19.05.2013 01:40 Merkliste 0

Gegen die Willkür des Finanzamts

27.06.2012 | 18:28 |  CHRISTIAN HÖLLER (Die Presse)

Die Steuerbehörden haben sich zu einem Risikofaktor entwickelt. Viele Firmen klagen über jahrelange Verfahren und willkürliche Auslegungen. Zu viele Gesetze und Paragrafen verkomplizieren das Steuerrecht.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Wien. In Österreich dauern Steuerverfahren viel zu lange. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die der Wirtschaftsprüfer Deloitte durchgeführt hat und die der „Presse“ vorab vorliegt. Befragt wurden über 1300 Firmen – meist international tätige Konzerne – in 24 Ländern in Europa sowie in Afrika und dem Nahen Osten. 43 Prozent der österreichischen Unternehmen kritisierten, dass sich Steuerverfahren hierzulande länger als zwei Jahre hinziehen. Zum Vergleich: In Tschechien ärgerten sich nur zehn Prozent der befragten Firmen über ein langes Steuerverfahren, in der Slowakei sind es 15 Prozent – und in der Schweiz 20 Prozent. „Hier besteht Handlungsbedarf. Wir haben in Österreich auch Fälle, bei denen Steuerverfahren drei bis vier Jahre dauern“, sagt Herbert Kovar, Geschäftsführer von Deloitte-Österreich.

Bei der Umfrage ging es nicht um die Höhe der Steuersätze, sondern darum, wie der Fiskus mit Firmen umgeht. Zu viele Gesetze und Paragrafen machen das österreichische Steuerrecht zu einer hoch komplexen Wissenschaft. Kein Unternehmen kommt ohne Steuerberater aus. „Trotz der vielen Regeln gibt es immer noch großen Interpretationsspielraum“, so Kovar.

Es sei nicht ungewöhnlich, dass Finanzämter bei der gleichen Transaktion zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen. Mehr als 40 Prozent der von Deloitte in Österreich befragten Firmen erklärten, dass es seitens der Finanzverwaltung an ausreichender Rechtssicherheit in Steuersachen mangle und dadurch der Geschäftsbetrieb negativ beeinflusst oder sogar geschädigt werde.

 

Umstellung führt zu längeren Wartezeiten

Schlecht schneidet Österreich im internationalen Umfeld insbesondere beim sogenannten „Steuerruling“ ab. Dabei handelt es sich um ein Verfahren, bei dem Konzerne mit dem Finanzamt im Voraus die Steuerfolgen einer geplanten Transaktion klären können.

Eine international tätige Firma will in Österreich beispielsweise ein Werk errichten, doch die dort hergestellten Produkte werden meist in anderen Ländern verkauft. Auch die Handelstochter befindet sich im Ausland. Über das Steuerruling kann die Firma vor dem Bau des Werks wichtige Fragen wie die steuerliche Bemessungsgrundlage klären. „Auch hier dauern die Verfahren viel zu lang“, so Kovar. Ein Grund dafür könnte sein, dass sich durch eine im Vorjahr vorgenommene Umstellung die Wartezeiten noch verlängert haben.

Früher wurde das Steuerruling vom zuständigen Finanzamt des Gebietes, in dem sich eine Firma niederlassen will, bearbeitet. Meist erhielt man innerhalb von zwei Monaten eine Antwort. Seit Anfang 2011 gibt es ein zentrales, in ganz Österreich tätiges Team, das für Steuerruling zuständig ist. „Doch das Team besteht nur aus einer Handvoll Leuten“, klagt der Deloitte-Geschäftsführer. Es dauert dann oft ein Jahr, bis eine Firma Auskunft bekommt. „Viele Unternehmen sagen dann, unter diesen Umständen lassen wir es lieber – und gehen in ein anderes Land“, so Kovar.

 

Wird zu viel Personal eingespart?

Seiner Einschätzung nach seien in der Finanz zu wenig Personalressourcen vorhanden. Laut Kovar werde hier in Österreich am falschen Platz gespart. Denn insbesondere ein schnell und effizient funktionierendes Rulingsystem sei ein wesentliches Kriterium bei der Entscheidung für einen Wirtschaftsstandort: „Es wäre wirklich bedauerlich, wenn sich Unternehmen aufgrund der langen Wartezeiten gegen den Wirtschaftsstandort Österreich entscheiden.“

Die Firma sollte sich beim Steuerruling außerdem auf die Auskunft des Finanzamts verlassen können. Laut Kovar kommt es aber immer öfter vor, dass die Finanz nach einer Betriebsprüfung zu einer anderen Einschätzung kommt als beim Steuerruling. Teure Nachzahlungen an den Fiskus sind die Folge. Daher kommen mehr als 40 Prozent der von Deloitte in Österreich befragten Firmen zur Einschätzung, dass es hier an Rechtssicherheit mangle.

Auf einen Blick

Herbert Kovar ist Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und Partner bei Deloitte-Österreich. Seine Schwerpunkte liegen auf internationaler und innerstaatlicher Steuerplanung österreichischer und multinationaler Konzerne, Tax Due Diligence sowie der steuerlichen Optimierung von Vermögens- und Unternehmensnachfolge. Zuvor war er Universitätsassistent in Wien. [Florian Rainer]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Mehr auf DiePresse.com

11 Kommentare
Gast: Trautmann
28.06.2012 15:15
1 0

Einfach zum Nachdenken...

Verfahren die über 2 Jahre dauern sind wohl zumeist Berufungsverfahren aufgrund einer Betriebsprüfung. Wird so ein Verfahren bis zu den Unabhängigen Finanzsenaten "hochgejagt" dann sind das 3 Stufen.
1. Betriebsprüfung und Festsetzung
2. Berufung u. Berufungsvorentscheidung
3. Berufung u. UFS-Entscheidung
Alleine schon die gesetzlich vorgeschriebenen Vorladungs- und Rechtsmittelfristen in einem solchen Verfahren betragen mindesten 6 Monate.
Wird ein Zeuge geladen, werden schriftliche Rechtfertigungen verlangt, gibt es Einvernahmen, Vorhalte, etc... kommen immer Monatsfirsten zu tragen die eingehalten werden müssen und allein schon dadurch Verfahren verlängern.

Warum gibt es diese Fristen. Weil Österreich entgegen der ungeheuerlichen Behauptung weiter unten ein Rechtsstaat ist, wo es Grundprinzipien wie Parteiengehör, das Recht auf Vorbereitungszeit, Überraschungsverbot, etc... gibt.

Denkt man sich nun mal durch wieviel Zeit alleine schon durch die o.a. Punkte vergeht, wundert es kaum noch das Verfahren länger dauern...

Re: Einfach zum Nachdenken...

Rechtsstaat am Papier vielleicht

Ich habe es am eigenen Leib erlebt wie das FA Zahlungen (>80k) einfach 'falsch' verbucht hatte etc. etc.

Das ist KEINE Leistung die Hand aufzuhalten und selbst NIX zusammenbringen ...

Antworten Antworten Gast: Trautmann
29.06.2012 14:46
0 0

Re: Re: Einfach zum Nachdenken...

Wieso bloß am Papier. Sollten seitens der Finanz diese Fristen nicht eingehalten werden, nutzen dies die Stb. sofort um das Verfahren auszuhebeln. Alleine schon deswegen können sie die Fristen als Faktum ansehen.

Ihr Beispiel hat nur bedingt mit den Durchlaufszeiten zu tun.

Sind sie jemand der in der Fehlerquote beim Finanzamt hineinfällt. Ein paar Gedanken zu dieser

Bedenken Sie alleine die Umsatzsteuervoranmeldungen der rund 1,5 Mio Unternehmen(er) in Österreich verursachen 18 Mio Buchungen im Jahr. Andere Steuerarten verursachen ebenso ähnlich hohe Buchungsmengen: Lst, DB, DZ, Est, Köst, Kammerumlage, etc...
Wir reden hier sicher von weit über 100 Mio Buchungen.
Die Fehlerquote wird ähnlich wie bei den Banken im Promillebereich liegen.
Für den Einzelnen ist ein Fehler immer ärgerlich aber bei der Masse sind Fehler wohl nie ganz auszuschließen.

0 0

Griechenland wäre wohl netter

In Griechenland beschwert sich wohl niemand über zu lange Verfahren beim Finanzamt. Da gibt es wohl erst keine.

Ein einfaches Steuerrecht würde aber auch Ungerechtigkeit bedeuten. Die vielen Ausnahmen sind eben da um spezielle Situationen zu berücksichtigen. Einerseits regen sich immer alle auf, dass alles so stur gemacht wird und wenn das nicht passiert, dann ist es auch nicht recht.

Ja, man braucht halt einen Steuerberater wenn man selbst nicht im Finanzamt anrufen will.

Gast: RA
28.06.2012 12:15
2 0

Das Problem ist,

dass Österreich kein richtiger Rechtsstaat ist.

Gast: HelleOlga
28.06.2012 10:36
2 0

Gibt es bei den Beamten irgendwelche Stellen

welche gut, zügig und ordentlich arbeiten ?

Bei der Justiz und beim Finanzamt sicher nicht.
Bei der SV auch nicht, etc...

Beamtenwitz mit leider viel Wahrheit:

Wie geht das Beamten-Mikado?
Der erste, der sich bewegt, hat verloren.

Gast: Bärenfalle...
27.06.2012 20:57
7 0

Tja, die Kernaufgaben eines Staates:

Österreich erhält die Noten:

Äußere Sicherheit: 5 (seit jeher)
Innere Sicherheit: 3-
Rechtssicherheit: 3-

Tja, fragt man sich so langsam wofür man noch Steuern zahlt.

0 1

Innere Sicherheit: 3-

wenn das ihre Auffassung ist sollten sie sich schnell in ein AAA+ Land bewegen. Österreich ist ja soooo unsicher. Schwachkopf.

Äussere Sicherheit????? Welche Kolonien solte Österreich denn noch beschützen?

Bleibens bei Österreich da werden unqualifizierte Post noch ernst genoomen

Re: Innere Sicherheit: 3-

Pfosten können eben nicht erkennen dass es bergab geht ...

Bin mir sicher so mancher Pfosten hier ist ein solcher Schwachkopf aus einem Amterl ...

0 0

Re: Innere Sicherheit: 3-

Tja bevor die Sozialisten Phase 2 ihren nächsten Meilenstein erreicht haben, hatte Österreich noch AAA.

jaja

das finanzamt. eine beliebte institution. leider auch eine, die ihre kompetenzen gerne überschreitet. damit meine ich nicht lange verfahren gegen einzelne firmen, sondern abkommen mit diversen unternehmen, dass sie nicht geprüft werden, um weiterhin die angestellten (oops, eigentlich freie dienstnehmer) ausquetschen zu können.

Hobbyökonom