera. Und das ist bei Leibe noch nicht alles.


1,6 Mrd. verkaufte Handys

In Europa, Japan und Nordamerika können Handys zwar immer mehr, sie werden aber kaum noch mehr. Denn die Märkte sind längst gesättigt. Trotzdem werden am Ende des Jahres drei Milliarden Menschen mobil telefonieren. In drei Jahren werden es laut Marktforscher iSuppli vier Milliarden sein.

Die Zahl der jährlichen Handyverkäufe soll von derzeit 960 Millionen auf 1,6 Milliarden steigen. Und dabei gerät die Industriewelt immer mehr ins Hintertreffen. In Europa wird der Handymarkt nur deshalb um zwölf Prozent wachsen, weil es im Osten des Kontinents noch einen Aufholbedarf gibt. Die großen Kunden-Zuwächse werden längst ganz wo anders verzeichnet.

Allein in China kommen pro Monat rund sechs Millionen neue Handy-Kunden hinzu. China ist mit 450 Mio. Handy-Besitzern längst der größte Markt der Welt. Mit ebensolchen Zuwachsraten kann Indien aufwarten, das erst 140 Mio. Kunden hat. Experten rechnen, dass bis 2010 fast doppelt so viele Inder ein Handy besitzen werden. Die größten Wachstumsraten für die Handy-Industrie gibt es jedoch in Afrika. Dort verdoppelt sich die Zahl der Handy-Kunden alle zwei Jahre. Etwa 166 Millionen Afrikaner sind bereits mit dem Statussymbol Handy ausgestattet.


Handys um 20 Dollar

Erst vor wenigen Tagen gab Sony Ericsson bekannt, billige Handys für diese Schwellenländer produzieren zu wollen. Der viertgrößte Handy-Produzent der Welt hatte sich bisher ausschließlich auf teure Geräte konzentriert. Branchen-Experten glauben, dass in fünf Jahren jedes vierte Handy weniger als 20 Dollar kosten wird.

EINE BILLION SMS

Zwei Drittel ihres Umsatzes machen die Handynetz-Betreiber mittlerweile mit SMS. Knapp eine Billion Kurznachrichten wurden im vergangenen Jahr verschickt.

Das Wachstum auf dem internationalen Handymarkt findet vor allem in den Schwellenländern und in der Dritten Welt statt. Jeder fünft Handy-Kunde kommt aus China.

In Afrika verdoppelt sich alle zwei Jahre die Zahl der Handy-Besitzer. Auch Indien erlebt einen Boom.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2007)

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