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Österreich: Wo die Menschen auch in der Krise arbeiten

29.06.2012 | 18:45 |  JEANNINE HIERLÄNDER (Die Presse)

Die Geschichten von Christian Daniliuc, Alfred Rag, Sibylle Bergler und Martin Muthenthaler zeigen, warum Arbeitslosigkeit in diesem Land keine Endstation ist. Es der Beginn eines neuen Lebens.

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Wien. Christian Daniliuc ist die Art von Lehrling, die sich wohl jeder Betrieb wünscht. Als er ein paar Minuten zu spät zum Interviewtermin kommt – der Maturakurs hat länger gedauert –, ruft er an und entschuldigt sich höflich. Auftreten und Wortwahl sind gepflegt, wie es unter Jungen nicht selbstverständlich ist. Bis vor Kurzem war Daniliuc noch im Gymnasium. „Aber dann hat mein Zeugnis nicht so gut ausgeschaut, und ich habe mich für die Kochlehre entschieden“, sagt der 16-Jährige.

Eine Entscheidung, die zunächst einmal Theorie blieb. Denn beim Arbeitsmarktservice (AMS) hatte man keine Lehrstelle für ihn. Obwohl bei Köchen auf einen Anwärter schon einmal vier Lehrstellen kommen, hieß es für Daniliuc erst einmal abwarten – und bewerben. Aber wer in Österreich eine Ausbildung machen möchte, der kann das auch. Die „Ausbildungsgarantie“ verspricht jedem Jugendlichen einen Ausbildungsplatz. Daniliuc lernte also zuerst in einer überbetrieblichen Lehrwerkstatt des AMS, bei „Jugend am Werk“. Das ist zwar teuer – fast 12.000 Euro kostet das den Staat pro Kopf und Jahr – aber niemand muss Daumen drehen. Erfolgsgarantie ist das aber keine: Nur jeder zweite Jugendliche schafft den Sprung in einen „echten“ Betrieb.

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Daniliuc ist das gelungen. Nach fast einem Jahr und 40 Bewerbungen fand er eine Lehrstelle im Restaurant „Zum weißen Tiger“ im zweiten Bezirk. „Gerade als ich gedacht habe, jetzt muss ich wieder warten, hat sich die Stelle ergeben. Das war schon ein schönes Gefühl“, sagt er. Und auch sein Chef ist sehr zufrieden. Gute Lehrlinge sind gar nicht so leicht zu finden, klagen Unternehmer oft.

 

Die Lehre als Rutsche in den Job

Die Lehre, im Fachjargon „Duale Ausbildung“, ist einer der Gründe, warum die Jugendarbeitslosigkeit in Österreich nur neun Prozent beträgt, während im EU-Schnitt 22 Prozent der unter 25-Jährigen keinen Job haben. Ein vergleichbares Ausbildungssystem gibt es nur in Deutschland und der Schweiz. „Jugendliche finden so schnell einen Einstieg in den Arbeitsmarkt. Das ist in anderen Ländern viel schwieriger“, sagt Oliver Stettes vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln. Das „verschulte“ Spanien etwa hat so zwar eine der höchsten Akademikerquoten der EU, aber 52 Prozent junge Arbeitslose. Auch, weil der rigide Kündigungsschutz eine hohe Hürde für den Eintritt in den Arbeitsmarkt ist. Die Jugendarbeitslosigkeit ist fast überall mindestens doppelt so hoch wie die allgemeine. Es ist nun einmal leichter, einen Job zu behalten, als einen zu finden.

Wer mit 50 seinen Arbeitsplatz verliert, hat es aber mindestens genauso schwer. Die Beschäftigungsquote von Menschen zwischen 55 und 64 Jahren lag im Vorjahr nur knapp über 40 Prozent. Das liegt auch daran, dass der durchschnittliche Österreicher mit 58 Jahren in Pension geht. Kritiker bemängeln, dass die Arbeitslosigkeit so künstlich niedrig gehalten wird. Aber auch Unternehmen scheuen sich oft, Ältere einzustellen. Der strikte Kündigungsschutz für Ältere ist da ein großes Hindernis.

Alfred Rag hat es trotzdem geschafft. Mit 58 Jahren ist er noch „ziemlich rüstig“, wie der gelernte Elektriker erzählt. Vor seinem jetzigen Job als Haustechniker bei der Möbelkette Leiner hat er 13 Jahre lang in einem Seniorenheim gearbeitet. Aber das Verhältnis mit den Kollegen wurde schlechter, irgendwann konnte er nicht mehr. Rag war bereits 57, als das Dienstverhältnis einvernehmlich aufgelöst wurde. Viele hätten an seiner Stelle nur noch auf den Ruhestand gewartet. Aber Rag wollte arbeiten. „Ich habe 30 bis 40 Absagen bekommen. Wenn Firmen das Alter sehen, glauben sie oft, man ist schon pflegebedürftig.“ Sein jetziger Arbeitgeber nicht. Die öffentliche Hand hat ihn drei Monate lang mit einer finanziellen „Eingliederungshilfe“ unterstützt. Zwei Jahre will Rag noch arbeiten, vielleicht auch länger. Defizite wegen seines Alters? „Im Gegenteil. Die wundern sich, was ich alles kann.“

 

Nur Korea liegt vor Österreich

Rag ist da eher die Ausnahme. „Die Beschäftigung von Älteren ist in Österreich gestiegen, aber im internationalen Vergleich sind wir diesbezüglich immer noch kein Vorzeigeland“, sagt Helmut Hofer, Arbeitsmarktexperte am Wiener Institut für Höhere Studien. Betrachtet man die Entwicklung auf dem gesamten Arbeitsmarkt, sieht das anders aus. Österreich hat die niedrigste Arbeitslosenquote der EU und auch von den anderen Industrieländern der Welt liegt nur Südkorea vor Österreich (mit 3,4 Prozent). Das ist natürlich auch eine Frage der Statistik: Schulungen schönen diese genauso wie das niedrige Pensionsantrittsalter. Aber per definitionem – ein Dreier vor dem Komma – herrscht in Österreich Vollbeschäftigung. Deshalb interessieren sich seit der Krise EU-Beamte und Forscher genauso für das Wiener Rezept wie internationale Medien. „Meistens werde ich gefragt, warum der Bereich Jugend so gut funktioniert“, so AMS-Vorstand Johannes Kopf (siehe Interview).

 

Eine Milliarde Euro vom Staat

In der Krise ist die Arbeitslosigkeit zwar gestiegen, aber weniger, als befürchtet. Dank Kurzarbeit, Überstunden- und Urlaubsabbau blieben Massenentlassungen aus. So konnten die Betriebe im Aufschwung schnell wieder loslegen. „Kurzarbeit ist gut, um kurze Strecken durchzutauchen“, sagt Kopf. Dafür brauche es aber eine solide Basis. „In Spanien zum Beispiel wäre das Unsinn. Die haben nämlich kein kurzes Auftragsloch, sondern ein strukturelles Problem. Es hat keinen Sinn, Leute fürs Nichtstun zu bezahlen, wenn ich nicht das Grundproblem löse.“

Die Grundstruktur ist in Österreich nicht das Problem. Österreich habe einen relativ flexiblen Arbeitsmarkt und – von den Älteren abgesehen – einen geringen Kündigungsschutz, sagt Hofer vom IHS. „Es hat sich nie Langzeitarbeitslosigkeit herausgebildet.“ Die Wirtschaft läuft gut, vergleichsweise auch in der Krise: Während in der Eurozone heuer Rezession herrscht, dürfte die österreichische Wirtschaft um 0,8 Prozent wachsen. Das liegt auch an der Nähe zu Deutschland. Zudem stützt der Staat den Arbeitsmarkt ordentlich: Das AMS hat jährlich rund eine Milliarde Euro für aktive Arbeitsmarktpolitik zur Verfügung.

 

Selbstständig statt arbeitslos

Das hat zum Beispiel Sibylle Bergler geholfen. Mit 55 Jahren sperrte sie wegen Schulden ihre Videotheken zu, Anstellung fand sie danach keine mehr. Bei „Visitas“, einem geförderten Betrieb des Roten Kreuzes, wurde sie für den Besuchsdienst bei Pflegebedürftigen ausgebildet, heute arbeitet sie als Bürokraft in einem Pensionistenheim. „So bin ich nicht zum Warten auf die Pension verurteilt.“

Bei Martin Muthenthaler war es umgekehrt: Er verabschiedete sich aus der Anstellung in die Selbstständigkeit. Wenn auch nicht ganz freiwillig. Muthenthaler fuhr viele Jahre Lastwagen für die Domäne Wachau. 2006 wurden Jobs abgebaut, auch seiner. Also baute er den elterlichen Betrieb um und wurde Winzer. Heute führen das Steirereck und das Le Loft im schicken Wiener Sofitel seine Weine. „Jetzt habe ich mein Glück selbst in der Hand“, sagt Muthenthaler.

(c) Clemens Fabry, Grafik: Die Presse

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)

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43 Kommentare
 
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Moi...

Ich sags ja immer, gewissen Leuten fehlt das Ironieerkennungsgen. Ja, in der Tat! Vor einigen Jahren fanden doch Wissenschaftler tatsächlich heraus, dass für das ugs. "Eck", das fehlt, ein Gen verantwortlich ist.

Die süßen Rechtschreibfehlerchen gehören zu unserem kultigen Michi. Erst damit ist die Satire perfekt. Jezt ächt aber one schmee.

Re: Was ist denn da los?

Der ist gerade im türkischkurs!! Aber er sagt das die neue linie von der pre se ur super ist!!!! Meine lieblingszeitung!!!! :)

;)

Österreich: Wo die Menschen auch in der Kriehse glücklich arbeiten. Die Bürgerin freuht sich über die Elitäre entscheidung unserer lieben Freundin im Parlament und bei den wichtigen Terminen zur Zukunft der ÄU. Mit unserem Liebesvolksbundeskanzler Feymann ist alles fär, sozial und gerecht. Danke ÄU, da bin ich Mensch, da möchte ich leben, da bin ich glücklich :)

Gast: speibender regenbogen
29.06.2012 21:31
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jaja, die tollen einzelfälle...

und ich hab nach 500 bewerbungen noch immer keinen neuen job. und das, obwohl ich schon eine gute ausbildung habe!

ihr könnts euch mit eurer jubel-trubel-heiterkeits-ausgabe brausen gehen. die ist wie ein hohn, nachdem, was gestern nacht in brüssel beschlossen wurde. jetzt gehts ruckzuck in den abgrund! zum glück hab ich nichts mehr zu verlieren...

Antworten Gast: Gast xxxxxxxxx
02.07.2012 16:06
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Re: jaja, die tollen einzelfälle...

Wenn ein Techniker (DI) nach 500 Bewerbungsschreiben noch keinen Job hat, dann ist sonst etwas faul an ihm.

Re: jaja, die tollen einzelfälle...

Hast vielleicht deine Bewerbungen an Firmen geschickt, die absolut keine neuen Mitarbeiter suchen?

Sowie es in meinem Betrieb immer passiert??

Antworten Gast: exstudent
29.06.2012 23:37
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Re: jaja, die tollen einzelfälle...

Hab ich auch noch nicht - trotz DI. Glaubst ich jammere? Nein, ich bewerbe mich weiter.

Tipp: studieren?

Re: jaja, die tollen einzelfälle...

Ich hab das anders erlebt. bin krank und hab .mit 51 meinen Job verloren, wobei ich auch eine gute Ausbildung habe. Ich bin dann vor der Entscheidung Frühpension oder selbstständig machen gestanden. Dass ich in meinem Alter und .mit meiner Krankheit noch eine Anstellung finde, habe ich nicht erwartet.

Ich. verdiene zwar jetzt deutlich weniger als früher, aber doch um durchschnittlich ca. 20% mehr als in der Frühpension und sammle noch Versicherungsmonate.

Doch das Beste ist, dass ich jetzt dann arbeiten kann, wenn es meine Krankheit zulässt.

Re: Re: jaja, die tollen einzelfälle...

... so einfach ist das aber auch nicht mit der Selbstständigkeit!
Ich bin 50 mit guter Ausbildung und war ca. 2 Jahre Arbeitslos, zig Bewerbungen und immer die Antwort "Überqualifiziert" --- bis ich mich selbstständig gemacht habe, auch mit erheblichen Einbussen!! Nach 3 Jahren dann eine längere Krankheit, dadurch kein Einkommen, Firma geschlossen....
.... neuerliche Jobsuche und immer die Antwort: Überqualifiziert.....

Antworten Antworten Gast: speibender regenbogen
29.06.2012 22:56
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Re: Re: jaja, die tollen einzelfälle...

tja, ich bin allerdings um einige jährchen jünger und sitze jetzt seit sieben jahren auf dem trockenen. wenn ich könnte, würde ich sofort etwas körperliches arbeiten. leider könnte ich dann wegen meinem knie nach dem ersten tag einen längeren krankenstand antreten und würde letztendlich sowieso wieder gekündigt. nur finde ich es langsam unerträglich, wie tagtäglich herumgelogen wird, wir hätten zuwenige fachkräfte im technischen bereich. und dennoch krieg ich keine arbeit... (kann das vielleicht daran liegen, daß ich von einem roten wiener gemeinderat über die gpa ausständigen lohn eingefordert habe???)

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Re: Re: Re: jaja, die tollen einzelfälle...

umziehen hilft auch. ist halt net so fein, wie arbeitslose kassieren

Re: Re: Re: jaja, die tollen einzelfälle...

Ihre Situation ist sehr bedauerlich. Vielleicht hilft es, wenn Sie etwas unkonventionelles versuchen? Ich hätte mir auch nie vorstellen können, ohne sicheres Monatseinkommen Leben zu können. In den beiden Sommermonaten habe ich so gut wie keine Aufträge, d.h. auch kein Einkommen. Da arbeite ich halt an einem Buchprojekt, mit dem ich vielleicht später etwas verdienen kann und im September habe ich jetzt schon ein Auftragsvolumen (Beratungstätigkeit) von rf. € 4.400,--. Ich habe erst lernen müssen, damit umzugehen, aber es läuft mittlerweile ....

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: speibender regenbogen
29.06.2012 23:43
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Re: Re: Re: Re: jaja, die tollen einzelfälle...

da bin ich leider im falschen gewerbe, da gibts nix zum selbstständig machen. aber ich bin an was "artfremden" dran, da kann ich vielleicht in einen kleinen betrieb einsteigen, aber das dauert noch mindestens zwei jahre, bis es soweit ist... und bis dahin steht die welt sowieso nicht mehr so, wie wir sie momentan erleben. da werden wir in europa andere zustände haben, die mir allerdings aufgrund geänderter arbeitsmarktpolitischer vehältnisse wieder viele chancen eröffnen werden.

Gast: Putzts euch
29.06.2012 19:51
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Das Hirn schmilzt

in den Redaktionsstuben auch wie Eis in der Sonne. Ja, Arbeitslosigkeit ist der Beginn eines neuen Lebens.Aber das um unteren Ende der Abstiegsleiter. Hoffentlich lesen das auch die 500.000 offiziellen und inoffiziellen Hackenstaden.

Re: Das Hirn schmilzt

Genau so ist es. In der heutigen Berufswelt - abseits von öffentlichem Dienst - bedeutet Arbeitslosigkeit ganz einfach Abstieg. Bekommen Arbeitslose wieder Jobs? Ja, in der Regel schlechter bezahlt, selten in einer vergleichbaren Position. Arbeitslosigkeit ist ein Stigma, das im Lebenslauf i.d.Regel dem Bewerber als persönliches Versagen ausgelegt wird (ob berechtigt oder nicht sei dahingestellt). Man möchte sich einfach nicht eingestehen, dass die westlichen Industriegesellschaften nicht mehr Vollbeschäftigung erreichen KÖNNEN. So wird, insb. in Österreich, die tatsächliche Arbeitslosigkeit mannigfaltig versteckt, um weiter der Vollbeschäftigungs-Illusion anhängen zu können.

Gast: Hatschi Pratschi
29.06.2012 19:40
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Propaganda

Lachhaft. Wenn er ausgelernt hat max. 1.500 netto bei sündteuren Lebenshaltungskosten. Widerliche Propaganda.

Antworten Gast: echtjetzt
29.06.2012 23:32
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Re: Propaganda

1500 netto finden Sie schlecht? In Wien (Leopoldstadt) lässt sich damit gut leben.

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Re: Propaganda

Es ist nicht alles Propaganda, was nicht den Angstmacherparolen der blauen Populisten entspricht. Übrigens: Hatschi Bratschi schreibt man Bratschi mit "B".

 
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Hobbyökonom