Mit 21 Jahren hatte er nichts zu verlieren. Per Autostopp machte sich der Inder Rakesh Sardana auf den Weg, um der Armut zu entfliehen. Er landete 1975 in Wien. Hier ging ihm endgültig das Geld aus. Seinen Plan, nach Kanada auszuwandern, musste er aufgeben. Stattdessen klapperte er nächtens den Wiener Prater und Lokale mit seinem Bauchladen ab und verkaufte Seidenschals.
So hielt er sich über Wasser. Hatte einen Rucksack und selten eine Wohnung. Und als Heizung diente ihm ein Haarfön. Doch Rakesh Sardana war ein guter Geschäftsmann. Und als er eines Tages erfuhr, dass die Stadt Wien auf dem Rathausplatz zur Vorweihnachtszeit ein paar Hütten aufstellte, tauschte er eine davon gegen seinen Bauchladen. Mit dem Stand auf dem Christkindlmarkt begann sein Aufstieg. Heute hat er in der Wiener City Souvenirshops und ist einer der größten Shopbetreiber im Wiener Flughafen. Auch auf den Airports in New York und Boston hat er Mode- und Souvenirshops. Voriges Jahr setzte er nach eigenen Angaben 40 Millionen Euro um. Sardana beschäftigt 250 Mitarbeiter.
Ob die Geschichte vom indischen Jungen, der mit Fleiß und Mut die Welt erobert, ein glückliches Ende nimmt, ist mehr als ungewiss. Denn seit Monaten liegt Sardana mit dem Flughafen Wien im Clinch. Was heißt Clinch? Die Auseinandersetzung hat sich zu einem wahren Bodenkampf ausgeweitet, bei dem sich die beiden Seiten in aller Öffentlichkeit attackieren. Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen die früheren Flughafen-Vorstände. Und gegen Sardana gibt es zwei Insolvenzanträge. Nachdem vor wenigen Wochen der Flughafen einen Konkursantrag gestellt hat, tat dies nun auch die Niederösterreichische Gebietskrankenkasse.
Laut Flughafen hat Sardana für seine Shops keine Miete bezahlt und nicht wie vertraglich vereinbart die Flächen ausgebaut. Im neuen Terminal Check-in 3 (Skylink) stehen seine Shops noch leer, in den alten Shops seien die Regale nur spärlich gefüllt.
Dem entgegnet ein Sprecher des indischen Selfmademan: Der Flughafen schikaniere Sardana seit Jahren. So habe man ihn bei Geschäftspartnern angeschwärzt, ihn vorübergehend am Betreten des neuen Terminals gehindert. Der Gipfel der Kampagne gegen den Shopbetreiber sei eine Bespitzelung durch einen Privatdetektiv gewesen. Diese Aktion ist mittlerweile Teil gerichtlicher Untersuchungen.
Hochegger als Mann fürs Grobe
Demnach sollen die früheren Flughafen-Vorstände den Unternehmensberater Peter Hochegger beauftragt haben, sich der Sache Sardana anzunehmen. „Ziel war es damals, dich als unliebsamen Geschäftspartner loszuwerden“, zitiert Sardana nun einen Brief, den er im März von Hochegger erhalten hat. Hochegger, gegen den im Zusammenhang mit der Buwog-Affäre ermittelt wird, war auch für den Flughafen der Mann für spezielle Aufträge.
Im Zuge der Kampagne gegen den „unliebsamen“ Sardana sei schließlich ein Wiener Privatdetektiv auf ihn und seine Familie angesetzt worden. Auch Sardanas minderjährige Kinder seien von dem Privatdetektiv überwacht worden, heißt es in dem Ermittlungsakt der Staatsanwaltschaft Korneuburg. Der Detektiv wurde vom Wiener Rechtsanwalt Gabriel Lansky beauftragt. Er vertritt nicht nur den ehemaligen Vorstand Herbert Kaufmann, sondern steht auch mit dem nunmehrigen Flughafen-Vorstand Julian Jäger in einem Naheverhältnis. Jäger teilte dies im April in einem Schreiben der Staatsanwaltschaft mit: „Herr Mag. Jäger weist der guten Ordnung halber auch noch darauf hin, dass es sich bei [...] Dr. Lansky um seinen Schwager handelt.“
Anfang Juli wird über die Insolvenzanträge gegen die Gesellschaften von Rakesh Sardana entschieden. „Meine auf dem Flughafen tätigen Gesellschaften Artifacts, Saveria und Striberny sind liquide“, teilte er am Sonntag per Aussendung mit. Sardana kämpft um seine Existenz. Das tut er seit frühester Kindheit.
Rakesh Sardana ist auf dem Wiener Flughafen der größte Shopbetreiber. Flughafen und NÖ Gebietskrankenkasse stellten Insolvenzanträge. Sardana bestreitet, zahlungsunfähig zu sein. Der Flughafen wolle ihn loswerden und scheute nicht davor zurück, ihn von einem Detektiv observieren zu lassen, behauptet er. [b&o]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2012)
Städte-RankingWo die meisten Superreichen leben
KreativDie Welt der Werbung
Cash-KaiserDiese Firmen horten am meisten Bargeld
''Plagiarius''Dreisteste Fälschungen ausgezeichnet

