Thomas Eisenhuth geht gerne schwimmen. Abends nach dem Job entspannt er sich im Schönbrunner Bad. Vor einem Jahr lernte er so den Geschäftsführer des Bades kennen. Josef Ebenbichler jammerte über die hohen Energiekosten. Und zufällig hatte er die richtige Klagemauer erwischt. Eisenhuth ist nämlich Energieberater und betreibt eine Agentur für Energiehandel in Wien. Die beiden kamen ins Geschäft.
Juni 2012: Noch immer zieht Eisenhuth regelmäßig im Pool seine Runden. Doch mittlerweile kennt er in dem idyllischen Parkbad jede Ecke. Die erste Frage, die er damals an Ebenbichler stellte: „Zeigen Sie mir doch einmal Ihre Stromrechnung.“ Auf den ersten Blick erkannte er, dass der Stromtarif zu hoch war. Er schrieb mehrere Anbieter an, verhandelte hart. Damit ist zwar noch keine Kilowattstunde eingespart, aber ab dem kommenden Jahr wird der Strom für das Schönbrunner Bad um 20 Prozent billiger sein.
Eisenhuth erkannte auch, dass das Bad einen relativ hohen Blindstromverbrauch hatte. Damit ist – salopp formuliert – Strom gemeint, der ungenutzt verbraucht wird. 3000 Euro kostete die technische Lösung des Problems. In eineinhalb Jahren wird sie sich amortisiert haben. Die Industrieschaltuhr für die Umwälzpumpe gab es für wenige hundert Euro. Sie schaltet eine von drei Pumpen nach Betriebsschluss ab. In der Nacht genügen zwei Pumpen, um weiterhin eine Top-Wasserqualität zu gewährleisten.
„Meine Stromkosten sind um 13 Prozent gesunken“, erzählt Ebenbichler und ist froh über seine Initiative. Mittlerweile. Denn der Schritt sei nicht einfach gewesen. „Ich habe schon vor vier Jahren daran gedacht, einen externen Berater zu engagieren“, gesteht er. Aber es sei eben nicht leicht, einem wildfremden Menschen Einblick in Geschäftsunterlagen, Verträge und innerbetriebliche Abläufe zu gewähren. Beim zweiten Mal sprang Ebenbichler, der im Hauptberuf Vizerektor der Veterinärmedizinischen Universität ist, über den eigenen Schatten.
Er hat sich daran gewöhnt, dass Eisenhuth unermüdlich nach Energiefressern sucht und regelmäßig fündig wird. Er nahm sogar die Sonnenkollektoren auf dem Dach ins Visier. Alle dachten, dass sie dazu dienen, das Duschwasser aufzuwärmen. Tatsächlich funktionierten sie nicht. Das Wasser wurde die ganze Zeit mit Strom geheizt. Kleine Reparatur. Die Kollektoren sind nicht mehr nur optische Zierde.
„Es gibt nichts, womit man so schnell so viel Geld verdienen kann, wie mit Energie“, sagt Eisenhuth. Im Schnitt könne ein Mittelbetrieb in Österreich seine Energiekosten um 30 Prozent reduzieren, meint er. Auch das Schönbrunner Bad werde diesen Wert im kommenden Jahr erzielen, ist er überzeugt. Bevor man viel Steuergeld in Ökostrom stecke, sollte man mit dem Stromsparen beginnen, sagt der Mann, der sein Geld vor allem mit dem Handel mit Ökostrom verdient.
Dank der Kostenersparnis hat Josef Ebenbichler nicht nur mehr Geld für Investitionen, er wird vorerst auch ohne Preiserhöhung auskommen. Sohn Marco managt den Tagesbetrieb und manchmal erspäht er Thomas Eisenhuth auf dessen Suche nach unnützen Stromfressern.
Bleibt die Frage: Was kostet der Energieberater? „Das ist das Fairste am ganzen Deal“, sagt Ebenbichler. Denn neben einer geringen Aufwandsentschädigung besteht das Honorar aus 30 Prozent der Kostenersparnis im ersten Jahr. „Je mehr ich für meinen Kunden einspare, desto mehr verdiene ich selbst dabei“, sagt Eisenhuth.
Wenn Licht sinnlos brennt. Wenn man Roland Kuras zuhört, bekommt man das Gefühl, dass all das Gerede von der Wirtschaftskrise für die meisten Unternehmen nicht gelten kann. „Energiesparen steckt in Österreich noch in den Kinderschuhen“, sagt der Chef von Power Solution. Das Unternehmen übernimmt für Unternehmen das Energiemanagement. Zu den Kunden zählen Konzerne wie die Telekom Austria, große Hotelbetreiber wie Accor oder der Wiener Flughafen. „Fünf bis zehn Prozent der Energiekosten kann man ohne Aufwand einsparen“, meint er. „Es muss nicht das ganze Bürogebäude um sechs Uhr früh hell erleuchtet sein, nur weil die Putzfrau mit dem Aufräumen beginnt.“ Ein paar Bewegungsmelder würden reichen. Auch in Tiefgaragen, die größtenteils in Wien 24 Stunden lang beleuchtet werden.
Großes Potenzial sieht der Energieexperte im Handel, Gewerbe und in der Hotellerie. „Alleine das Licht kann in einem Hotel 20 Prozent des Stromverbrauchs ausmachen“, sagt er. Viele Manager achten auf die Klimaanlage, weil hier große Aggregate im Spiel sind. „Aber die vielen kleinen Lämpchen, die 24 Stunden lang, 365 Tage im Jahr brennen, die werden übersehen.“
Nicht mehr im Hotel Novotel Wien City, einem Vier-Sterne-Haus am Wiener Donaukanal. „Wir stellen die komplette Fassadenbeleuchtung von herkömmlichen Lampen auf LED um“, erzählt Hoteldirektorin Linda Pokorny. „Oft sind es die simpelsten Änderungen, die am meisten bringen“. Mit dem Umstieg auf LED profitiert das Unternehmen nicht nur vom geringeren Stromverbrauch, sondern auch von der längeren Lebensdauer der neuen Lampen. Früher seien die Leuchten ab dem vierten Jahr sukzessive kaputt gegangen. „Dann musste jedes Mal der Gabelstapler anrücken. Das kostet.“
Der Anstoß für das Energiesparen kam vom Mutterkonzern Accor. Mittlerweile hat die grüne Welle auch die Gäste erfasst. Jedes Handtuch, das nicht gewechselt werden muss, spart Energie. Um die Hälfte der Einsparungen pflanzt das Hotel Bäume. Das Programm kommt gut an. So gut, dass sich besonders umweltbewusste Gäste vereinzelt schon beschwert haben, wenn das Zimmermädchen ihr Handtuch doch getauscht hat, erzählt Pokorny. Bei den Effizienzprojekten gehe es aber um weit mehr als nur um ein grünes Image. „In Summe fangen wir so jedes Jahr die steigenden Energiekosten ab.“
Ihr großes Glück: Das Hotel ist neu gebaut, teure Sanierungen waren also nicht nötig. Das Aufrüsten alter Gebäude geht hingegen oft ins Geld – vor allem am Anfang. Hier kommen wir zum „größten Problem bei der Energieeffizienz“, sagt Willibald Kaltenbrunner, Umwelt- und Nachhaltigkeitsberater bei „denkstatt“. In vielen Unternehmen müssen sich Projekte innerhalb von zwei Jahren rechnen. Investitionen in Energieeffizienz verlangen aber einen weiteren Horizont.
Schokolade ohne Umweltsünde. Auch Hannes Huszar kennt das Problem. Oder besser: er kannte es. Sein Arbeitgeber, der Süßwarenkonzern Mars, hat zwar schon früh das Ziel ausgegeben, bis 2040 keinen ökologischen Fußabdruck mehr zu hinterlassen. Mit den internen Vorgaben für Rentabilität stand das aber oft in Widerspruch. Bis vor fünf Jahren. Da läutete die Eigentümerfamilie Mars die Kehrtwende ein: „Heute müssen sich Energieprojekte nicht mehr so schnell rechnen“, sagt Huszar. Er ist der technische Leiter der Mars-Fabrik in Breitenbrunn am Neusiedler See. 10.000 Tonnen Schokowaffeln produziert das Unternehmen hier jedes Jahr. Im Vorjahr leistete sich das Unternehmen einen „Energietachometer“ um 289.000 Euro. Über das Monitoringsystem weiß Huszar nun in jeder Sekunde, wo in der Fabrik die meiste Energie verbraucht wird. Der größte Stromfresser hat auch den langjährigen Fabriksleiter überrascht: die Ventilatoren der Klimaanlage. Die Lösung war vergleichsweise simpel. Statt mit voller Kraft drehen sich die Rotoren nur noch so schnell wie notwendig.
Allein seit 2009 investierte Mars am Standort 3,5 Millionen Euro in Energieprojekte. Im Mittelpunkt steht das Thema Wärme und Kälte. Denn Schokolade muss warm sein, um sich zu Naschereien formen zu lassen, aber kalt, wenn sie in die Verpackung kommt. Statt dafür jedes Mal Strom zu verbrauchen, nutzt Mars nun die Abwärme aus dem Kühlprozess. „Genauso wie beim Kühlschrank hinten heiße Luft raus kommt, ist es auch hier in der Fabrik. Nur in anderen Maßstäben. Die Wärme nutzen wir jetzt“, erzählt Huszar. Auch er vertraut auf externe Energieberater. Jede Woche kommt ein Mitarbeiter vom Europäischen Zentrum für erneuerbare Energien in Güssing für einen halben Tag in die Fabrik. „Wer den ganzen Tag Schokolade produziert, achtet in erster Linie darauf, gute Schokolade zu produzieren. Da ist es gut, wenn jemand kommt, der auf ganz andere Dinge schaut“, sagt Huszar.
Gerne erzählt er das Beispiel von der stillstehenden Produktionslinie, bei der vergessen wurde, das Licht abzudrehen. „Dann brennen 250 Lampen umsonst. In einem Jahr kostet das 15.000 Euro“, mahnt er. Warum er da noch keine technische Lösung gefunden hat? „Wenn ich überall Bewegungsmelder installiere, nehme ich den Kollegen das Denken ab“, scherzt Huszar. Energieeffizienz beginnt nämlich im Kopf.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2012)
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