Am Wiener Bauernmarkt ist derzeit Baustelle. Ein Container mit Schutt begrenzt den Straßenrand, Arbeiter lärmen und schwitzen in der Junisonne. Nur zwei riesige Plakatwände, von denen überlebensgroß ein junger dunkelhaariger Mann in Anzug betont cool herabblickt, lassen erahnen, welchem Laden die Baustelle einmal weichen wird: „COS – Eröffnung im Herbst“.
Es ist die erste Filiale, die die Premium-Linie von Hennes und Mauritz hierzulande eröffnet. Die Stockholmer gründeten COS („Collection of Style“), um in höherpreisige Segmente einzudringen. Die Stücke wirken zeitlos – die Schnitte sind schlicht, aber nicht ohne Chic. Gemessen am Preis fängt COS dort an, wo H & M aufhört. Der Wiener Standort wird mit dem gesamten Sortiment bestehend aus Damen-, Herren- und Kinderbekleidung aufwarten. Den genauen Eröffnungstermin hält COS mit Sitz in London noch unter Verschluss.
Klingende Namen. Die Eröffnung von COS ist jedoch beileibe nicht das einzige Shopping-Zuckerl, das 2012 für die Wiener bereithält. Einige Gehminuten vom Bauernmarkt entfernt entsteht eine Glitzerwelt auf drei Stockwerken: Das „Goldene Quartier“ des Tiroler Investors René Benko eröffnet zwischen Hochholzerhof und Tuchlauben. Als Mieter stehen bereits Louis Vuitton, Prada, Miu Miu und Emporio Armani fest. In Summe wird ein gutes Dutzend Händler einziehen, weitere Namen sollen in den nächsten Wochen folgen.
Einen Stichtag für die Eröffnung gibt es aber nicht – die Läden sperren nacheinander auf. Die französische Nobelmarke Louis Vuitton macht den Anfang und eröffnet im Herbst auf drei Stockwerken neu. Danach sollte Miu Miu auf circa 500 Quadratmetern seine Pforten öffnen. Die italienische Kette bietet Mode etwas preiswerter und für ein jüngeres Publikum an als die Mutter Prada. Bis zur Eröffnung des Luxushotels im Gebäude des Hochholzerhofs („Park Hyatt Vienna“) Ende 2013 sollte der Handelsbetrieb zwischen Am Hof und Graben voll im Gange sein.
Glückliche Chinesen. Mit dem Einzug der Luxus-Labels in die Innenstadt hat naturgemäß auch der Tourismusdirektor seine Freude: Gäste aus Russland, dem arabischen Raum und Schwellenländern wie China, Indien und Brasilien seien auf Prestige bedacht: „Diese Zielgruppe erwartet sich internationale Topmarken von einer Stadt“, sagt Wien-Tourismus-Chef Norbert Kettner.Und fügt hinzu: „Eine Metropole braucht internationale Luxusmarken. Sie gehören zu ihrem vegetativen Nervensystem.“ Für Bekleidung geben Touristen in Österreich durchschnittlich 5,8 Euro pro Übernachtung aus. Rechnet man diese Zahl auf die gesamten Übernachtungen im Kalenderjahr 2011 hoch (126 Mio.), belaufen sich die Ausgaben auf 730 Mio. Euro. In Wien dürften die Ausgaben für Mode noch höher sein, glaubt Michael Oberweger, Berater beim Studienautor Regioplan. Fakt ist: Die Ausgaben der Touristen für Mode steigen jährlich an.
Billige Konkurrenz. Es sind jedoch nicht allein die Luxus-Labels, die die Einkaufsstraßen und -center hierzulande vielfältiger werden lassen. Gerade auch am unteren Ende der Preisskala nähert sich 2012 eine Kette mit großem Potenzial: „Primark ist ein Category Killer. Einer, der die ganze Branche umdrehen kann“, sagt der Präsident des heimischen Handelsverbands Stephan Mayer-Heinisch. Was so viel heißt wie: Die Marktführer H & M und C & A (Nummer eins und zwei) müssen sich warm anziehen.
Die Jugendmarke zieht seine Läden auf riesigen Flächen auf und verkauft T-Shirts und Hotpants billiger als H&M. Soll heißen: Kleider für vier Euro, Trenchcoats für sechs Euro. Besonders beliebt ist Primark bei der superjungen weiblichen Zielgruppe. Und die Iren sind für ihre aggressive Expansion bekannt. Zwei Standorte stehen zurzeit fest: Die Eröffnung des neuen Einkaufszentrums G3 in Gerasdorf bei Wien bringt im Oktober eine Filiale auf 5500 Quadratmetern Fläche. Der Sillpark in Tirol eröffnet seinen Standort bereits im September – auf 4000 Quadratmetern. Mittelfristig wird in der Branche mit fünf bis sechs Standorten gerechnet, als wahrscheinlich gilt, dass sich Primark auch in der Shopping City Süd (SCS) ansiedelt.
Knallige Farben. Bereits dort ist die spanische Modekette Desigual, die mit farbenprächtigen Textilien und auffallenden Mustern vor allem eines sein will: „ungleich“, also anders. Neben der SCS hat auch ein Laden der Spanier im Donauzentrum und in der WestBahn City auf dem Wiener Westbahnhof eröffnet. Der größte Flagship-Store der Gruppe entsteht aber erst – auf der Mariahilfer Straße 57 bis 59. Dort wird die Fläche eines Cafés und eines Kinosaals zu einer knapp 2300 Quadratmeter großen Verkaufsfläche umgebaut. Die Eröffnung erfolgt voraussichtlich im August. Unweit davon soll der zweite Laden einer neuen Schuhkette einziehen: Aldo lässt die Herzen von Schuhliebhabern seit April im Donauzentrum höher schlagen.
Der kanadische Handelsriese will langfristig mit zehn bis 15 Filialen frischen Wind in den heimischen Schuhhandel bringen, der von Leder & Schuh (u.a. Humanic, Stiefelkönig, Jello, Shoe4You) und Deichmann dominiert wird.
Lobende Worte. Neue Marken wie COS, Miu Miu, Primark, Hollister und Forever 21 (Letztere sind bereits seit dem Vorjahr in Wien vertreten) führen dazu, dass einzelne Einkaufsstraßen „neue Ankerbetriebe erhalten und sich von der Uniformität der Handelszonen lösen“, sagt Handelsexperte Michael Oberweger. „Wien hat sich in den letzten Jahrzehnten hervorragend entwickelt“, ergänzt Handelsverband-Präsident Mayer-Heinisch. „Wir haben mittlerweile ein gutes internationales Angebot, im Hochpreis- wie im Niedrigpreissegment.“
Auch in der Achtung der internationalen Mode-Player ist Österreich gestiegen, wie Markus Pichler, als Österreich-Chef von Unibail Rodamco Herr über SCS und Donauzentrum, sagt. Wenn erfolgreiche US-Händler anfangen, ihre Standorte über Europa auszurollen, beginnen sie in der Regel mit dem ersten Flagship-Store in London. Danach folgen laut Pichler Standorte in Modemetropolen wie Paris, Mailand und Barcelona. „In der zweiten Welle werden aber schon Wien, München, Hamburg und Stockholm erfasst.“
COS platziert seine vorerst einzige Filiale im Herbst am Bauernmarkt. Miu Miu zieht neben Louis Vuitton und Prada in den Tuchlauben ein.Primarkbesetzt erste Standorte in Gerasdorf bei Wien und in Innsbruck. Desigual sperrt im August seinen Flagshipstore in der Mariahilfer Straße auf. Und Aldo geht nach dem Donauzentrum auch in die Mariahilfer Straße.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2012)
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