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Außer Streit steht hingegen, dass das österreichische Wirtschaftswunder des Jahres 2012 ganz andere Züge trägt als jenes aus der Zeit des Wiederaufbaus. Das Wunder von heute liegt nicht so sehr darin, aus nichts viel zu machen. Wundern darf man sich vielmehr darüber, dass es die in einem überbürokratisierten Hochlohnland angesiedelten Unternehmen schaffen, im globalen Wettbewerb mit Konkurrenten zu bestehen, die in einem wesentlich wirtschaftsfreundlicheren Umfeld operieren. Stellvertretend für das neue österreichische Wirtschaftswunder stehen die vielen konkurrenzfähigen Dienstleister und die unzähligen mittelständischen Industriebetriebe, die enormes Risiko genommen und mit Exportquoten in der Gegend von 95 Prozent eine ganze Reihe von globalen Nischenmärkten erobert haben. Der Großteil des heimischen Wohlstands wird längst weit hinter den Landesgrenzen erwirtschaftet.
Und dieser Wohlstand ist beachtlich: Österreich generiert mittlerweile die dritthöchste Wirtschaftsleistung pro Kopf in Europa (siehe Grafik). Dieser ökonomische Aufstieg ist auch nicht passiert, er wurde von den Unternehmern und deren Belegschaften hart erarbeitet.
Schnalzende Produktivitätspeitsche
Wirklich begonnen hat die Schwerarbeit in den 1970er-Jahren. In dieser Zeit wurde nicht nur den Unternehmern das Leben über stark steigende Steuern und Sozialabgaben schwer gemacht, es fiel auch eine der folgenreichsten Entscheidungen in der heimischen Wirtschaftsgeschichte: die Anbindung des „weichen“ Schilling an die „harte“ Deutsche Mark. Österreich hatte also seine erste Hartwährungsunion, lange bevor überhaupt jemand an den Euro dachte. Eine Entscheidung übrigens, die vom seinerzeitigen Finanzminister Hannes Androsch (SPÖ) und der Nationalbank vorangetrieben, vom damaligen Bundeskanzler Bruno Kreisky und der Industriellenvereinigung aber verbissen bekämpft wurde. Kreisky war alles suspekt, was sein einstiger Günstling ausheckte und die Industrie fürchtete um ihre mühsam aufgebauten Marktanteile.
Nicht ganz zu Unrecht, schließlich hatten Österreichs Betriebe plötzlich zu deutlich höheren (deutschen) Preisen anzubieten. Eine Anpassung, an der die Anbieter aus den neuen deutschen Bundesländern noch heute scheitern. Während dort von blühenden Landschaften nicht viel zu sehen ist, wirkte die „Produktivitätspeitsche“ in Österreich wahre Wunder: Die Wirtschaft passte sich den erschwerten Bedingungen an, nicht zuletzt dank einer pragmatischen Gewerkschaftsführung, die den strukturellen Aufholprozess der Wirtschaft mit vergleichsweise maßvollen Lohnrunden unterstützte.
Die Hartwährungspolitik wurde trotz vehementer Kritik beibehalten und damit auch der hohe Druck auf die Unternehmen und ihre Beschäftigten, die Wettbewerbsfähigkeit sukzessive zu steigern. Eine Hochrisikostrategie, die sich letztlich zum Wohl aller bezahlt gemacht hat: Heute wird fast nirgendwo in der Welt so produktiv gearbeitet wie in österreichischen Unternehmen. Eine Entwicklung, die ohne die Anbindung an die DM nicht möglich gewesen wäre. Und ohne die hohen Produktivitätssteigerungen der heimischen Wirtschaft wäre der österreichische Sozialstaat wiederum längst pleite.
So aber steht das kleine Österreich heute immerhin für die dritthöchste Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung in der EU. Das wiederum bedeutet, dass der jährlich erwirtschaftete Wohlstand der Österreicher um knapp 30 Prozent über dem EU-Schnitt liegt – und um beachtliche acht Prozent über jenem der Deutschen. Kein schlechter Wert für ein Land, das sich nicht gerade als Wirtschaftsnation versteht und dessen Bevölkerung hinter einer starken Wirtschaft noch immer eine ausgebeutete Arbeiterschaft vermutet.
Wie attraktiv aber die österreichischen Arbeitgeber mittlerweile sind, lässt sich auch daran ablesen, dass Österreich heute zum Fluchtland Nummer eins für deutsche „Gastarbeiter“ geworden ist. Wer hätte es jemals für möglich gehalten, das Wiener Schnitzel von deutschen Kellnern serviert zu bekommen? Ein derartiger Luxus fällt freilich nicht vom Himmel. So etwas muss man sich schon „errackern“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)

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