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Arbeitsmarkt: „Ihr seid's doch selbstbewusste Leute“

16.02.2007 | 21:06 | BEATE LAMMER (Die Presse)

Herbert Buchinger, Chef des Arbeitsmarktservice (AMS), lieferte sich mit Arbeitslosen eine heiße Diskussion.

Wien. Der kleine Saal im „Laudonstüberl“ in Wien-Josefstadt ist voll, als Herbert Buchinger mit halbstündiger Verspätung endlich eintrifft. Etwa 50 Zuhörer sind der Einladung des Arbeitslosen-Vereins „Zum alten Eisen“ gefolgt, um bei Apfelsaft gespritzt und Zigaretten mit dem AMS-Chef zu diskutieren. „Ich habe eine sehr, sehr dicke Haut“, kündigt Buchinger an. Die braucht er an diesem Abend auch.

„Der hat ja keine Ahnung“, zischt eine Zuhörerin ihrem Sitznachbarn zu. Etwa, als Buchinger nicht weiß, dass bei der geplanten Grundsicherung von 726 Euro im Monat noch vier Prozent Krankenversicherungsbeitrag abgezogen werden. Das Publikum ist gut informiert. Wer dem AMS-Chef seine Geschichte erzählt, liefert die rechtliche Bewertung gleich mit: „Der Verwaltungsgerichtshof hat entschieden, dass Sperren unzulässig sind, wenn man die Arbeit bei einem gemeinnützigen Arbeitskräfteüberlasser verweigert“, belehrt ein arbeitsloser Drucker den AMS-Chef. Dann wird er emotional: „Ich leide an Depressionen“, erzählt er.


Warten auf Invaliditätspension

Doch obwohl dies dem AMS bekannt sei, schicke man ihn zu Kursen und gemeinnützigen Arbeitskräfteüberlassern. „Schikane“, mutmaßt er und hadert mit dem Schicksal. Fast wäre er in Frühpension gegangen. Aber dann wurden die Gesetze verschärft. Jetzt bekomme er weder eine Pension noch einen Job. Buchinger: „Die Ärzte der Pensionsversicherungsanstalt haben halt festgestellt, dass Sie arbeitsfähig sind.“ Der AMS-Chef bekundet Verständnis für die Situation des Mittfünfzigers. Er rät: „Stellen Sie eben noch einen Antrag auf Invaliditätspension, vielleicht geht der durch.“

„Zum alten Eisen“ gehören überwiegend Männer um die 50. Früher waren sie im kaufmännischen Bereich tätig. Techniker, die nicht an den Fachkräftemangel glauben, und nicht verstehen, warum sie keiner mehr haben will. Akademiker, die „als alte Hasen in Kurse geschickt werden, wo sie selbst besser Bescheid wissen als der Trainer“. „Wie ist das zu rechtfertigen, dass ich einen Betriebswirtschaftskurs belegen muss?“, will ein arbeitsloser Betriebswirt wissen. In der Höhle des Löwen bewahrt Buchinger Ruhe: „Das Kalkül hinter solchen Kursen ist, dass die Leute sich aktiv bewerben, nicht resignieren und nicht zu wählerisch bei der Jobsuche sind.“ Dabei werden zusätzlich auch Englisch- und Wirtschaftskenntnisse vermittelt, meint Buchinger.


„Tausend Fehler zu viel“

Natürlich passiere hin und wieder ein Fehler bei der Zuweisung, gesteht Buchinger. „Tausende Fehler“, kontern die Arbeitslosen. „Tausend Fehler bei 280.000 Leuten“, relativiert Buchinger. „Freilich um tausend Fälle zu viel.“ Doch im Nachhinein schimpfen sei zu wenig. „Ihr seid's doch selbstbewusste Leute, ihr könnt's doch mit den Beratern reden“, meint der AMS-Chef.

Er verspricht, dass das AMS bei den Kursen weniger auf Quantität als auf Qualität setzen wird. Und die verschärften Zumutbarkeitsbestimmungen „würden nicht so heiß gegessen“. Ohne Zustimmung der Sozialpartner gehe ohnehin nichts ...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.02.2007)


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