Wien. Christian Daniliuc ist die Art von Lehrling, die sich wohl jeder Betrieb wünscht. Als er ein paar Minuten zu spät zum Interviewtermin kommt – der Maturakurs hat länger gedauert –, ruft er an und entschuldigt sich höflich. Auftreten und Wortwahl sind gepflegt, wie es unter Jungen nicht selbstverständlich ist. Bis vor Kurzem war Daniliuc noch im Gymnasium. „Aber dann hat mein Zeugnis nicht so gut ausgeschaut, und ich habe mich für die Kochlehre entschieden“, sagt der 16-Jährige.
Eine Entscheidung, die zunächst einmal Theorie blieb. Denn beim Arbeitsmarktservice (AMS) hatte man keine Lehrstelle für ihn. Obwohl bei Köchen auf einen Anwärter schon einmal vier Lehrstellen kommen, hieß es für Daniliuc erst einmal abwarten – und bewerben. Aber wer in Österreich eine Ausbildung machen möchte, der kann das auch. Die „Ausbildungsgarantie“ verspricht jedem Jugendlichen einen Ausbildungsplatz. Daniliuc lernte also zuerst in einer überbetrieblichen Lehrwerkstatt des AMS, bei „Jugend am Werk“. Das ist zwar teuer – fast 12.000 Euro kostet das den Staat pro Kopf und Jahr – aber niemand muss Daumen drehen. Erfolgsgarantie ist das aber keine: Nur jeder zweite Jugendliche schafft den Sprung in einen „echten“ Betrieb.
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Die Lehre als Rutsche in den Job
Die Lehre, im Fachjargon „Duale Ausbildung“, ist einer der Gründe, warum die Jugendarbeitslosigkeit in Österreich nur neun Prozent beträgt, während im EU-Schnitt 22 Prozent der unter 25-Jährigen keinen Job haben. Ein vergleichbares Ausbildungssystem gibt es nur in Deutschland und der Schweiz. „Jugendliche finden so schnell einen Einstieg in den Arbeitsmarkt. Das ist in anderen Ländern viel schwieriger“, sagt Oliver Stettes vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln. Das „verschulte“ Spanien etwa hat so zwar eine der höchsten Akademikerquoten der EU, aber 52 Prozent junge Arbeitslose. Auch, weil der rigide Kündigungsschutz eine hohe Hürde für den Eintritt in den Arbeitsmarkt ist. Die Jugendarbeitslosigkeit ist fast überall mindestens doppelt so hoch wie die allgemeine. Es ist nun einmal leichter, einen Job zu behalten, als einen zu finden.
Wer mit 50 seinen Arbeitsplatz verliert, hat es aber mindestens genauso schwer. Die Beschäftigungsquote von Menschen zwischen 55 und 64 Jahren lag im Vorjahr nur knapp über 40 Prozent. Das liegt auch daran, dass der durchschnittliche Österreicher mit 58 Jahren in Pension geht. Kritiker bemängeln, dass die Arbeitslosigkeit so künstlich niedrig gehalten wird. Aber auch Unternehmen scheuen sich oft, Ältere einzustellen. Der strikte Kündigungsschutz für Ältere ist da ein großes Hindernis.
Alfred Rag hat es trotzdem geschafft. Mit 58 Jahren ist er noch „ziemlich rüstig“, wie der gelernte Elektriker erzählt. Vor seinem jetzigen Job als Haustechniker bei der Möbelkette Leiner hat er 13 Jahre lang in einem Seniorenheim gearbeitet. Aber das Verhältnis mit den Kollegen wurde schlechter, irgendwann konnte er nicht mehr. Rag war bereits 57, als das Dienstverhältnis einvernehmlich aufgelöst wurde. Viele hätten an seiner Stelle nur noch auf den Ruhestand gewartet. Aber Rag wollte arbeiten. „Ich habe 30 bis 40 Absagen bekommen. Wenn Firmen das Alter sehen, glauben sie oft, man ist schon pflegebedürftig.“ Sein jetziger Arbeitgeber nicht. Die öffentliche Hand hat ihn drei Monate lang mit einer finanziellen „Eingliederungshilfe“ unterstützt. Zwei Jahre will Rag noch arbeiten, vielleicht auch länger. Defizite wegen seines Alters? „Im Gegenteil. Die wundern sich, was ich alles kann.“
Nur Korea liegt vor Österreich
Rag ist da eher die Ausnahme. „Die Beschäftigung von Älteren ist in Österreich gestiegen, aber im internationalen Vergleich sind wir diesbezüglich immer noch kein Vorzeigeland“, sagt Helmut Hofer, Arbeitsmarktexperte am Wiener Institut für Höhere Studien. Betrachtet man die Entwicklung auf dem gesamten Arbeitsmarkt, sieht das anders aus. Österreich hat die niedrigste Arbeitslosenquote der EU und auch von den anderen Industrieländern der Welt liegt nur Südkorea vor Österreich (mit 3,4 Prozent). Das ist natürlich auch eine Frage der Statistik: Schulungen schönen diese genauso wie das niedrige Pensionsantrittsalter. Aber per definitionem – ein Dreier vor dem Komma – herrscht in Österreich Vollbeschäftigung. Deshalb interessieren sich seit der Krise EU-Beamte und Forscher genauso für das Wiener Rezept wie internationale Medien. „Meistens werde ich gefragt, warum der Bereich Jugend so gut funktioniert“, so AMS-Vorstand Johannes Kopf (siehe Interview).
Eine Milliarde Euro vom Staat
In der Krise ist die Arbeitslosigkeit zwar gestiegen, aber weniger, als befürchtet. Dank Kurzarbeit, Überstunden- und Urlaubsabbau blieben Massenentlassungen aus. So konnten die Betriebe im Aufschwung schnell wieder loslegen. „Kurzarbeit ist gut, um kurze Strecken durchzutauchen“, sagt Kopf. Dafür brauche es aber eine solide Basis. „In Spanien zum Beispiel wäre das Unsinn. Die haben nämlich kein kurzes Auftragsloch, sondern ein strukturelles Problem. Es hat keinen Sinn, Leute fürs Nichtstun zu bezahlen, wenn ich nicht das Grundproblem löse.“
Die Grundstruktur ist in Österreich nicht das Problem. Österreich habe einen relativ flexiblen Arbeitsmarkt und – von den Älteren abgesehen – einen geringen Kündigungsschutz, sagt Hofer vom IHS. „Es hat sich nie Langzeitarbeitslosigkeit herausgebildet.“ Die Wirtschaft läuft gut, vergleichsweise auch in der Krise: Während in der Eurozone heuer Rezession herrscht, dürfte die österreichische Wirtschaft um 0,8 Prozent wachsen. Das liegt auch an der Nähe zu Deutschland. Zudem stützt der Staat den Arbeitsmarkt ordentlich: Das AMS hat jährlich rund eine Milliarde Euro für aktive Arbeitsmarktpolitik zur Verfügung.
Selbstständig statt arbeitslos
Das hat zum Beispiel Sibylle Bergler geholfen. Mit 55 Jahren sperrte sie wegen Schulden ihre Videotheken zu, Anstellung fand sie danach keine mehr. Bei „Visitas“, einem geförderten Betrieb des Roten Kreuzes, wurde sie für den Besuchsdienst bei Pflegebedürftigen ausgebildet, heute arbeitet sie als Bürokraft in einem Pensionistenheim. „So bin ich nicht zum Warten auf die Pension verurteilt.“
Bei Martin Muthenthaler war es umgekehrt: Er verabschiedete sich aus der Anstellung in die Selbstständigkeit. Wenn auch nicht ganz freiwillig. Muthenthaler fuhr viele Jahre Lastwagen für die Domäne Wachau. 2006 wurden Jobs abgebaut, auch seiner. Also baute er den elterlichen Betrieb um und wurde Winzer. Heute führen das Steirereck und das Le Loft im schicken Wiener Sofitel seine Weine. „Jetzt habe ich mein Glück selbst in der Hand“, sagt Muthenthaler.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)

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